Inhaltsverzeichnis: Die Einleitung 7 I. Geschichte der Tschechen und Deutschen im Rahmen der Länder der böhmischen Krone 9 A. Reich der Habsburger (1526 - 1848) 9 1. Die Kolonisierung der Böhmischen Kronländer im Mittelalter 11 2. Die Anfänge des Nationalismus (I. Hälfte des 19. Jhts) 12 3. Die tschechische Frage (bis I. H. des 19. Jhts.) 14 4. Tschechen und Deutsche in Böhmen und Mähren 15 B. Das österreichische Reich (1848 - 1867) 16 1. Die deutsche Frage: groß- oder kleindeutsche Lösung (19. Jht.) 17 C. Österreich-Ungarische Monarchie (1867 - 1918) 18 1. Die weitere Entwicklung der tschechische Frage 18 IL Tschechisch-deutsche Beziehungen vor dem Jahr 1918 in Znaim 22 A. Der deutsche Bürgerverein 23 B. Der erste tschechische Verein: Beseda Znojemskä 23 1. Der Verein als das tschechische nationale Symbol 24 III. Das Jahr 1918: Ende des Weltkriegs und Anfang der Ära der Republiken 26 A. Zerfall der Monarchie 26 6 B. Woodrow Wilsons Vierzehn Punkte 27 C. Die Entstehung der Tschechoslowakei (28.Oktober) 29 D. Die Entstehung Deutschösterreichs (21. Oktober) 30 IV. Znaim in 1918: Deutsche gegen die Republik 31 A. Die Situation von Juli bis Oktober in Znaim 31 1. November: Doppelherrschaft in Znaim 33 B. Die Gründung vom Deutschsüdmähren 33 1. Deutschösterreichisches Militär 34 2. Tschechisehe militarisehe Maßnahmen gegen Deutschsüdmähren.... 3 6 C. Die Befreiung von Znaim am 16. 12. und Anschluss zur ČSR 38 V. Deutsche in Znaim nach 1918 39 A. Der Friedensvertrag mit Österreich 39 1. Die Festlegung der Grenze zwischen der ČSR und dem Österreich... 39 B. Erste Ratswahl am 11. April 1920 in Znaim 40 C. Die Volkszählung in der ČSR 1921 41 D. Die Position der Deutschen im tschechischen Znaim 42 VI. Der praktische Teil 45 A. Tschechische Symbole der Stadt Znaim 46 1. »Beseda Znojemska« 46 7 2. Villa der Familie Mares 47 3. Die Gedenktafel des 28. Oktobers 1918 48 4. Der Masaryk-Platz 49 5. Das Jubiläumspark 50 B. Deutsche Symbole 51 1. Das Stadttheater 51 2. Villa der Familie Weinberger 52 3. Villa der Familie Krammer 53 4. Svobodas Häuser 54 5. St. Rostislav-Kirche 55 VII Textanhänge 58 A. Der Originaltext der Entschließung der Tschechen vom 1.9. 1918 in Ünanov 58 B. Der Originaltext des deutsch-österreichischen Werbeplakats, der am 21. 11. 1918 von dem tschechischen Nationalausschuss in Zidlochovice eingezogen wurde.... 59 8 Die Einleitung In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit dem Thema der tschechisch-deutschen Beziehungen, konkret während 1918 in der Stadt Znaim im Südmähren. Das Ziel meiner Arbeit ist, den Verlauf der Geschehnisse 1918 in dieser Stadt möglichst objektiv zu bearbeiten und in der praktischen Teil zu zeigen, was man in Znaim noch heute als »deutsch« und als »tschechisch« bezeichnen kann. Das wurde durch die Auswahl der Sehenswürdigkeiten getan, die noch heute die Stadt verschönen. Dieses Thema behandeln die Memoiren von František Coufal1 auf der ersten, sowie das Werk von Hieronymus Oldofredi2 auf der anderen Seite. Sie sind die einzigen Bücher, die sich sowohl mit dem Zeitraum des Ersten Weltkriegs, als auch direkt mit dem Jahr 1918 in Znaim beschäftigen. Wenn man sie vergleicht, erkennt man gleich, dass jeder eine andere Sicht der gleichen Dinge hatte. Trotz der historischen Wertigkeit dieser Werke sind diese ziemlich subjektiv. Die andere Literatur gibt es nur im Tschechischen und befasst sich meistens nur mit dem Jahr 1918 in Böhmen, schon weniger in Mähren. Über die Situation in Znaim 1918 schrieben Marian Keremidský3 und teilweise Matrin Kudláček4 in ihren Diplomarbeiten. Meine Arbeit besteht aus sechs Teilen. Der erste und dritte Teil werden als Hintergründe der Ereignisse in Böhmen und Mähren und damit auch in Znaim aufgefasst. Ich erwähne da nur die wichtigsten Aspekte, die - meiner Meinung nach sowohl zur Bildung vom tschechischen Bewusstseins, als auch zur Entstehung der Tschechoslowakischen Republik (CSR) führten. Diese Gesichtspunkte waren die wichtige Vorraussetzung dafür, was sich später im südmährischen Grenzgebiet 1 COUFAL, František: Osvobození jižní Moravy. Praha. 1937. 2 OLDOFREDI, Hieronymus: Der Kampf zwischen Krieg und Frieden. Amalthea-Verlag Zürich-LeipzigWien 1925. 3 KEREMIDSKY, Marian: Znojmo v prvních letech předmnichovské republiky. Diplomová práce PdF M U Brno 1992 4 KUDLÁČEK, Martin. Vývoj česko-německých vztahů ve Znojmě vletech 1918 - 193. Diplomová práce. Brno: FF M U 2005. S. 208. Vedoucí diplomové práce Jiří Malíř. Zugänglich in: 7 abspielte. Im zweiten, vierten und fünften Teil beschäftige ich mit der Situation in der Znaimer Gegend oder direkt in Znaim. Der letzte Abschnitt ist der praktische Teil meiner Arbeit. Dieser Teil befasst sich mit den tschechischen und deutschen Symbolen der heutigen Stadt Znaim. 8 I. Geschichte der Tschechen und Deutschen im Rahmen der Länder der böhmischen Krone A. Reich der Habsburger (1526 - 1848) 1526 wurde die böhmische5 Krone ein Teil der neuentstehenden Habsburger Monarchie. Der neue böhmische König wurde Ferdinand I. von Habsburg, Erzherzog von Österreich, der Anna von Jagiello geheiratet hatte. Diese Heirat wurde schon im Jahre 1515 verabredet, vom Kaiser Maximilian von Habsburg (Großvater von Ferdinand) und vom böhmisch - ungarischen König Wladislaw von Jagiello (Vater von Anna), aber die Tschechen wollten Ferdinand nicht nach seinem Erbrecht annehmen. Auf der anderen Seite, Bruder von Ferdinand - Karl - herrschte als Karl V. im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, diese Position Karls war ein großer Vorteil von Ferdinand, weil sie beide die Länder der böhmischen Krone vor eventuellen Türkenexpansion schützen konnten. Zusätzlich gab es mehrere Thronbewerber, Konkurrenten von Ferdinand waren die Fürsten von Bayern, Wilhelm und Ludwig, beide aus dem Haus von Wittelsbach und auch noch ein polnischer König Sigismund. Der neugewählte König musste hohe Herr scherschul den bezahlen. Ferdinand, im Gegensatz zu den anderen, die versprochen hattten, die ganze Königsschuld zu decken, bezahlte gleich die Hälfte der Schulden, was auf die böhmischen Stände so großen Eindruck machte, dass sie ihn in seiner Abwesenheit ohne den mährischen Landtag zum böhmischen König wählten6 . Die böhmische Krone und Ungarn waren damals eine Personalunion, deswegen sollte Ferdinand auch der König von Ungarn sein. Nach vielen Kämpfen gegen Jan I. Zapolsky, den vom ungarischen niedrigen Adel gewählten Gegenkönig, gelang es Ferdinand 1528, in Westungarn mitzuherrschen. 5 „Böhmisch" ist der Landbegriff. Die Bewohner der böhmischen Länder waren Tschechen, als auch Deutsche, wenn man also ein Böhmer schreibt, kann es gleichzeitig ein Deutscher heißen. Die Bezeichnung »deutsch« bedeutet hier die Sprach- und Volkszugehörigkeit und nicht die staatliche Zugehörigkeit (z. B.: zum Deutschen Reich seit 1870/71). 6 BĚLINA, Pavel a kol. autorů. Dějiny zemí Koruny české I. 9.vyd. Praha, Litomyšl: Ladislav Horáček Paseka, 2003. S. 215-216. 9 Dank Ferdinands Wahl von kam es zu einer festen Verbindung dreier Staaten der Länder der böhmischen und ungarischen Krone mit den habsburgisehen Erbländern (Ober- und Niederösterreich, Steiermark, Kärnten, Tirol und Krain). Damit wurde endgültig der Grundstein der mitteleuropäischen Vielvölkermonarchie der Habsburger gelegt. Obwohl Ferdinand noch vor der Königswahl den Tschechen versprach, dass er nie die Standerechte bricht, dass er die Religionsfreiheit gewährleistet und seinen Sitz in Prag hat, fing er an, tschechische Standeprivilegien zugunsten seiner Macht zu paralysieren7 . Schon 1527 entstanden in Wien zentrale Hofämter als Gegengewicht zu tschechischen Landesämtern, die bis zu dieser Zeit selbstständig arbeiteten. Ein großes Problem war die Religionsfrage. Der König musste katholischer Herrscher sein und bleiben. Die tschechischen Stände bekannten sich großteils zu den Utraquisten8 , daneben verbreitete sich Reformation Luthers aus den deutschen Ländern, unter anderem auch nach Osten. Genau mit 1526 beendete der tschechische Historiker František Palacký sein Werk Geschichte des tschechischen Volkes in Böhmen und Mähren (1832). Friedrich Prinz paraphrasiert Palacký in seinem Werk Nation und Heimat: „Palackýs Geschichtsbild ist bekannt, in ihm erscheinen die Deutschen Böhmens als gewaltsame Eindringlinge und Kolonisten, die mit Feuer und Schwert als Feudalherren und Germanisatoren einer geradezu bukolisch geschilderten slawischen Urdemokratie ein Ende bereiteten. Thema der böhmischen Geschichte sei daher seit diesem Zeitpunkt der Kampf zwischen Tschechen und Deutschen, die Hussitenzeit wurde zum glanzvollen Höhepunkt der böhmischen Geschichte, die Schlacht am Weißen Berge 1620 aus einer ständisch-konfessionellen(...) zu einer national-tschechischen Katastrophe umgedeutet und die darauf folgende Epoche zum »temno«, zum geschichtslosen Dunkel erklärt."9 Ich stimme dem Autor zu, nämlich in der späteren Zeit wurde ein Mythos über die Hinrichtung „tschechischer Herren" und die Vertreibung »des tschechischen Adels« 7 Ebenda S. 216 8 Auch als Kalixtiner (vom Kelch) genannt, der Utraquismus basiert auf Hussitenbewegung - böhmische religiöse Reformgruppe im 15. Jht. 9 PRINZ, Friedrich. Nation und Heimat. Beiträge zur böhmischen und sudetendeutschen Geschichte. Band 1. München: Sudetendeutsches Archiv, 2003. S. 250 10 geschaffen. Aber die meisten Herren und der ganze Adel sprach damals nur deutsch, der Begriff „böhmisch" sollte hier stehen und darf hier nicht mit „tschechisch" verwechselt werden. Heute noch verwechseln viele Tschechen diese zwei Begriffe, sie lauten nämlich ganz gleich in der tschechischen Sprache (wie »cesky«) und deswegen entstehen dann immer wieder verschiedene Missverständnisse. Außerdem lebten die nach dem Weißen Berg gebliebenen tschechischen Protestanten weiter in der deutschen Umwelt und genau diese Umwelt beschützte sie auch vor Gefahr. Das Hauptziel des Werkes Palackýs war, seiner Zeitgenossenen zu beweisen, dass die Tschechen schon im Mittelalter hochentwickelt waren. Unumstritten ist, dass Palacký mit seinem Geschichtswerk den Tschechen ihr Selbstbewusstsein während der Zeit der tschechischen Nationalbewegung zurückgab. Sie wurden sich bewusst, dass sie eine Nation sind, mit der man für die Zukunft rechnen muss und die das Recht hat, in Europa als eine gleichberechtige Nation angenommen zu werden. Aber wie kam es dazu, dass in den böhmischen Ländern nicht nur Tschechen, aber auch Deutsche gelebt haben? Wieso ist die böhmische Geschichte die Geschichte beider Völker? 