BINDER, Werner. Folter als Performanz (Torture as performance). In Bernhard Giesen, Werner Binder, Marco Gerster, Kim-Claude Meyer. Ungefähres. Mythos, Moral, Gewalt. Weilerswist: Velbrück, 2014. p. 66-78, 23 pp. Not specified. ISBN 978-3-942393-64-5.
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Basic information
Original name Folter als Performanz
Name (in English) Torture as performance
Authors BINDER, Werner.
Edition Weilerswist, Ungefähres. Mythos, Moral, Gewalt, p. 66-78, 23 pp. Not specified, 2014.
Publisher Velbrück
Other information
Original language German
Type of outcome Chapter(s) of a specialized book
Field of Study 50000 5. Social Sciences
Country of publisher Germany
Confidentiality degree is not subject to a state or trade secret
Publication form printed version "print"
WWW URL
Organization unit Faculty of Social Studies
ISBN 978-3-942393-64-5
Keywords in English Cultural sociology; social theory; performance; terrorism; torture; War on Terror; Abu Ghraib
Tags cultural sociology, performance, social theory, Terrorism, torture
Changed by Changed by: Dr. Werner Binder, učo 119115. Changed: 24. 10. 2014 13:26.
Abstract
Die Begriffe der »Performanz« und »Performativität« erfreuen sich in der jüngeren Kultursoziologie großer Beliebtheit. Performanzen lassen sich, ebenso wie Theateraufführungen und soziale Dramen, nicht auf ihre materiellen Effekte reduzieren, sondern verdanken ihre soziale Wirkung einem symbolischen Überschuss. Dabei sind öffentliche Performanzen, die sich an ein gesellschaftsweites Publikum richten, für die Kultursoziologie von besonderem Interesse. Die mediale Vermittlung und Verbreitung von Performanzen, ihre Übersetzung von der Mikroebene des Handelns in Bilder und Diskurse, lässt sie auch auf der Makroebene der Gesellschaft wirksam werden. Von einer Performanz von Gewalt - in einem engeren Sinne – kann man sprechen, wenn sich die kommunikative Botschaft des Gewaltaktes nicht in erster Linie an die Opfer, sondern an ein unbeteiligtes Publikum richtet. Ein Paradebeispiel hierfür ist der moderne Terrorismus - eine recht junge Form der Gewalt, die ohne die zur gleichen Zeit aufkommenden Massenmedien undenkbar gewesen wäre. Ein terroristischer Akt ist ein gewalttätiges Spektakel, das für ein Publikum in Szene gesetzt wird. Im Auge des unbeteiligten, aber Anteil nehmenden Zuschauers gewinnen diese außerordentlichen Gewaltakte ihre symbolische Sprengkraft. So können sie traumatisierende Wirkungen zeitigen – wie man es nicht zuletzt am Beispiel des 11. September 2001 beobachten konnte. Auch wenn »9/11« als historische Zäsur mittlerweile an Bedeutung verloren hat, muss der Performanz der Terroristen, aber auch den darauf reagierenden Performanzen (z.B. die weltweiten Solidaritätsbekundungen) eine große soziale Wirkung attestiert werden. Die Reaktionen auf den 11. September 2001 zogen einen institutionellen und kulturellen Wandel nach sich – v.a. in der amerikanischen Gesellschaft. 9/11 markiert den Auftakt zu einer Epoche, die in den folgenden Überlegungen unter der populären Bezeichnung »Krieg gegen den Terror« firmiert. Im Folgenden soll die These vertreten werden, dass »Folter« im Krieg gegen den Terror – oder genauer: ihre öffentliche Diskussion, ihre fiktionale Darstellung und das »offene Geheimnis« ihrer Anwendung – als eine Performanz begriffen werden kann, die eine symbolische Erwiderung auf die terroristische Performanz vom 11. September 2001 darstellt. Zunächst einmal ist der Anschlag auf das World Trade Center als Performanz und Bildakt zu rekapitulieren, bevor wir unsere Aufmerksamkeit der öffentlichen und politischen Reaktion auf 9/11 zuwenden. Anschließend soll die performative Dimension der Folter im Krieg gegen den Terror herausgearbeitet werden. Es wird dabei nicht nur um jene staatlich autorisierten Akte der Folter gehen, die von amerikanischen Regierungsanwälten legalistisch geschönt wurden und unter Ausschluss der Öffentlichkeit zur Anwendung kamen. Der performative Charakter der Folter im Krieg gegen den Terror tritt v.a. in der öffentlichen Folterdebatte nach 9/11, in den popkulturellen Darstellungen von Folter und in der Existenz des Gefangenenlagers in Guantanamo Bay zu Tage. Besondere Aufmerksamkeit gebührt schließlich der »missglückten« Folterperformanz im irakischen Abu-Ghraib-Gefängnis. Die Bilder der Missbrauchsfälle unterliefen die offiziellen Darstellungen und populären Imaginationen der Folter, weswegen der Abu-Ghraib-Skandal eine »ikonische Wendung im Krieg gegen den Terror« darstellt. Der Krieg gegen den Terror, der anfänglich dem drohenden Opfertrauma Einhalt geboten und die nationale Identität geschützt hatte, brachte die Vereinigten Staaten bald an den Rand eines kollektiven Tätertraumas. Wie wir sehen werden, führte die kollektive Aufarbeitung der Täterschaft von Abu Ghraib zu einer politischen Revision der institutionellen Maßnahmen im Krieg gegen den Terror und zu einem kulturellen Wandel des kollektiven Imaginären.
Abstract (in English)
Drawing and elaborating the concept of performativity, this paper analyzes the terrorist attacks of September 11, 2001, as well as the use of torture in the War on Terror as performance. Contrary to Baudrilliard's thesis on 9/11 as an answerable gift, the latter can be described as an »adequate« symbolic response to the former. Finally, I will show how the abuses at the Abu Ghraib prison can be described as an infelicitous performance of torture, which changed the social imagination of torture and the institutional and cultural framework of the War on Terror.
Links
MUNI/A/0995/2013, interní kód MUName: Analytické využití teoretických konceptů v sociálních vědách (Acronym: ATHOS)
Investor: Masaryk University, Category A
PrintDisplayed: 12. 8. 2022 17:59