1. Die Kolonisierung der Böhmischen Kronländer im Mittelalter Deutsches Sprachgebiet wurde während der sogn. Großen äußeren Kolonisation in Böhmen und Mähren gebildet. Die Deutschen kamen seit dem 11. Jahrhundert aus Bayern, Obersachsen und Thüringen vor allem wegen Übervölkerung der Heimat. Im 13. Jahrhundert kamen sie auf Einladung vom damaligen böhmischen König Přemysl Ottokar II., um unbesiedelte Gebiete als neue Landwirschaftsflächen zu nutzen. Diese Kolonisation setzte weiter bis nach Oberungarn (einen Großteil der heutigen Slowakei und Westukraine) und teils auch nach Niederungarn (heutiges Ungarn, Burgenland, Teile Kroatiens, Siebenburgen) fort. Und genau diese Kolonisation veränderte nicht nur die Landschaftsbeschaffenheit, sondern auch das zukünftige Europa. Im Zeitraum von 1526 bis 1848 durchliefen die böhmischen Länder im Rahmen der Monarchie radikale Veränderungen. Das absolutistische Staatsmodel und die Rekatholisierung setzte sich voll durch, vor allem nach dem Dreißigjährigen Krieg 11 (1618 - 1648). Die ganze Monarchie geriet in eine schwere Krise, Städte waren zerstört, viele Leute emigrierten, es kam zu Steuererhöhungen und damit schien das Leben des Alltags noch unerträglicher als vorher. Es gab immer mehrere Aufstände der Untertanen, bis zur Krise der absolutistischen Macht in Europa kam. Die kommende Aufklärung und die Herrschaft Maria Theresias und Josephs II. brachte in die böhmischen Länder nicht nur neue Reformen, sondern auch eine starke Germanisierung. Und genau in dieser Zeit (seit ca. 1770) formierte sich auch die Wiedergeburtsbewegung der Tschechen. 2. Die Anfänge des Nationalismus (I. Hälfte des 19. Jhts) Die Begriffe wie »Nation« oder »Nationalbewegung« begann man während des 19. Jahrhunderts zu benutzen. Wenn man in dieser Zeit über eine Nation spricht, wird sie eindeutig mit einer Sprache verbunden. Eine Nation bedeutet gleichzeitig eine Sprache. Nämlich die Sprache war damals das größte Symbol einer Nation.10 Die erste Nationalbewegung entstand in Frankfreich am Ende des 18. Jahrhunderts. Frankreich als absolute Monarchie war bisher kein einheitlicher Staat. Immer, wenn Frankreich gegen anderen Staaten Europas stand, war es immer nur ein kleiner Teil (Normandie, Bretagne, Paris). Die Französische Revolution 1789 war der Muster für andere europäische Nationen, was sich als nationale Wiedergeburt durchsetzte11 Die böhmische Sprachlandschaft wurde seit dem Dreißigjährigen Krieg dem Lebensstil hochentwickelter Ethniken (Franzosen, Engländer und vor allem Deutsche) ganz ohne Proteste untergeordnet. Die moderne tschechische Nation musste sich im habsburgisehen Vielvölkerstaat formen, in Böhmen seinen Platz in einer niedrigeren Volkskategorie einnehmen. Eine höhere Ausbildung und ein Gesellschaftsaufstieg war 1 0 KAČER, Jindřich. Jak se rodí národy? Živá historie. Extra Publishing. Listopad - prosinec 2008, roč. 1, č. 3,4 (dvojčíslo), S. 48 1 1 Ebenda, S. 48 12 im allgemeinen mit deutschem Sprachgebrauch verbunden und zwar auch in rein tschechischen Sprachgebieten12 . Die Geschichte des tschechischen13 Nationalismus ist großteils die Geschichte der nationalen Wiedergeburtsbewegung der Tschechen (ca. 1770-1850). Es ist die Epoche, in der kulturelle und politische Repräsentanten versuchten, die tschechische Kultur im Rahmen der Monarchie gleichberechtigt zu machen. So wie andere nationale Wiedergeburtsbewegungen, basierte auch die tschechische auf der Ära der Aufklärung. Es wurde nachdrücklich die Erhaltung und weiter dann die Qualitätsentwicklung der tschechischen Sprache betont. Neben den Tschechen erlebten aber auch die Deutschen mit eine nationale Bewegung. Die liberalen Deutschen respektierten die tschechische »demokratische« Hussitengeschichte, aber ihrer Meinung nach entwickelte sich tschechische Emanzipationsbewegung später eher zum Nachteil der deutschen Bevölkerung. Ferdinand Seibt beschreibt die Anfänge der beiden nationalen Bewegungen in seinem Buch Deutsche, Tschechen, Sudetendeutsche: „1764 begann hier (Prag) der soeben berufene Professor der Philosophie Karel Heinrich Seibt mit Vorlesungen in deutscher Sprache(...). Seine Tätigkeit als Landesdirektor für alle Gymnasien, deutsche wie tschechische, war ebenso allgemein auf die Sprachpflege gerichtet, nicht einseitig auf die deutsche, wie seine Anregungen zur Gründung auch tschechischer Zeitschriften einigten. Auch über andere Kanäle kam die Anregung zur besonderen Pflege der tschechischen Sprache, die der katholische Barock in seinen Gebet- und Predigtbüchern bewahrt hatte, aus Deutschland und von Deutschen: von der Universität Jena, wo Josef Jungmann und Pavel Josef Šafařík studiert hatten, der eine stark beeindruckt von den Bemühungen um Sprache, Brauchtum, Lebensart durch Friedrich Ludwig Jahn(...)."14 1 2 BĚLINA, Pavel a kol. autorů. Dějiny zemí Koruny české II. 9.vyd. Praha, Litomyšl: Ladislav Horáček Paseka, 2003. S. 61 1 3 „böhmisch" ändert sich während der I. Hälfte des 19. Jhts in „tschechisch" (schon ohne „deutsch") 1 4 SEIBT, Ferdinand. Deutsche, Tschechen, Sudetendeutsche. Veröffentlichung des Collegium Carolinum. Band 100. Analysen und Stellungnahmen zu Geschichte und Gegenwart aus fünf Jahrzenten. R. Oldenbourg: München, 2002. S. 40-41 13 Seibt hat da auch eine wichtige Bemerkung, dass die beiden böhmischen »Stämme« nicht zu »einer böhmischen Nation« gleichberechtigt werden konnten, wie es sich der Matematiker, Theologieprofessor und einer von den letzten Verfechtern des Landespatriotismus, Bernard Bolzano, vorstellte. Ein böhmisches »Nationalbewusstsein« konnte sich ebenso wenig durchsetzen wie ein bayerisches, sächsisches oder preußisches, trotzdem, dass Deutschland damals immer noch kein einheitlicher Staat war15 . 3. Die tschechische Frage (bis I. H. des 19. Jhts.) Der tschechischen Frage ging es zunächst eigentlich um die Erhaltung der tschechischen Sprache, dann ihre Verteidigung und anschließend das Nationalbewusstsein der Tschechen. Die Kultur hatte unter anderem eine politische Funktion, erste Staatsforderungen tauchten auf. Es gab mehrere Vorschläge, wie der Staat der Tschechen aussehen soll. Karel Havlíček Borovský kam 1846 mit dem Vorschlag, der auf dem Austroslavismus basierte. Später wurde dieser von František Palacký als komplexes politisches Programm repräsentiert. Palacký stellte sich einen neuen föderativen Staat von slawischen Staaten mit Österreich an der Spitze vor und entstand vor allem als ein Gegenpol zum panslawistischen Programm, dessen Ziel die kulturelle, religiöse und politische Einheit aller slawischen Völker Europas war. Im Vordergrund sollte das russische Reich als Hauptbeschützer stehen. „Am 11. März 1848 forderte man in Prag, besonders in dem Kreis um den tschechischen Geschichtsforscher František Palacký, die Vereinigung der alten Kronländer Böhmen, Mähren und Österreich-Schlesien mit Regierungssitz in Prag und einem jährlichen Landtag in Prag oder Brünn. Diese Forderung wurde bald zum Gegenstand der Revolutionspolitik.(...), aber andere Reichsländer, vornehmlich die unmittelbar betroffennen Mähren und Österreich-Schlesien, erhoben gegen den Ebenda. S. 41 14 böhmischen Zentralismus Protest (...)."16 Obwohl es die Grundlage für einen böhmischen Konstitutionalismus im Rahmen der österreichischen Monarchie bedeutete, ist die Frage, warum das diese Reichsländer taten? 4. Tschechen und Deutsche in Böhmen und Mähren Es gibt einen großen Unterschied, wie das böhmische Volk die tschechische Bewegung in Böhmen und in Mähren wahrnahm. Die tschechische nationale Bewegung wurde in unrer ersten Phase von Lehrern und dem Klerus, in der I. Hälfte des 19. Jhts. von mehreren Professoren geführt, aber es war immer nur eine geringe und in sich geschlossene Menge von Menschen. Diese Bewegung vermisste eine breitere Revolutionsbasis einer fortgeschrittenen Gesellschaftsklasse. Das spiegelte sich nicht nur in der Revolution 1848 wider, sondern auch darin, wie das Nationalbestreben dieser Gruppe in Mähren gesehen wurde. Die Markgrafschaft Mähren1 7 war immer mehr deutsch als das böhmische Königtum. Der Grund dafür ist vor allem die Nähe Wiens. Deutsch war der gebildete historische Adel mit den meisten Patriziern. Die waren Räte in den Rathäusern und kontrollierten damit alle wichtigen mährischen Städte. Die Kinder gingen lieber in eine deutsche Schule als in eine tschechische, weil es eine größere Perspektive in der Zukunft anbot. „Deutsch war seit 1787 die Vorrausetzung für jede höhere Schulbildung."18 Das tschechische Volk widmete sich eher dem veschiedenen Handwerk oder dem Handel. a) Nationale Wiedergeburt in Mähren Die mährische nationale Bewegung hatte kein bestimmtes Zentrum und noch lange in der II. Hälfte des 19. Jhts. überwog hier die deutsche nationale Bewegung, später von der Deutschen liberalen Partei (DLP) - dem Leader der mährischen Politik Seibt, Ferdinand. Deutschland und die Tschechen. München: Piper Verlag, 1998. S. 194 in 1182-1918 ofizieller Name Mährens Seibt, Ferdinand. Deutschland und die Tschechen. S. 198 15 unterstützt. Die mährischen Deutschen hatten ganz andere Vorstellungen als die Tschechen in Böhmen. 1848, als die Tschechen die Unifizierung der mährischen und böhmischen Stände verlangten, waren nicht nur deutsche, aber auch tschechische Mährer völlig dagegen und im Brief nach Wien baten sie um eine Autonomie. Zusätzlich hatten die tschechischen Mährer Angst vor dem tschechischen (radikalen) Nationalismus, weil es etwas Neues darstellte. Wie sie bis jetzt lebten, daran waren sie gewöhnt und das wollten die meisten nicht ändern. Das Jahr 1848 beruhigte dann den Rest der Menschen damit, dass die Leibeigenschaft aufgehoben wurde, obwohl sich der Leibeigene zuerst loskaufen musste. B. Das österreichische Reich (1848 - 1867) Jahr Tschechen % Deutsche % 1851 1 264 027 70,23 497 645 27,66 1857 1 351982 72,54 483 518 25,75 1880 1 507 328 70,41 628 907 29,38 1890 1 590 513 70,34 664 168 29,37 1900 1 727 270 71,35 675 492 27,91 1910 1 868 971 71,75 719 435 27,62 1921 2 048 424 78,29 547 611 20,93 Tab. 1 Volkszählung in Mähren 1851 - 1921 Laut der Volkszählungsergebnisse aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Tab. N . 1) ist klar, dass nur ein Drittel der gesamten Bevölkerung in Mähren deutscher Nation war19 . Eine wichtige Frage ist, was verursachte, dass Deutsche in der historisch böhmischen Gegend die Übermacht hatten? Da spielte die industrielle Revolution eine große Rolle. Die meist industriellen Gebiete befanden sich in der böhmischen 1 9 BARTOŠ, Josef; SCHULZ, Jindřich; TRAPL, Miloš: Historický místopis Moravy a Slezska v letech 1848 - 1960. 1. vyd. svazek IX. Ostrava: Profil, 1984. S. 27-28 16 historischen Grenznähe, wohin von Anfang an nur ausländisches (englisches, franzözisches ) oder deutsches Kapital (v. a. jüdisches) kam. Dank der industriellen Revolution wurden deutsche Unternehmer reich. Noch ein anderer Aspekt war das damalige Wahlsystem, das von der abgeführten Steuerhöhe abhing. Die Steuerhöhe bestimmte den Platz in der Wahlkurie des Land- und Reichtags. „Es existierten vier Wählerklassen: Großgrundbesitz, Städte, Handels- und Gewerbekammern sowie Landgemeinden. Wahlberechtigt waren alle erwachsenen Männer, die mindestens 10 Gulden Steuern zahlten, sie wurden deshalb „Zehnguldenmänner" genannt. Dieses Kuriensystem war zweifellos undemokratisch. Aber nur mit dessen Hilfe glaubten die Deutschen als die Vertreter des Einheitsgedanken die Mehrheit in den Landtagen und im Abgeordnetenhaus zu erhalten."20 1. Die deutsche Frage: groß- oder kleindeutsche Lösung (19. Jht.) Die deutsche Frage wurde unklar seit dem 6. August 1806, als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation dank Napoleon I. aufgelöst wurde21 . Statt dessen errichtete er den Rheinbund. Dieser war ein Militärbündnis deutscher Staaten mit Frankreich. Seit 1815 folgte dem aufgelösten Römischen Reich der Deutsche Bund (bis 1866). Sowohl im Heiligen Römischen Reich, als auch im Deutschen Bund spielte Österreich mit der Dynastie der Habsburger eine entscheidende Rolle. Andere Situation war in Österreich nach Metternichs Fall 1848. In Mitteleuropa erwuchs ein neuer starker Staat - Preußen, das sich immer mehr für deutsche Fürstentümer, wichtigen Teil des Deutschen Bundes, interessierte. Es tauchte sich zum erstenmal die Idee eines Großdeutschlands auf, dh. des Staates, in dem Preußen an der Spitze steht und alle deutschsprechenden Menschen gemeinsam leben hätten können, also nicht nur deutsche und österreichische Deutsche, sondern auch die ganze deutsche Bevölkerung aus der 20 HASENMEYER, Herbert; GÖHRING, Walter, unter wiss. Beratung von Adam Wandruszka: Neuzeit. Vom Westfälischen Frieden bis zum Ersten Weltkrieg. Ein approbiertes Arbeits- und Lehrbuch für Geschichte und Sozialkunde. Wien: Verlag Ferdinand Hirt.[Zitiert am 10.3.2009]. Zugänglich in: 21 Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH, Chefredakteur: Peter Hintereder, letzte Revizion: 2008. [Zitiert am 9.12.2008]. Zugänglich in: 17 Ländern der böhmischen Krone. Die andere Lösung dieser Frage war die sogn. kleindeutsche Lösung. In der Praxis bedeutete es, dass sich die Deutschen außerhalb des Reiches dem neuen Deutschland nicht anschließen. 1848 kam es zur Prinzipienspaltung tschechischer und deutscher Vorstellungen über die Zukunft Österreichs. Die Tschechen forderten einen neuen, nach einem nationalem Prinzip stehenden föderativen Staat, aber die böhmischen Deutschen lösten dagegen ein neues Problem, ein Teil Großdeutschlands zu werden. Aber die deutsche Frage hatte noch eine andere Seite. Es war die Frage der Verfassung. Im Mittelpunkt dieser Frage stand „die Machtverteilung zwischen Volk und Thron, dh. wer sollte im einigen Deutschland das Sagen haben? Die gewählten Vertreter der Deutschen oder die Fürsten?"2 2 Deutschland hatte damals doch noch mangelnde Kraft, ein reines Deutschgebiet in der Mitte Europas zu bilden. Im Jahre 1862 wurde Otto von Bismarck neuer preußischer Ministerpräsident, „dessen Ziel allerdings die Schaffung der Einheit durch „Eisen und Blut" war, durch die Ausdehnung der Macht Preußens auf ganz Deutschland."23 Das gelang ihm in 1870/71, als das zweite Deutsche Reich entstand. Deutschland wird immer stärker und Österreich verliert ihre Position sowie in Deutschland, als auch in Italien.24 In dieser Zeit war schon klar, dass Österreich als Vielvölkerstaat keinen Sinn mehr hat, die osmanische Expansion war für Europa keine Drohung mehr. C. Österreich-Ungarische Monarchie (1867 - 1918) 1. Die weitere Entwicklung der tschechische Frage Gleich nach der Revolution 1848 kam eine neue Grundfrage hervor. Es war die Frage des österreichischen Staatsaufbaus, die klang: Zentralismus oder Föderalismus? Ebenda, zugänglich in: 23 KŘEN, Jan; HEUMOS, Peter: Die Konfliktgemeinschaft [online]. ©2009 Google. [Zitiert am 9.3.2009] S. 130. Zugänglich in: 2 4 Italien wurde 1870/71 vereinigt. 18 Inzwischen war der Föderalismus aber nicht nur als alte Erinnerung an die böhmische Staatlichkeit erstarkt, sondern auch als Triebkraft des modernen Nationalismus. Die Bevölkerung der böhmischen Länder verteilte sich im Frühling 1848 sowohl in ethnischer, als auch in politischer Hinsicht definitiv in Deutsche und Tscheche. Beide Nationen hatten ganz verschiedene Vorstellungen über ihren Platz nicht nur in der Mitte Europas, sondern auch über Ordnung der Verhähltnisse in Böhmen und Mähren. F. Seibt führt aus: Gerade die Revolution aber hatte die liberalen Hoffnungen auf eine deutsch-tschechische Gemeinsamkeit bitter enttäuscht. Binnen einer Generation hatten sich die Zielvorstellungen auf tschechischer Seite so sehr gewandelt, dass man unter dem Prätext des »historischen Staatsrechts« den selbstständigen tschechischen Nationalstaat forderte.(...) Symbolisch für diese Entwicklung ist die oft zitierte Abwendung des greisen Palacký zwei Jahrzehnte nach der Revolution von der österreichischen Stattsidee25 . Es ist ganz klar, dass es zur Wende in der tschechischen Politik kommen musste. Das Jahr 1867 schuf endgültig Abhilfe sowohl für die tschechischen föderativen Bestrebungen, als auch für erste Bemühung um einen Ausgleich mit Österreich. Es entstand die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn26 und das föderative Deutsche Reich (1871). Diese Geschehnisse zwangen die Tschechen zu einer neuen politischen Entwicklungsphase. Zuerst begann die sogn. »passive Resistenz«. Die Tschechen waren verzweifelt und lehnten ab, sich an der Zentralpolitik in Wien irgendwie teilzunehmen. Schon mit dem Beginn des passiven Widerstands im Jahr 1871 stieß diese Taktik auf die Kritik der mährischen Abgeordneten, die - angesichts ihrer hoffnungslosen Minderheitenposition in der Markgrafschaft - in diesem Punkt eine eher eine opportunistische und pragmatische Politik bevorzugten27 . 3 Seibt, Ferdinand. Deutschland und die Tschechen. S. 214 2 6 Die Doppelmonarchie teilte sich in Zisleithanien (böhmische Länder mit den Österreichischen Erbländern) und Transleithanien (Länder der heiligen ungarischen Stephanskrone) laut dem Fluss Lietha. 27 KREN, Jan; HEUMOS, Peter: Die Konfliktgemeinschaft [online]. ©2009 Google [zitiert am 10.3.2009] S. 162. Zugänglich in: . 19 Nach der Periode der tschechischen passiven Resistenz kam neu eine aktive Politik mit dem Ziel, im Zentrum der Zentralmacht wirksam zu sein, sich an der Wiener Regierung zu beteiligen und da einen nationalen Ausgleich mit den Deutschen.B.: in 187128 sehr nah am Ausgleich waren. Erst im Jahr 1880, in der Phase der tschechischen »Krümmelpolitik«, wurde Tschechisch neben dem Deutschen dank dem österreichischen konservativen Ministerpräsidenten Eduard Taaffe wieder Amtssprache bzw. Behördensprache in Böhmen, auch in den rein deutschen Gebieten.. Das könnte man schon als großen Erfolg der Tschechen wahrnehmen. Seit den 90er Jahren des 19. Jhts. kam ein Zustrom tschechischer Arbeiter in neue industrielle Gebiete und sowohl tschechische, als auch deutsche Nationalisten fühlten sich, eine bedrohte Minderheitsgruppe zu sein, die Tschechen im Rahmen Cisleithaniens und die Deutschen in den böhmischen Ländern2 9 . 1897 kam es wieder zu einer Nationaliätenverordnung für Böhmen und Mähren. Der österreichische Ministerpräsident Graf Badeni legte mit seiner Sprachenverordnung die doppelsprachige Amtsführung nicht nur in Böhmen, sondern auch in Mähren fest. Aus der Minderheitensprache wurde zufällig eine Nationalspräche. Da war aber ein großes Problem, die deutsche Beamten, die eine zweisprachige Prüfung bestehen sollten, konnten nur selten tschechisch sprechen. Dagegen standen viele zweisprachige Tschechen zur Verfügung. Die Deutschen fürchteten jedoch vor einer Lawine von Tschechen in den Ämtern, die damit mehr Macht haben könnten. Deshalb wurde die Sprachverordnung Badenis 1899 ganz aufgehoben. In 1871 verabredete tschechische politische Repräsentation mit der Wienerregierung Karl Hohenwarts ein Österreich-tschechischer Ausgleich. Die entstandenen Fundamentalartikel sind aber am Widerstand der tschechischen Deutschen und Preußen gescheitert. 2 9 AGNEW, LeCaine Hugh: Češi a země Koruny české. Praha: Academia. 2008. S. 211 20 In Mähren wurde die Situation der Nationalitätenprobleme zwischen Deutschen und Tschechen 1905 mit dem sogn. Mährischen Ausgleich30 gelöst. Diese Lösung der Nationalitätenfrage sollte das Vorbild für gesamt Österreich-Ungarn sein. Die Tschechen in Böhmen suchten immer weiter eine Möglichkeit, Autonomie zu gewinnen. Die Forderung nach der Erneuerung des historischen Staatsrechts und die Idee eines selbstständigen tschechischen Staates wurde mit dem Eintritt Tomas Garrigue Masaryks31 in die Politik noch stärker. Er kritisierte die tschechische kleinstädtische Politik der Alttschechen und Jungtschechen und bemühte sich um eine neue politische Taktik. 1900 gründete er die Realistische Partei, dank der er im Reichstag saß. Seine Tätigkeit war für die weitere Entwicklung der Nationalitätenfrage in den böhmischen Ländern entscheidend. Das historische Staatsrecht der Tschechen wurde vor dem Ausbruch des Ersten Krieges nicht verwirklicht, aber das sollte sich nach dem Weltkrieg ändern. Es waren zusammen vier Landesgesetze ( z.B.: Eine deutsche und eine tschechische Wahlkurie wurde im mährischen Landtag eingeführt, trotzdem wurden Tschechen bei Wahlen immer benachteiligt. Das Schulausgleichgesetz sagte, das tschechische Kinder nur in tschechische und deutsche Kinder nur in deutsche Schulen gehen sollten.) 3 1 T.G.Masaryk ,* 7. März 1850 in Hodonin/Göding, Mähren; f 14. September 1937 inLány, Philosoph, Schriftsteller, Gründer und erster Staatspräsident der Tschechoslowakei Viz ČAPKA, František: Dejiny českých zemíl800 - 1918. Brno: Masarykova Univerzita. 2006 S. 123 21 II. Tschechisch-deutsche Beziehungen vor dem Jahr 1918 in Znaim Die nationale Wiedergeburtsbewegung kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Znaim, das hängt mit der Einführung der Verfassungsordnung in Österreich (1861 und 1867)32 und neu mit der Freiheit der Bürger zusammen. Seit den 60er Jahren verbreitete sich sowohl das deutsche, als auch das tschechische Vereinswesen in den böhmischen Ländern. Dadurch kam es zu einer tschechischdeutschen Konfrontation immer öfter und in Znaim war es nicht anders. Die damalige Situation in Znaim beschrieb Karel Polesný in seinem Werk Sechzig Jahre des Znaimer Volksbildungsvereins 1870 - 1930: Bis zu dieser Zeit war das Rathaus in den Händen der einheimischen Deutschen passiv. Die Straßenschilder waren in deutscher und tschechischer Sprache, der Gebrauch tschechischer Sprache in Ämtern bewiess das ordentliche Zusammenleben beider Nationalitäten. Erst die Jahre nach 1867 brachten einen neuen scharfen Ton. Der Bürgermeister Wandrasch (1864 - 1874) war alt - es herrschte der Stadtssekretär Fux. Dieser spätere Landes- und Reichsabgeordnete wurde der Anführer der Deutschen Liberalpartei und dieser leitet sie in der Zeit des Staatsrechtskampfes gegen die gehassten Tschechen.33 Einer der großen Konflikte begann 1869 im Streit um den Königsstadtstitel. Fux und seine Partei wollten, dass die Stadt diesen Titel entsagt. Der Vorschlag wurde dank dem Stadtrat angenommen und später auch von der Stadtvertretung. Anton Nawratil, der Herausgeber des Znaimer Botschafters und der Anwalt JUDr. Karel Wittek, der Leiter des christlich-katholischen Vereins mit dem Namen Znaimer katholischpolitischer Männer-Verein, waren die bekannten Znaimer Konservativen, die an der 3 2 1861 wurde die liberal-zentralistische Februarverfassung von A. von Schmerling (österreichischer Staatsminister) gültig. Im Jahre 1867 ändert die Dezemberverfassung die politische Struktur im habsburgischen Reich es ist die Reaktion auf den Österreich-ungarischen Ausgleich. 3 3 BLAHA, Jan. Znojemská Beseda 1870 - 2005, Znojmo: Znojemská Beseda, 2005. S. 10 22 Seite der Tschechen standen. Ein Jahr später gehörten beide Männer zu den Begründern des Znaimer Volksbildungsvereins. Die Konservativen beschwerten sich über die Stadtratentscheidung, aber trotzdem verlor die Stadt ihren stolzen Titel, der seit seiner Erteilung ein Symbol einer Beziehung zwischen böhmischem König und der Stadt darstellte. Weitere Gründe für die Streitsache waren der neu gegründete Deutsche Bürgerverein und die Wahlen in die Landesversammlung Mährens. Nach den ersten, annulierten34 Wahlen wurde Johann Fux gewählt. A. Der deutsche Bürgerverein Die Stadt verteilte sich in dieser Zeit in Deutschen und Tschechen. Es zeigte sich hauptsächlich im gesellschaflichen Bereich. 1870 entstand der Deutsche Bürgerverein, der von Johann Haase35 geführt wurde. Es war die Zeit, in der die allgemeine politische Situation von Österreich für die Deutschen und ihre Freiheit nicht ideal war. Der Bürgerverein sollte eine freundschaftliche Atmosphäre sichern. Darum fanden viele Konzerte, Bälle, Ausflüge oder die sogn. Scherzliedertafeln36 statt. B. Der erste tschechische Verein: Beseda Znojemskä Die Entstehung des deutschen Nationalitätenvereins verursachte die tschechische Reaktion - den esten selbständigen Schritt zur Gründung eigenes Vereins in Znaim. Schon im Februar 1870 entsteht das sogn. Beseda Znojemskä. Die Gründungsurkunde wurde vom Begründer Josef Vlk (Notar), weiter von Anton Nawratil (Buchdrucker), Albert F. Petertill (Handelsmann), JUDr. Alexander Rzeha (Anwalt), Moric Pfiborsky In ersten Wahlen hatten die Znaimer Konservativen nur um eine Stimme mehr (Der Siegerkandidat war František Podveský). Ebenda S. 10 3 3 Johann Haase war ein Großhädler, er verkaufte verschiedene Weinsorten. Viz NEDVĚDOVÁ, Veronika. Znojemští starostové 1848 - 1918 - sociální a rodinné zázemí komunálního politika. Bakalářská práce. Brno: FF M U 2007. S. 12. Vedoucí práce: Martin Markel 3 6 Ebenda 23 (Handelsmann) und Jan Čáp (Großgrundbesitzverwalter) unterschrieben37 . Im April wurde der Verein von kompetenten städtischen Stellen bewilligt. Der Verein wurde gleich das Zentrum der tschechischen Kultur, der viele Kulturveranstaltungen organisierte. Ein solches Mittel zur Sammlung der Tschechen wurde das Theater. Erste Aufführung spielte man im Dezember 1870 (Výpalní daň). Auch 1877 die neu entstandene Bibliothek war ein wichtiger Teil von Beseda. Ein Jahr später wurde ein Finanzinstitut errichtet, damit die tschechischen Znaimer ihr Geld nicht in eine deutsche Darlehenskasse einlegen mussten. Dank der Aktivitäten von Beseda Znojemská wuchs eine neue Generation auf . Es waren die Repräsentanten tschechischer Interessanten. Diese bedeutenden Znaimer Persönlichkeiten arbeiteten in verschiedenen Sphären: in der Selbstverwaltung, Anwaltschaft, Kirche oder im Handel. Außer dem Notar Jan Vlk war es noch JUDr. Vilém Veleba, JUDr. Josef Mareš und Josef Rudolecký38 . 1. Der Verein als das tschechische nationale Symbol Das Vereinshaus erlebte viele dramatische, als auch ruhmvolle Weilen. Am 22. November 1905 gewann JUDr. Vilém Veleba in den Reichstagswahlen. Tschechen hingen ihre tschechische nationale - rotweiße Fahne aus den Fenstern aus. Das gefiel den Znaimer Deutschen nicht, darum protestierten sie dagegen und bei Demonstrationen, die bis 26. November dauerten, warfen sie Steine in die Fenster des Hauses39 . Alle wichtigen Erreignisse, die Tschechen in Znaim betrafen, wurden mit diesem Haus verbunden (z.B.: Am 29. Oktober 1918 wurde hier der tschechoslowakische Nationalausschuss proklamiert40 .) 3 7 BLAHA, Jan. Znojemská Beseda 1870 - 2005. S. 11 3 8 Ebenda S. 17 3 9 POLESNÝ, Karel. České školství ve Znojmě 1881 - 1918. S. 56 4 0 BLAHA, Jan Znojemská Beseda 1870 - 2005. S. 26 24 a) Andere tschechische Institutionen in Znaim Beseda Znojemská half zur Gründung anderer tschechischen Institutionen. Eine von dieser war 1881 der Znaimer Schulverein. Das Hauptziel dieser Einrichtung bestand in Errichtung einer Volksschule für die Tschechen41 . Auch darum wurde 1876 die erste tschechische öffentliche Bibliothek in Znaim aufgebaut. Andere tschechische Anstalt wurde der Turnverein Sokol (1883). Dieser entwickelte nicht nur physische Fähigkeiten der Menschen, sondern auch ihre Psyche und die Moral. Das Turnen war aber nicht die einzige Tätigkeit vom Sokol. Es war gleichzeitig der Platz für Erziehung, verschiedene Reden und Referate. Dabei entstand noch ein Sängerchor mit einer Musikkapelle42 . Das Beseda Znojemská ist noch heute eine der wichtigsten Anstalten in Znaim. Das Gebäude dieses Patriotenvereins ist seit 1971 auf der Liste der Kulturdenkmäler der Tschechischen Republik. 4 1 Ebenda S. 15, viz Bild 1 im praktischen Teil 4 2 Ebenda S. 16-17 25 III. Das Jahr 1918: Ende des Weltkriegs und Anfang der Ära der Republiken Das usprüngliche Kriegsziel der Mittelächte war, durch den Blitzkrieg das Balkangebiet zu gewinnen und dieses Lebensraum zu germanisieren. Man soll sich bewusst werden, dass es 31% Deutsche und 49% Slawen in Zisleithanien gab (der Rest waren Rumäner, Italiener u.a.). Um die Bevölkerungszahl der Slawen zu reduzieren und endgültig das rein deutsches Gebiet im Mitteleuropa zu bilden, sollten Bewohner von Galizien und südliche Slawen von der Monarchie getrennt und Deutschland mit Österreich vereinigt werden. Dadurch hätten nur die Deutschen und die Tschechen als Minderheit in Zisleithanien geblieben sein. Um die Tschechen vom Mitteleuropa völlig auszuräumen, tauchten sich die Ansichte auf, dass die Tschechen nach Bosnien ausgesiedelt werden sollen. Die großdeutsche Lösung der deutschen Frage wurde wieder aktuell. A. Zerfall der Monarchie Weil die alte Monarchie ihre Positionen in Deutschland und Italien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts definitiv verlor, konzentrierte sie sich nach 1900 auf den Balkan, wo ihre Pläne auch Russland und die Türkei4 3 hatten. Zusätzlich wurde Österreich die Zeit über immer mehr von Deutschland abhängig. Die großen tschechischen politischen Parteien erkannten an, dass Österreich das Deutsche Reich nicht ignorieren kann, jedoch proklamierten sie, dass die Konzentration der Monarchie nur auf Deutschland gegen die Interessen Österreich-Ungarns ist und auch eine Gefahr für Nichtdeutsche darstellt. Darum bemühten sich die Tschechen, zuerst um Kontakte, später auch engere Verbindung mit den europäischen Mächten wie Frankreich und Russland anzuknüpfen. Das Ziel war klar: das historische Staatsrecht der Tschechen mit damals noch das Osmanische Reich 26 Hilfe vor allem der westlichen Einheitstaaten durchzusetzen. Die Führungsrolle spielten Tomáš G. Masaryk, Edvard Beneš und Milan Rastislav Štefánik. Um 1916/17 wurden die neu entstandenen tschechoslowakischen Legionen44 für die Außenpolitik von Masaryk entscheidend. Sie bildeten die tschechoslowakische nationale Armee, obwohl die Tschechen und die Slowaken noch keinen Staat hatten. Die Legionen besaßen die russische Magistrale in Sibirien (Mai 1918), was für die Tschechen die internationale Bewunderung und Anerkennung bedeutete. Obwohl Masaryk zuerst den tschechischen selbstständigen Staat ohne ein Militär und Kämpfe durchsetzen wollte, boten die Legionen den Allierten bei den Kämpfen ihre aktive Hilfe an, was für das Geschehen nach dem Krieg sehr wichtig war. Es ist wichtig zu erwähnen, dass die tschechischen Politiker in Böhmen in den ersten Kriegsjahren (1915-16) passiv oder loyal zu der Wiener Regierung waren. In diesen Jahren ist die Vision des selbstständigen Staates noch abstrakt, niemand - samt T.G Masaryk -hatte eine konkrete Vorstellung45 . Das hing auch damit zusammen, dass für alle tschechischen Inlandsaktionen der Todesurteil für den Landesverrat drohte (die Heimat der Tschechen war immer noch Österreich-Ungarn). Die meiste tschechische politische Repräsentation fing erst in 1917-18 an, wieder aktiv zu sein. B. Woodrow Wilsons Vierzehn Punkte Die »Vierzehn Punkte« waren die Bedingungen für den Weltfrieden, die der UsPräsident W. Wilson dem amerikanischen Kongress in der Kriegszeit präsentierte. „Das Selbstbestimmungsrecht folgt aus der Lehre von der Volkssouveränität, dem Begriff der Tschechoslowakische Legionen entstanden in Frankreich, Italien und Russland aus Häftlingen und Freiwilligen 4 3 Die erste Vorstellung des tschechischen Staates betraff nur das Gebiet von Böhmen, wie T.G. Masaryk in seinem Memorandum mit tschechischen Anforderungen »Independent Bohemia« an Großbritannien schrieb. 27 Nation, des Nationalstaats und wurzelt letztlich in der Lehre von der natürlichen Freiheit des Einzelmenschen, die sich zur Freiheit der Volksgemeinschaft erweitert."46 Vor allem aber fühlten sich die Völker Österreich-Ungarns im 10. Punkt dierer Deklaration angesprochen. Ihnen war, übrigens „mit den knappsten Worten aller dieser 14 Punkte, ein Platz unter den Nationen zugesagt, mit der freiesten Möglichkeit zu autonomer Entwicklung. Der Originaltext dieses kürzesten der 14 Punkte lautet: X. The peoples of Austria-Hungary. Whose place among the nationes we wish to see safeguarded and assured, should be accorded the freest opportunity of autonomous development"47 [,,X. Den Völkern Österreich-Ungarns, deren Platz unter den Nationen wir gesichert und anerkannt zu sehen wünschen, sollte die freieste Möglichkeit autonomer Entwicklung gewährt werden."]48 Am 4. Oktober ging Deutschland mit Österreich-Ungarn den Friedensbedingungen von Woodrow Wilson (14 Punkte) ein. Karl L, der neue Kaiser nach dem Tod von Franz Joseph II. (1916), war einer der wenigen Menschen, der vom Anfang seiner Regierung vermutete, dass Österreich-Ungarn eine immer kleinere Chance für seinen Sieg im Krieg hatte. Trotzdem versuchte er sich mit seinem Manifest (16.10.1918) an seine Völker alte Monarchie noch zu retten. Karl I. hatte die föderative Staatsumbau vor, die schon im 19. Jahrhundert erwünscht war. Es war aber zu spät, die Staatsidee der Tschechen wurde langsam verwirklicht. Politische Ziele der Entente-Mächte, russische Revolution49 und der Programm für Selbstbestimmungsrecht der Nationen vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson entschieden über die Entstehung vom erträumten Staat der Tschechen. 4 6 GREGOROVIČ, Aleš: Die deutschböhmische Frage in den ersten Monaten der jungen ČSR anhand von Berichten der deutschen Gesandtschaft in Prag. Diplomová práce. Brno M U . 2006. S. 12 4 7 Seibt, Ferdinand. Deutschland und die Tschechen. S. 267 4 8 Mommsen, Imperialismus. 1977. S. 262 ff. [Zitiert am 9.3.2009]. Übersetzung zugänglich in: 4 9 Dank der Revolution in Russland in 1917 und dem Friedensvertrag von Brest-Litewsk waren Kämpfe an der Ostfront beendet, allgemein trugen diese Ereignisse zum Kriegsende bei. 28 C. Die Entstehung der Tschechoslowakei (28.Oktober) Die Nationaliotätenkonflikte waren vor dem Ersten Weltkrieg nicht direkt gegen die Monarchie gerichtet, die ganze Zeit ging es den Tschechen darum, mit den Deutschen in Zisleithanien gleichgestellt zu werden. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Situation ganz anders. Österreich-Ungarn ging zugrunde und im Mitteleuropa entstand eine neue Ordnung, deren Legitimität in einer nationalistischen Ideologie bestand. Genau in jener, die für die alte Welt so vernichtend und zersetzend war50 . Während der Kriegjahre entstehen Zentren der tschechischen Politik vor allem im Ausland (Paris, London). „Die Erfolge des Pariser Nationalrats und die durch die Kriegsentbehrungen die radikalisierte Öffentlichkeit beeinflussten die Politik der tschechischen Parlamentarier zunehmend. Am 13. April 1918 erfolgte dann der sog. »Nationaleid«, in dem als übereinstimmendes Ziel der Auslandsaktion und der Inlandspolitik die volle nationale Selbstständigkeit des tschechoslowakischen Volkes gefordert wurde".51 Die politische Orientation der Tschechen an die westliche demokratische Mächte lohnte sich. Der Österreich-ungarische Außenminister Julius Andrassy nahm am 27. Oktober nachts alle Friedensbedingungen an. Das hieß nicht nur faktische Kapitulation von Österreich-Ungarn, sondern auch sein Zerfall und Eintritt der slawischen autonomen Republiken im Mittel- und Osteuropa. 28. Oktober 1918. Das Datum, das die Entstehung der Tschechoslowakei bezeichnet, ist eher ein symbolischer Markstein in der tschechischen Geschichte. In Prag wurde die Unabhängigkeit proklamiert. Es wurde die Legislative von ÖsterreichUngarn übernommen. Die weiteren Tage bildeten sich spontann die tschechischen lokalen Nationalausschüsse, die langsam die Macht übernahmen. Die Besetzung des 5 U AGNEW, LeCaine Hugh: Zitiertes Werk. S. 214 5 1 GREGOROVTC, Aleš: Die deutschböhmische Frage in den ersten Monaten der jungen ČSR anhand von Berichten der deutschen Gesandtschaft in Prag. Diplomová práce. Brno M U . 2006. S. 13 29 ganzen historischen Gebiets der Länder der bömischen Krone dauerte jedoch ein paar folgende Monate52 . D. Die Entstehung Deutschösterreichs (21. Oktober) Am 21. Oktober riefen die deutschen Abgeordneten von Zisleithanien eine Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich und ein neuer Staat Deutschösterreich. Für diesen Staat zählte man auch mit den tschechischen Grenzgebieten (Sudetengebiete), wo die Mehrheit der Bevölkerung der deutschen Nation war, vor allem in den großen Städten. Die sudetendeutschen53 Abgeordneten aus Böhmen und Mähren lehnten ab, sich der tschechoslowakischen Republik anzuschließen. Während des Oktobers und Novembers wurden die von der CSR vier unabhängigen Provinzen54 ausgerufen, die sich zur Deutschösterreichischen Republik. Alle beriefen sich auf das Selbstbestimmungsrecht von Wilson. Das Deutschösterreich avisierte die zukünftige Vereinigung mit dem Deutschen Reich5 5 und erkannte das Recht der Slawen auf ihre selbständige Nationalstaaten an. Was die Deutschen bedingungslos ablehnten, war irgendeine Bezwingung der deutschen Gebiete56 . Dieses Problem löste erst der Friedensvertrag von St.Germain-en-Laye 1919. 5 2 KLIMEK, Antonín: Říjen 1918, vznik ČSR.. Praha, Litomyšl: Paseka. 1998. S. 14 '3 generelle Bezeichnung für Deutsche in der ČSR (von Franz Jesser in 1902 verwendet) 5 4 Deutschböhmen (Norden + Nordwesten von Böhmen), Sudetenland (Nordosten von Böhmen + Nordwesten von Mähren + Westschlesien), Böhmerwaldgau (West-, Süd- und Ostböhmen) und Deutschsüdmähren (Südmähren: 1840 Km2 ), Brünn, Olmütz und Iglau hatten vor, hinzukommen, zusammen ca. 28 680 K m 2 5 5 A m 9. November wurde in Weimar die sogn. Weimarer Republik ausgerufen. 5 6 WEBER, Václav; HLAVAČKA, Milan a kol.: Dějiny Rakouska. Praha: LN. 2002. S. 474-475 30 IV.Znaim in 1918: Deutsche gegen die Republik Die Reaktion der Znaimer Deutschen auf den Krieg war ähnlich wie bei allen Deutschen - Kriegsbegeisterung. Lokale Wochenzeitschrifte schrieben Oden an Wiener Regierung. Der Stadtrat schrieb an die Kabinettenbüro: „Die Bevölkerung der treudeutschen Stadt Znaim hat...die kaiserlichen EntSchliessungen...bejubelt."57 Am Samstag abends, 28. Juli 1914, ging eine deutsche Prozession durch die Stadt und sang „Gott erhalte" und „Wacht am Rhein". Das wiederholte sich immer bei vielen Siegen der Mittelmächte, dabei sollten Unterschiede unter Znaimer politischen Parteien verschwunden sein58 . A. Die Situation von Juli bis Oktober in Znaim Tschechische Emanzipation fing Mitte von Juli in Znaim an, als sich Pfarrer Josef Rudolecky, Abgeordnete Kuchynka und Bürgermeister Spalek (Jevisovice) zufällig in Znaim trafen. Sie einigten sich, eine große Manifestation des südmährischen Volks, um die Idee des tschechischen Staates zu unterstützen. Mit diesem Gedanke kamen sie zu JUDr. Veleba und verabredeten ihre nächste Treffen, auf denen sie beschlossen, eine riesige Volksversammlung im Dorf Unanov (ca. 4 Kilometer von Znaim) zu organisieren. Trotz starkem deutschen Widerstand wurde tschechischer Genehmigungsantrag am Stadtamt in Znaim angenommen59 . Am 1. September fand die tschechische Volksversammlung statt, ganze Angelegenheit überwachte deutscher Kommissar vom Kreishauptmann - Herr Menzel. Trotzdem hatte die Volksversammlung großen Erfolg: fast fünf Tausende Menschen aus Znaimer Gegend kamen ein, um sich offen für »die Dreikönigsdeklaration«60 und »Vertrag von 5 7 POLESNÝ, Karel: Znojemský převrat 1918: Německé plány. Od Horáčka k Podyjí 1/37, S. 4 (Regionální fond Městské knihovny Znojmo (R-500), složka k r. 1918) 5 8 Ebenda ' 9 Genau wurde nur ein Treffen der Tschechen, aber keine Prozession oder Demonstration zugelassen. Viz KUDLÁČEK, Martin. Znojemsko od července do října 1918. Znojemský týden. 2002. S. 11. Regionální fond Městské knihovny Znojmo 6 0 Anmeldung zur nationalen Selbstständigkeit der Tschechen am 6.1.1918. 31 Pittsburg61 « auszudrücken62 . Im Ausland und auch in Prag wurde umfangreiche Umbildung fortgeführt, in Paris entstand aus dem Nationalrat eine Provisorische Nationalversammlung - tschechoslowakische Exilregierung. Znaimer Deutsche waren mit solchen Tatsachen sehr unzufrieden und deshalb schrieben viele Briefe an Wiener Reichsrat, damit sie als Zentralorgane diese - für Deutsche - unangenehme Erreignisse lösen. Kaiser Karl I. wurde mit seinem Manifest scharf kritisiert und »die Deklaration von Washington«6 3 bedeutete im wesentlichen (immer noch unoffizielle) Gründung der Tschechoslowakischen Republik. Der Anschluss von Mähren zur neuen Tschechoslowakei war Ergebnis vom Revolutionsakt vom 28. Oktober, der von tschechischen Vertretern - Landes- und Reichsabgeordneten - getan wurde. Der Landtag von der Markgrafschaft Mähren über den Anschluss Mährens weder verhandelte, noch entschied. Das bestimmte die breite tschechische Gesellschaft. Die Idee der Tschechen drang die Unabhängigkeitsideen der Mährer in die Ecke6 4 . Dazu sollte noch Oberungarn der CSR beitreten. Am 29. Oktober kamen Informationen über die Prager Erreignisse nach Znaim. Der erste Mensch, der darüber Bescheid gab, war tschechischer Patriot Rudolf Stloukal. Mit einer Trikolore an seiner Brust kam er in Redaktion vom Znaimer Wochenblatt - in eine der bekantesten tschechenfeindlichen Zeitungen, um bekanntzumachen, dass der Nationalausschuss eine neue tschechische Regierung ist. Auch der Pfarrer Rudolecky verkündete, was in Prag geschehen ist. Dabei passierte ihm eine fröhliche Geschichte, von deren man noch heute erzählt. Der Pfarrer Rudolecky ging durch die Stadt, wo er einen Znaimer deutschen Nationalisten traf. Als er tschechische Trikolore an der Brust von Rudolecky sah, spuckte er sich aus und sagte: In Pittsburg beschlossener Vertrag zwischen Tschechen und Slowaken am 30.5.1918, die Unabhängigkeit wurde offenbar von den Entente-Mächten durchgesetzt. 6 2 Der Originaltext steht im Anhang A zur Verfügung. 6 3 A m 18.10.1918 ausgegeben. 6 4 PERNES, Jiří: Pod moravskou orlicí aneb dějiny moravanství. S. 139-140 32 „Pfuj, Teufel!" Rudolecky anwortete: „Ganz recht, aber was wird der Herr Abgeordnete65 dazu sagen?"66 1. November: Doppelherrschaft in Znaim Der Rechtsanwalt JUDr. Vilem Veleba, der Kämpfer für Rechte der tschechischen Minderheit und Leiter vom Znaimer Sokol, wurde am 30. Oktober zum Vorsitzenden vom lokalen Nationalausschuss einstimmig gewählt. Deutscher Stadtsrat in Znaim nahm die Erklärung der CSR nicht zur Kenntnis, am 31. Oktober meldete sich zum Deutschösterreich an. Die Nationalisten wollten sich nicht mit dem Verlust ihrer Macht abfinden. Der wichtigste Mensch des deutschen Widerstands war Znaimer Fabrikbesitzer und Abgeordnete vom Wiener Parlament - Oskar Teufel. Darum entstand in Znaim eine Doppelherrschaft: auf einer Seite tschechisches Nationalausschuss und auf der anderen das deutsche Rathaus der Stadt und die deutsche Krei shauptmannschaft. B. Die Gründung vom Deutschsüdmähren Am Anfang Novembers 1918 entstand Deutsch-Südmährischer Kreis. Diese zu Deutschösterreich angeschlossene Provinz wurde vom deutschem Volk laut dem Selbstbestimmungsrecht Wilsons ausgerufen, die Znaimer Deutschen trafen die Maßnahmen wie Deutsche aus Böhmen6 7 . Die Erreignisse beschreibt ganz genau Hieronymus Oldofredi in seinen Errinerungen Zwischen Krieg und Frieden: „Und so lud Teufel die deutschen Abgeordneten Südmährens für den 3. November ins Rathaus nach Znaim, wo wir besprechen und beschliessen sollten, was mit dem Gebiete zu geschehen hätte. Dem Rufe folgten der Staatsrat Josef Luksch (Lodenitz), der Nationalrat Josef Brunner (Höflein an der Thaya), wie die Landtagsabgeordneten 6 5 Oskar Teufel (*5.10.1881 Znaim - f26.1.1946 Wien), Konservenfabrikant in Znaim, Mitglied der Reichs- und Landesparteileitung der Deutschradikalen Partei 6 6 FEUCHTINGEROVÁ, Petra. V listopadu roku 1918 panovalo ve Znojmě dvojvládí. I. díl. Znojemský týden. Znojmo. 2006. S. 6. Regionální fond Městské knihovny Znojmo 6 7 Die Gründung vom Deuschböhmen, Sudetenland und Böhmerwaldgau (viz höher) 33 Eduard Kafka (Lundenburg), Franz Wagner (Lechwitz) und Alois Winter (Nikolsburg). Die sechs Abgeordeten vereinigten sich über Teufels Antrag als einzig befugte Vertreter ihres Völkern zu einer Kreisversammlung".68 Oskar Teufel wurde zum Kreishauptmann. Oldofredi beschrieb die neue Situation weiter: „ »Kreishauptmann von Znaim!«... Wie seltsam, wie veraltet das doch klang! Nahezu 60 Jahre hatte keiner sich so nennen dürfen. Der letzte Kreishauptmann, der Znaim sah, war Graf Richard Belcredi, der im Jahre 1865 an die Spitze der Regierung gestellt, die Verfassung sistierte. Anders als R. Belcredi, den der alte Kaiser nach Znaim gesetzt hatte, war nun Oskar Teufel dort zum Kreishauptmann geworden »kraft des revolutionären Rechtes«.6 9 Der lokale Nationalausschuss antwortete gleich am 3. November mit der Sperre. Alle wichtige Verkehrskommunikationen nach Znaim wurden blockiert. Tschechen sagten damit ganz klar, wenn Deutsche zu Deutschösterreich gehören wollen, soll sie auch Österreich versorgen. Alle Züge blieben in Mährisch Budweis (ca. 30 weit von Znaim) stehen. Die ganze Stadt hatte während kurzer Zeit keine Lebensmittel mehr, dazu kam noch der Mangel an Holz, Kohle und Leuchtöl. Es kam vielmals zu den Plünderungszügen aus Österreich in das tschechische Binnenland, obwohl die strittige Grenzlinie bewachen wurde. Die Sperre betraf nicht nut die Deutsche, sondern auch die Znaimer Tschechen. Deshalb wollten die Tschechen möglischt schnell einen Kompromiß finden. Dazu verbreitete sich neue Epidemie der sogn. Spanischen Grippe, die mehrere Menschenopfer forderte als der Krieg. 1. Deutschösterreichisches Militär Am 31. Oktober wurde die Wehrpflicht für Österreich-Ungarn aufgehoben und anschließend wurde die deutschösterreichische Volkswehr errichtet. Eine weitere Einheit, die zum Militär gehörte, war die sogn. Bürgerwehr aus Studenten, Arbeitslosen und Freiwilligen. Der dritte wichtige Teil war die Marinewehr, die Angehörigen der Seestreitkraft. Das Problem dieser zahlreichen Truppeneinheiten war ihre ungenügende Ebenda, S. 8. Der Originaltext steht im Anhang B zur Verfugung. Ebenda, S. 9 34 Ausrüstung und die Antipathie zu den weiteren Kämpfen™. Zusätzlich wollten die Repräsentanten Deutschösterreichs lieber keine Intervertion in die strittigen Gebiete. Sie fürchteten sich vor der Reaktion der Entente-Mächte. Die Situation sah für die Znaimer Deutschen überhaupt nicht gut. Wien, das Zentrum vom Deutschösterreich bat nur Reste der Seestreikraft als Hilfe an und vom weiten stimmten nicht alle Deutschen den Vorstellungen Oskar Teufels zu. Die Tschechen verstecken nicht ihre Freude. Die tschechischen Soldaten trugen die dreifarbigen Kokarden, was die Deutschen sehr provozierte. Es kam immer mehr zu den Auseinandersetzungen direkt in den Znaimer Stadtgassen. Graf Hieronymus Oldofredi wurde am 10. November der neue Kreishauptmann. Er war ein Deutscher, der sich mehr als O. Teufel bewusst war, dass Deutsche und ihre Provinz nicht lange Zukunft vor sich haben. Trotzdem nahm er Teufels Angebot an, neuer Bezirkshauptmann zu werden. Darum fuhr der Graf am 8. November nach Znaim, um dort persönlich die reale Situation weitere deutsche Chancen festzustellen. In seinen Errinerungen schrieb er: „Ich bekomme von meinem Freude zu hören, dass ich nach Znaim sollte. Für diese Aufgabe sei niemand geeingneter als ich, der Land und Leute kenne, wie kein anderer. Ich müsse die Übergabe des Amtes, wenn nötig, mit Gewalt erzwingen und bis auf weiteres an dessen Spitze bleiben."71 Solche Pläne hatten Deutsche. Ihre Aufgabe war, möglichst schnell strategisch wichtige Stellen zu besetzen. Das Deutschösterreich wollte doch nicht so leicht auf Deuschsüdmähren und die drei anderen deutsche Provinzen in Böhmen verzichten. Am 12. November wurde in der Wiener Nationalversammlung angekündigt, dass die Provinz Deutschsüdmähren mit dem neuen Österreich vereinigt ist. 7 0 FEUCHTINGEROVÁ, Petra. Němci ztrácí ve Znojmě pozice. II.díl. Znojemský týden. Znojmo. 2006. S. 5. Regionální fond Městské knihovny Znojmo 7 1 OLDOFREDI, Hyeronymus. Zwischen Krieg und Frieden. Erinnerungen von H. O. S. 8 35 Gleich am 14. November meldete sich auch Prag. „Der Ministerpräsident Kramář7 2 erklärte in der ersten Sitzung der Provisorischen Nationalversammlung, in die keine Vertreter des deutschen Bevölkerungsteils berufen worden waren, am 14.11. das Haus Habsburg für abgesetzt und proklamierte den neuen tschechoslowakischen Staat als Republik. Nach fast vierhundert Jahren gemeinsamer Geschichte wurden damit die dynastischen und staatsrechtlichen Beziehungen der böhmischen Länder zu Österreich abgebrochen (...)."73 Am 14. November 1918 endete auch die Tätigkeit der Landestage. Die erste große Aufgabe der tschechoslowakischen Regierung wurde die Festlegung der Grenze der CSR laut dem historischem Recht. 2. Tschechische militärische Maßnahmen gegen Deutschsüdmähren Das tschechoslowakische Militär formierte sich, genauso wie das deutsche, aus den Resten der demoralisierten Österreich-ungarischen Armee. a) Tschechoslowakisches Heer Die tschechoslowakische Armee entstand erst langsam. Sie bestand aus dem Krieg zurückkehrenden Soldaten und Legionären, Sokolen und Freiwiligen. Direkt in Znaim bildete sich die tschechische Armee seit dem 5. November dank dem tschechischen Nationalausschuss und dem Standortführer František Coufal74 . Im Gegensatz zu den deutschen Soldaten waren die tschechischen Truppen voll von Freude und Lust an Kampf für tschechische Idee. Die führenden tschechischen Persönlichkeiten erkannten, dass das südmährische Grenzgebiet (und auch die drei in Böhmen) nur mit der Militärgewalt verteidigt werden konnte. Darum wurde am 19. und 20. November das Memorandum an die tschechoslowakische Regierung zusammengestellt. Aber die tschechoslowakische Karel Kramář (*27.12 1860 Vysoké nad Jizerou - f26.5. 1937 Praha), späterer erster Ministerpräsident der ČSR 7 3 HOENSCH, Jörg K : Geschichte Böhmens. Von der slawischen Landnahme bis ins 20. Jht. München: Verlag C H . Beck. 1987. S. 419 7 4 Ebenda 36 Regierung konnte nur wenige Truppen anbieten, die Soldaten kehrten erst aus dem Krieg nach Hause zurück. Deshalb lief in drei Zentren Mährens das Anwerben der Soldaten durch. Konkret war es in Iglau (Jihlava) im Westen, Brünn (Brno) im Norden und Göding (Hodonín) im Osten. Zusammen standen den Tschechen ca. 6 000 von Männern zur Verfügung73 . In der Hälfte Novembers 1918 fing die Befreiung der tschechischen Grenzgebieten. Die südmährischen Tschechen besaßen die Stadt Auspitz (Hustopeče) schon am 9. November. Der Plan war klar: zuerst die deutschen Gebiete um Zlabings (Slavonice), Mährisch-Budwitz (Mor. Budějovice) und Frain an der Thaya (Vranov nad Dyjí) zu besetzen. Am 4. Dezember wurde das Dorf Mißlitz (Miroslav) und seine Umgebung besetzt, am 7. Dezember Zlabings im Westen und Feldsberg im Osten. So wurden die strategischen Punkte für die Besetzung vom Znaim gewonnen. Die Tschechen hatten mit der Besetzung fast keine Probleme, ihre Situation wurde noch damit erleichtet, dass das Deutschösterreich erklärt hatte, dass die südmährischen Deutschen ihr Gebiet nur passiv, ohne einen Widerstand, vor den Tschechen schützen sollen. Der Grund dafür war das Abkommen über den Waffenstillstand mit CSR. Der Graf Oldofredi stand zwischen zwei verschiedenen Befehlen: Oskar Teufel wollte seine Pläne unbedingt weitermachen, dagegen sagte das Deutschösterreich das klare Nein. Die tschechoslowakischen Truppen gingen schnell vorwärts. Als Oldofredi die Aussichtslosigkeit der Situation feststellte, bemühte er sich noch am 13. Dezember um die Verhandlungen mit den Tschechen, die aber mit einer unoffiziellen deutschen Kapitulation beendet wurden. Am 15. November erklärte Oskar Teufel: Mit den Tschechen ist kein Frieden möglich. Wenn Znaim doch besetzt werden soll, möge diese Stadt tot sein, alle Türe, Fenster und Geschäfte müssen geschlossen sein (...)76 . Die Frage nach der Besetzung vom Znaim war nicht mehr ja oder nein, aber wann. ŠEVČÍK, Jindřich. Osvobozeni Znojma 1918. S. 9 Ebenda S. 11, zitiert von den Erinnerugen von František Coufal 37 C. Die Befreiung von Znaim am 16. 12. und Anschluss zur ČSR Der Graf Oldofredi bekam einen Bericht aus Grußbach (Hrusovany n. Jevisovkou), dass ein Sonderzug mit den Offizieren der Entente-Mächten nach Znaim fährt. Wer diesen Bericht aufgenommen hatte, hörte anstatt »Sonderzug« das Wort »Panzerzug«. Hyeronymus Oldofredi verständigte Teufel und weder Oldofredi, noch Teufel blieb in Znaim. Dei beiden und die meisten Znaimer Deutschen fuhren noch in der Nacht nach Retz in Deutschösterreich ab77 . Der tschechische Teil vom Znaim freute sich schon auf die tschechoslowakischen Truppen. Die Stadt war am 15. November in der Nacht von drei Seiten umschlossen. Am 16. November morgen wurde die Stadt ohne einen Widerstand von 2 500 Soldaten besetzt. Die Tschechen übernahmen die Verwaltung der Stadt, nur das deutsche Rathaus mit dem Bürgermeister Homma wollte nicht auf seine Macht verzichten. Das Rathaus gab unter der Bedingung auf, dass in der zukünftigen Verwaltung auch einige Deutsche sein werden. Die neue Verwaltungskommissionsollte aus zwölf Tschechen und zwölf Deutschen bestehen. Nach der Flucht aus Znaim engagierte sich Oskar Teufel politisch im Zusammenhang mit dem Südmähren nie mehr. Aber der Graf Oldofredi setzte diplomatisch den Anschluss vom Südmähren zum Österreich weiter fort und das bis zum Abschluss des Friedensvertrags mit Österreich in St. Germain-en-Laye am 10. September 1919. Als das Schluss dieses Teils zitiere ich, vielleicht nichttransparent, aus dem Vorwort des Werks von Oldofredi, sowie er die Befreiung von den Sudetengebieten wahrnahm: „Möge dieses Werk ein Bild der Zeit bieten, die voll Grausamkeit und Torheit, Millionen Deutscher des alten Österreichs, dem verheißungsvollen Worte Ebenda 38 Wilsons, dem Worte von der »Freiheit der Nationen« zum Hohn, drückender Fremdherrschaft verfallen ließ."7 8 V.Deutsche in Znaim nach 1918 A. Der Friedensvertrag mit Österreich Der Friedensvertrag, der im Schloss Saint-Germain-en-Laye - nicht weit von Paris - unterschrieben wurde, regelte die Auflösung von Zisleithanien und bereitete die Bedingungen für die Existenz der Republik Deutschösterreich vor. Der ganze Vertrag besteht aus 381 Artikeln, aber ich ewähne hier nur die wichtigsten Bestimmungen. Vor allem musste Deutschösterreich den neu gegründeten Staat Tschechoslowakei anerkennen und auf alle aus der Österreich-ungarischen Verbindung folgenden Anrechte verzichten. Dann wurde die Frage der Grenzen gelöst (mehr im folgenden Absatz). Weiter wurde verboten, dass sich die Republik Deutschösterreich dem Deutschland anschließt. 1. Die Festlegung der Grenze zwischen der CSR und dem Österreich Die Grundlage des tschechoslowakischen Staates sind die ehemaligen österreichischen Kronländer: Böhmen, Mähren und Schlesien, die laut dem historischen Recht zu ihm zugeteilt wurden. Zu diesen traten die Slowakei und die Karpatho-Ukraine laut dem Recht der Nationalitäten bei.7 9 Die vier sudetendeutschen Gebiete wurden die unteilbare Bestandteile der CSR, dabei wurde keine Rücksicht auf das Selbstbestimmungsrecht der deutschsprachigen Bevölkerung in den Sudetenbgebieten genommen. OLDOFREDI, Hyeronymus. Zwischen Krieg und Frieden. Erinnerungen von H. O. S. 5 JANDA, Bohumil: Československá vlastivěda. Stát. Díl V. S. 119 39 a) ... und im Südmähren Die Friedensverhandlungen über die Veränderung der Grenze zwischen der ČSR und dem Österreich nach 1918 betraf die Znaimer Gegend schließlich nicht. Zu der minimalen Veränderungen kam bei den Dorfen Alt-Petrein (Starý Petřín), Schaffa (Safov), Grußbach (Hrušovany n. Jev.), Höflein (Hevlin) und Grafendorf (Hrabětice). Die CSR erwarb neu das kleine Gebiet um Feldsberg (Valticko) mit den Dorfen Bischofswarth, Oberthemenau, Unterthemenau, Garschönthal (Hlohovec, Charvátská Nová Ves, Poštorná, Úvaly) vom Niederösterreich.80 Die Gründe zu dieser Veränderungen waren neben den etnographisehen und historischen auch die strategische: vor allem waren es dieVerkehrsgründe (z.B: die Lage der Eisenbahn oder des Flusses March). B. Erste Ratswahl am 11. April 1920 in Znaim Die Znaimer Politik der ersten Jahre der Tschechoslowakei beschreibt näher Martin Kudláček in seiner Diplomarbeit aus dem Jahr 20 0581 . Politische Partei Stimmen Mandate CSSD 4 035 13 Deutsche Volkspartei 3 257 11 Spojené strany národní 2 113 7 CSNS 1 727 6 DSD AP 1 051 3 DdFP 408 1 Partei der volksbewussten Juden 339 1 Zusammen 12 930 42 Tab. 2 Wahlergebnisse der Ratswahl am 11. April 1920 in Znaim 8 0 Die Fläche wird noch mit dem Weitragebiet in Südböhmen zusammen angeführt. Es ist ca. 211 K m 2 mit 22 000 Einwohner meistens von der tschechoslowakischen Nationalität. Viz KROFTA, Kamil. Dějiny československé. Budování československého státu. S. 724 - 725 8 1 KUDLÁČEK, Martin: Vývoj česko-německých vztahů ve Znojmě v letech 1918 - 1938. Diplomová práce. Brno MU: 2005. S. 94 40 C. Die Volkszählung in der ČSR 1921 Die historisch erste Volkszählung der selbstständigen Tschechoslowakei fand in 1921 statt, weil nämlich die Staatsgrenze mit Ungarn erst seit der Unterzeichnung des Friedensvertrags vom 4. Juni 1920 in Trianon offiziell wurde. Er brachte unter anderem die Gebietsverluste Ungarns an die CSR (Slowakei, Karpatho-Ukraine) mit sich. Ein weiterer Grund für die Volkszählung 1921 war ein neues Volkszählungsgesetz, das erst am 8. April 1921 angenommen wurde82 . Nach anglosächsischer Praxis diktierte dieses Gesetz neu eine Volkszählung aller fünf Jahre. Aber aus wirtschaftlichen Gründen und nach der Erfahrung der meisten Länder fand die nächste Volkszählung in 1930 statt83 . andere N. Polen Ruthe nen Magyaren Slowaken Deutsche Tschechen 0 10 20 30 40 50 60 • 51% 123,4% • 14,5% 15,8% U3,4% 10,5% «1,4% G. 1 Nationalitätenstruktur der ČSR nach der Volkszählung vom 15.2.1921 8 2 © Český statistický úřad. 2008, letzte Revision: 19.11. 2007 [am 7.12.2008]. Zugänglich in: 8 3 Ebenda 41 Der Graph der Nationalitätenstuktur84 zeigt, dass 1921 auf dem Gebiet der tschechoslowakischen Republik 13 613 172 Staatsbürger lebten, davon 6 850 000 Tschechen, 1 910 000 Slowaken, 3 123 000 Deutsche, 745 000 Magyaren, 461 000 Ruthenen, Ukrainer und Russen, 75 000 Polen und eine kleinere Anzahl Rumänen. D. Die Position der Deutschen im tschechischen Znaim Die Tabelle der Nationalitätenstruktur der Einwohner im Znaimer Bezirk8 3 zeigt uns interessante Zahlen der tschechischen und deutschen Einwohner im Bezirk Znaim, wie sie sich kurz vor und nach dem Ende des 20. Jahrhunderts veränderten. Nationalität Jahr Tschechen Deutsche Andere N * Ausländer 1880 16 061 33 787 1 030 - 1890 17 591 40 551 565 - 1910 18 339 42 253 52 1 222 1921 29 227 29 894 602 1 812 - bis 1896 gehörte zum Znaimer Bezirk noch der Bezirk der Stadt Mährisch Budweis Tab. 3 Bevölkerungszahl zwischen 1880 - 1921 im Znaimer Bezirk *Im Jahre 1921 waren es von den anderen Nationalitäten 565 Juden (487 lebten direkt in Znaim), 45 Rusen, 16 Magyaren, 15 Polen, 15 Südslawen, 30 Roma (damals als Zigeuner benannt) und noch 8 Angehörige einer anderen Nation. HILF, Rudolf: Deutsche und Tschechen. Symbiose - Katastrophe - Neue Wege. München: Leske + Budrich, Opladen. 1995. S. 101 8 3 BARTOŠ, Josef; SCHULZ, Jindřich; TRAPL, Miloš: Historický místopis Moravy a Slezska v letech 1848-1960. 1. vyd. svazek LX. Ostrava: Profil. 1984. S. 27-28 42 Nach der Volkszählung 1880 in Znaim wurde festgestellt, dass 80% der Einwohner Deutsche sind, sowie andere mährische Städte wie Iglau oder Nikolsburg. Auch zwei Drittel der Einwohner in Brünn und Olmütz waren noch 1900 deutsch86 . Dank der folgenden Tabelle (Tab. 4) aus kann man vergleichen, wie sich die Einwohnerzahl beider Nationen in 1921 in Unterschied zu 1910 direkt in Znaim veränderte. Die Ergebnisse waren überraschend, weil da 1921 fast fünfmal mehr Tschechen waren als 1910, dagegen blieb in Znaim ca. nur die Hälfte der ehemaligen deutschen Znaimer87 . Jahr88 Häuser Einwohner Tschechen Deutsche Andere N . Ausländer 1910 1 229 18 825 2 366 16 090 15 354 1921 1 469 21 197 11 691 7 988 558 960 Tab. 4 Die Bevölkerungszahl in 1910 - 1921 in Znaim Weiter steht da der Einwohnerzahlvergleich von 1910 und 1921 aus Znaim zur Verfügung, sowie es SOkA8 9 und der Historický místopis Moravy a Slezska v letech 1848-196090 mitteilt91 . Domů o Ceši Němci Židé Poláci Maďaři Ostatní Cizinci Celkem SOkA 1 501 12 710 7 370 502 7 7 58 671 21 325 Místopis 1 469 11 691 7 988 558 960 21 197 Tab. 5 Vergleich des Bevölkeurngszahls laut der Daten in SokA und in Historický místopis Moravy a Slezska v letech 1848 - 1960 8 6 AGNEW, LeCaine Hugh: Češi a země Koruny české. S. 228-229 8 7 Franz Fritz wollte dieses Ergebnis nicht akzeptieren, am 25. Februar 1921während der öffentlichen Versammlung der Deutschen Nationalen Partei machte er eine Meldung, dass znaimer Deutsche später eine neue - ihre eigene - Volkszählung durchführen. KUDLÁČEK, Martin: Vývoj česko-německých vztahů ve Znojmě v letech 1918 - 193. Diplomová práce. S. 109 8 8 BARTOŠ, Josef; SCHULZ, Jindřich; TRAPL, Miloš: Zitirtes Werk. S. 40 8 9 Státní Okresní Archiv ve Znojmě 9 0 BARTOŠ, Josef; SCHULZ, Jindřich; TRAPL, Miloš. 1984 9 1 Ebenda 43 Die Ergebnisse können überraschend scheinen, es ist jedoch wichtig zu erwähnen, dass die tschechische oder deutsche Natonalität bei der Volkszählung 1910 noch laut der Umgangssprache festgestellt wurde, dh. die Umgangssprache bedeutet unbedingt nicht die Muttersprache. Viele Menschen, obwohl sie Tschechen waren, meldeten sich damit lieber zur deutschen Nation. Dagegen 1921 stellte man schon die die Nationalität fest, deshalb war es günstiger, sich zur tschechischen Nationalität zu melden. Es hängt immer noch mit Zukunftschancen zusammen. Darum sollte man sich diesen Gesichtspunkt bewusst machen. Trotzdem blieb Znaim auch nach 1918 eines der wichtigsten Zentren der Deutschen in der CSR. 44 VI. Der praktische Teil Wenn man in der Gegenwart nach Znaim kommt, gibt es doch etwas, was man als deutsch oder als tschechisch bezeichnen könnte. Ich ging die Stadt durch und wählte die meist interessanten und bekannten Sehenswürdigkeiten in Znaim aus, die entweder als deutsche oder tschechische Symbole wahrgenommen werden können. Die folgenden Bilder mit dem Kommentar beweisen sowohl das tschechische, als auch das deutsche Element der heutigen Stadt. 45 A. Tschechische Symbole der Stadt Znaim 1. »Beseda Znojemskä« Das Symbol der tschechischen nationalen Wiedergeburt in Znaim B. 1 »Beseda«, nach der deutschen Demonstration 1905 (links) und heute (rechts). Erster tschechischer Verein heißt „Beseda Znojemskä"- Znaimer Vereinshaus, vom Znaimer Jan Vlk in 1870 gegründet. Dank diesem Verein emanzipierten Znaimer Tschechen. An der Stelle einer Barockgasstatte „Zum weißen Löven" auf dem Unteren Platz Nr. 22 entstand in 1881 ein neues Pseudorenaissancegebäude - der neue Sitz.. Im ersten Stock befindet sich ein „Stuckatursaal", das bis 1918 für einzige tschechische Theaterbühne in Znaim galt. 9 2 77 Wunder der Stadt Znaim, Web & design WEBHOUSE®, Redaktionssystem vismo®, letzte Revizion: 18.6.2008. [Zitiert am 8.12.2008]. . Das erste Bild zugänglich in: B L A H A , Jan. Znojemská Beseda 1870 - 2005. S. 26 46 2. Villa der Familie Mareš Znaimer Tugendhat' B. 2 Von der oberen Terasse sieht man alle bekannte Stadtdominanten. B. 3 Der Gesamtblick auf die Villa mit ihrer Umgebung, sowie sie heute aussieht Erster tschechischer Bürgermeister Znaims - Josef Mareš, ließ seine Villa von tschechischem Architekt Jan Víšek auf der Straße »Na Vyhlidce« erbauen. „Sie liegt auf dem Hügel oberhalb des Granitztals in der Oberen Vorstadt, zwischen der nörlichen Stadtmauer und dem Pöltenberg.(...) Dank der seltsamen Bauarchitektur (...) zählt die Villa zu den bedeutendsten Bauwerken der tschechischen Architektur zwischen den beiden Weltkriegen." Ebenda. [Zitiert am 14. 3. 2009]. Zugänglich in: 47 3. Die Gedenktafel des 28. Oktobers 1918 Die neue Erinnerung an Tomáš Garrigue Masaryk' Die neue Gedenktafel steht bei dem Gebäude des Kreisgerichts. Sie wurde wegen dem neunzigjährige Jubiläum errichtet und soll vor allem an T.G.M, Edvard Beneš, Milan R. Štefánik und an die Legionen erinnern. Nicht weit vom diesem Denkmal steht neu auch das Symbol der Tschechen - der Lindenbaum. Web & design WEBHOUSE®, Redaktionssystem vismo®. [Zitiert am 3. 4. 2009]. Zugänglich in: 48 4. Der Masaryk-Platz Der größte Platz in Znaim B. 5 Der Masaryk-Platz bei der Aussicht aus dem Rathausturm Der Masaryk-Platz hieß ursprünglich der Untere Platz. Er ist ein Teil der Altstadt, aber nach seinem Grundriss kann man erkennen, dass dieser erst nach der Gründurg der Stadt auf einer der freien Bauflächen entstand. Der Platz wird von den alten Bürger- und Adelspalästen verschönt und seinen Namen erinnert an den Besuch vom ersten tschechischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk. Das war erst 1924, wegen der kritischen Situation in der Lösung der Nationalitätenfrage in der ersten Jahren der Tschechoslowakei. © 2007 Hotel Happy Star. Das Bild ist zugänglich in: 49 5. Das Jubiläumspark Der Stolz vom tschechischen Znaim B. 6 Die Gedenktafel zum 10-jährigen Jubiläum der Gründung der CSR Das Jubiläumspark wurde 1928 in der Blütezeit auf dem Platz der heutigen „Jarořova třída" errichtet. 1928 war das zehnjährige Jubiläum der Tschechoslowakischen Republik. Während der Stadtpark eher für die deutschen Bewohner der Stadt bestimmt war, wurde der Jubiläumspark das tschechische Symbol der Stadt. „Zuerst wurde im Obereteil der Parkanlage ein Springbrunnen mit einem Steingarten errichtet, danach entstand ein „lauschiges Plätchen" mit einer Sonnenuhr und zum Schluss der untere Teil mit einem Spielplatz für Kinder, einer langen Holzgartenlaube und zahlreichen Blumenbeeten." 9 6 Web & design WEBHOUSE®, Redaktionssystem vismo®. [Zitiert am 14. 3. 2009]. Zugänglich in: 50 B. Deutsche Symbole 1. Das Stadttheater Eine schöne Nachahmung der Wiener Volksoper' B. 7 Südmährisches Theater B. 8 Das Interieur ist im Neobarock Die Stadt beschloss im Mai 1892 den Bau eines neuen Theaters. Im Januar 1899 wurde das Konzept des renomierten Wiener Architekten Alexader Graf ausgewählt und „während einer extrem kurzen Zeit auf dem freien Platz des heutigen Platzes der Republik das Theater errichtet". A. Graf ließ sich vom Exterier der Wiener Volksoper die er kurz vorher entwarf - inspierieren. Dieses Pseudorenaissance-Bauwerk wurde zum Stolz von Znaim. Ebenda. [Zitiert am 14. 3. 2009]. Zugänglich in: 51 2. Villa der Familie Weinberger Ein Juwel der deutschen Architektur der 20er Jahre9 tm B. 9 Die neoklassizistische Villa dient heute als Kindergarten. ] IB i B. 10 Frontansicht Der Fabrikant jüdischer Herkunft Alfred Weinberger ließ in 1926 in der heutigen Rudolecky-Straße zwei Wohnhäuser errichten. Die representative Villa wurde für den älteren Weinbergers Sohn von dem Brünner Architekten Norbert Troller gebaut. „Das Interieur wurde vom berühmten Wiener Architekten Armand Weiser entworfen und erichteeingt. Vom Ergebnis waren nicht nur die Znaimer Honoratioren, sondern auch Fachleute außerhalb Mährens beeindruckt. Weinbergers verließen die Stadt kurz nach der Machtergreifung von Hitler." Ebenda. [Zitiert am 14. 3. 2009]. Zugänglich in: 52 3. Villa der Familie Krammer Hängende Gärten von Znaim Der bedeutende Kaufmann Znaimer Friedrich Krammer errichtete in mehreren Terassen eine äußerst originelle Gartenanlage, nicht weit von der Znaimer Burg. „Um 1920 wurde am Garten eine einzigartige Villa der Familie Krammer erbaut. Im Haus hat heute die Verwaltung des Wasserwerks von Znaim ihren Sitz." Aus den Terassen gibt es eine schöne Aussicht auf das Thayatal. Ebenda. [Zitiert am 14. 3. 2009]. Zugänglich in: < http://www.znoimocitv.cz/de/vismo/dokumenty2.asp7id org=100452&id=1065&pl=52> 53 4. Svobodas Häuser Ein Stück der vormodernen Großstadt in Znaim B. 12 Die Häuser stehen auf der Südseite des heutigen Republikplatzes „Die Häuser wurden kurz vor dem Ersten Weltkrieg, in den Jahren 1907-1908, vom Baumeister Josef Blasovsky nach dem architektonischen Entwurf Franz Svobodas gebaut." Sie sind ein Teil vom großstädtischen Entwicklungskonzept, der nach der Entstehung der CSR nicht beendet wurde. Sie stehen auf der Südseite des Republikplatzes. Beim Anblick von fern bilden sie den Eindruck, als wären sie ein prächtiges Schloss oder Kloster. 1 U U Ebenda. [Zitiert am 14. 3. 2009]. Zugänglich in: 54 5. St. Rostislav-Kirche Symbol der Znaimer »Belle Epoque« B. 13 Die Kirche wurde nach dem Entwurf des Wiener Architekten Ludwig Faigl errichtet. Die Kirche steht auf dem heutigen Otmar Chlup-Stadtplatz, wo sie in den Jahren 1910-1911 erbaut wurde. Ursprünglich wurde sie für die deutschen evangelischen Stadtbewohner bestimmt. „Es handelt sich um ein Neorenaissance-Bauwerk mit Merkmalen des progressiven Jugenstils. Nach der Vertreibung der deutschen Mitbürger aus Znaim in der dramatischen Nachkriegszeit blieb die Kirche für längere Zeit leer. Erst Ende des 20. Jahrhuderts wurde sie an die orthodoxe Kirche übergeben. 1 0 1 Ebenda, [am 14. 3. 2009], zugänglich in: Die Menschen dieser Epoche sind meistens zweifellos, materiell gesichert. Dieses Leben spielt sich auf den Boulevards der Metropolen ab. Viz 55 Zum Schluss: Das Ergebnis von der tschechischen und deutschen Nationalbewegungen war die Tatsache, dass in letzten zwei - drei Jahrzehnten der Existenz der habsburgisehen Monarchie zwei paralelle Gesellschaften in den böhmischen Ländern bestimmt waren, die täglich ins Kontakt kamen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bemühten sich die Deutschen, ihre für lange Jahrhunderte führende Position beizubehalten. Die Tschechen, zum Gegenteil, wollten sich der deutschen Macht zuerst gleichzustellen, dann sie zu besiegen. T.G. Masaryk setzte alles auf eine Karte, auf die Karte der Allierten. Wenn man darüber denkt, stellt man fest, dass Masaryk damals eigentlich keine andere Möglichkeit hatte. Er musste glauben, dass die Entente-Mächte den Dreibund im Krieg besiegen. Der Sieg der Allierten und Erfolge der tschechoslowakischen Legionen sicherten endgültig die zukünftige Existenz der Tschechoslowakei. Die Idee der Tschechen musste die Macht der Siegermächte ausnutzen, sonst hätte sie nie verwirklicht worden sein. Meiner Ansicht nach war der Verlauf der Geschehnisse 1918 in Znaim nicht überraschend. Die Entstehung vom Deutschsüdmähren musste logisch kommen. Der Anschluss ans Deutschösterreich war klar, niemandem kam es seltsam vor. Und genau die Deutschen, die Znaim damals beherrschten, zählten lange - vielleicht zu lange nicht mit dem Staat der Tschechen. Es waren die Menschen, die das Gefühl hatten, dass die Tschechen ihnen das wegnehmen, was den Deutschen schon lange gehörte. Genau die reichen Deutschen, meistens die Unternehmer, die gleichzeitig die politischen Funktionen hatten, hatten mit dem neuen Staat der Tschechen (und Slowaken) das größte Problem. Sie konnten (zuerst) nicht damit einverstanden sein, dass die Tschechen auf einmal die politische Macht haben, die unter anderem auch die Bedingungen für die Wirtschaft schuf. Und das war für die Deutschen eine sehr wichtige Sphäre. Natürlich auch die Befreiung vom Znaim und zusätzlich der Anschluss an die CSR wurde unvermeidlich. Die tschechoslowakische Republik wurde im Herbst 1918 die Realität, aber meiner Meinung nach war sie eine erträgliche Realität. Sie bot aber ihren nationalen Minderheiten (mit bestimmten Mängeln) einen breiten Raum für ihr 56 nationales, kulturelles und politisches Leben. Es ist wahr, dass die Deutschen in CSR daran gut waren, aber ihre begrenzte politische Macht, die mit der Wirtschaft zusammenhing, war das größte Problem in den weiteren Jahren der Republik. Damit sich die Deutschen mit der Existenz der CSR wenigstens abfanden, mussten sie alles Mögliche zu tun, um die Tschechoslowakei ständig zu schwächen. Die Hauptfrage, inwieweit Znaim noch als die deutsche Stadt bezeichnen werden kann, wurde während der Auswertung meiner Materialien in eine mehr konkrete Frage verändert. Die neue Frage lautete: Was kann man in der Stadt Znaim noch als deutsch wahrnehmen? Mein Ziel war das auszuwählen, was man in der Stadt noch heute sehen kann. Weil nach dem deutschen Volk historische Gebäude blieben, wählte ich vor allem aus dem Bereich der Architektur aus. Und genau der praktische Teil zeigte, dass es in Znaim nicht nur viele tschechische, sondern auch deutsche Symbole gibt, noch mehr als ich hier zur Verfügung stehe. Wegen der Zeit und dem Umfang musste ich meine Arbeit leider beenden. Diese Problematik objektiv zu beurteilen, war für mich schwerer als ich dachte. Doch ich bin die Tschechin... Znaim 1918 war einfach die Heimatstadt beider Nationen, auch nach dem 28. Oktober. Dieses Datum veränderte fast nichts, für Znaim war der 16. Dezember damals wichtiger. Ich schreibe damals, weil nur wenige Leute heute wissen, dass hier noch mehr als eineinhalb Monat nach dem 28. Oktober die Deutschen große Übermacht hatten. Ich hoffe, dass meine Abeit mehreren Leuten hilft, diesen Zeitraum besser zu erkennen und vor allem zu verstehen. 57 VII. Textanhänge A. Der Originaltext der Entschließung der Tschechen vom 1. 9. 1918 in TJnanov „My, občané českého Znojemska shromáždění na schůzi v Únanově dne 1. září 1918 vyslechnuvše svoje poslance zemské i říšské Havlíka, Kuchyňku, Stejskala a Svobodu prohlašujeme jednomyslně: Všichni svorně připojujeme se ku památným projevům zástupců českého národa ze dne 30. května 1917 a ze dne 6. ledna 1918 a slavnostně přísaháme, národní přísahu složenou dne 13. dubna 1918 na shromáždění zástupců celého národa v královské Praze. Tak slibujeme a na tom věrně trváme."103 Zugänglich in: 58 B. Der Originaltext des deutsch-österreichischen Werbeplakats, der am 21. 11. 1918 von dem tschechischen Nationalausschuss in Zidlochovice eingezogen wurde. „An das deutsche Volk in Südmahren!1 0 4 Sonntag, den 3. November 1918 haben sich die Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Deutsch-Südmährens zur Kreisversammlung in Znaim vesammelt und bei derselben einstimmig den nachstehenden Beschluss gefasst: Wir vom deutsch-österreichischen Volke unseres Gebiets auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes erwählen Abgeordneten, zurzeit die einzigen gefügten Vertreter unseres Volkes, haben uns in der allgemeinen Not unserer Heimat und unseres Volkes, nachdem der andere, das bisherige Kronland Markgrafschaft Mähren bewohnende Volksstamm jede politische und vor allem jede wirtschaftliche Gemenschaft mit uns gelöst und damit selbst alle bestehenden historischen und gesetzlichen Bindungen mit uns aufgehoben hat, zu dieser provisorischen Kreisversammlung vereinigt, um auf Grund des anerkannten Prinzipes der Selbstbestimmung des Volkes in unserem Siedlungsgebiete eine geordnete Verwaltung aufzurichten und so uns selben unsere Familien und unsere Nachkommen gegen Fremdherrschaft zu schützen und vor dem wirtschaftlichen Ruine, wie vor der sozialen Auflösung zu bewahlen. Die provisorische Kreisversammlung hat sich Sonntag, den 3. November 1918 im Rathause der Stadt Znaim konstituiert und die nachstehenden Beschlüsse gefasst: 1. Im Namen des von ihr vertretenen Volkes und Gebietes erklärt die konstituerende Kreisversammlung die Gesamtheit der nachstehenden Gemeinden: Politischer Bezirk Auspitz: Auspitz, Gr. Steurowitz, Gurdau, Laatz, Neumühl, Poppitz, Prittlach, Saitz, Tracht, ex post Woikowitz. Zugänglich in: 59 Politischer Bezirk Datschitz: Althart, Böhm. Rudoletz, Holleschitz, Höstes, Laskes, Lidhersch, Lipolz, Maires, Margarethen, Modes, Mudlau (zacerneno), Mutten, Muttischen, Neustift, Ober Radisch (zacerneno), Petschen, Piesling Chr., Piesling Isr., Qualitzen, Sitzgras, Slawaten, Stallek, Stoitzen, Unter Radisch, Urwitz, Urbantsch, Wenzelsdorf, Wölking, Zlabings. Politischer Bezirk Göding: Lundenburg Chr., Lundenburg Isr. Politischer Bezirk M.-Budwitz: Dantschowitz, Döschen, Fratting, Frauendorf, Hafherluden, Kurlupp, Lospitz, Nespitz, Plospitz, Qualkowitz, Ranzern, Teifenbach, Ungarschitz, Wispitz, Zoppanz. Politischer Bezirk M.-Kromau: Aschmeritz, Babitz, Chlupitz, Damitz, Gubschitz, Hosterlitz, Irritz, Kaschnitzfeld, Kl. Seelowitz, Kodau, Lidmeritz, Misslitz Chr., Misslitz Isr., Nispitz, Skalitz, Socherl, Tullnitz, Wolframitz. Politischer Bezirk Nikolsburg: Bergen, Brateisbrunn, Dornfeld, Dürnholz, Eisgrub Chr., Eisgrub Isr., Frainspitz, Fröllersdorf, Guldenfurt, Guttenfeld, K l . Niemtschitz, Klentnitz, Kuprowitz, Leipertitz, Lodenitz, Maispitz, Mariahilf, Millowitz, Mödlau, Mohleis, Muschau, Neudeck, Neu Prerau, Neusiedl, Nikolsburg, Nikolsburg Isr., Ober Wisternitz, Odrowitz Pardorf, Pausram, Pohrlitz Chr., Pohrlitz Isr., Pollau, Prahlitz, Pulgram, Schömitz, Treskowitz, Unt. Dannowitz, Unt. Wisternitz, Urspitz, Voitelsbrunn, Weissstätten, Wostitz. Politischer Bezirk Znaim: (Gerichtsbezirk Frain): Alt Petrein, Chwallatitz, Edenthurn, Frain, Freistein, Jasowitz, Landschau, Liliendorf, Luggau, Milleschitz, Neu Petrein, Ober Fröschau, Pomitsch, Schaffa Chr., Schaffa Isr., Schiltern, Stallek, Windschau, Zaisa; (Gerichtsbezirk Joslowitz): Erdberg, Frischau, Grabendorf, Gr. Grillowitz, Gr. Tajax, Grusbach, Höflein, Joslowitz, K l . Grillowitz, K l . Olkowitz, Mitzmanns, Moskowitz, Possitz, Probitz, Schönau, Waltrowitz, Zulb; (Gerichtsbezirk Znaim): Alt-Schallersdorf, Baumöhl, Bonitz, Borotitz, Deutsch Könitz, Dörflitz, Edelspitz, Esseklee, Frainersdorf, Gaiwitz, Gerstenfeld, Gnadlersdorf, Gr. Olkowitz, Gurwitz, Hermannsdorf, Hödnitz, Kaidling, Kallendorf, Klein Tajax, Klein Tesswitz, Lechwitz, Mannsberg, Mühlfraun, Naschetitz, Neu Schallersdorf, Oblas, Panditz, Pöltenberg, Poppitz, Pratsch, Prossmeritz, Pumlitz, Rausenbruck, Seiletitz, Schakwitz, Schattau, Tasswitz, Tesswitz a.d.W., Töstitz, Urbau, Warnitz, Zuckerhandl. Stadtgemeinde Znaim. 60 Unter dem Namen „Deutschsüdmährischer Kreis" als gesondertes Verwaltungsgebiet des Staates „Deutschösterreich", vollzieht hiemit den Beitritt zu den „Deutschösterreichischen Staate", erkennt die, Montag, den 21. Oktober 1918 im Landhause in Wien konstituierte Nationalsammlung von „Deutschösterreich" als ihre höchste gesetzgebende Körperschaft, die von ihr eingesetzten Behörden als ihre übergeordneten Behörden an und erklärt die Beschlüsse jener Körperschaft, wie die Anordnungen dieser Behörden für sich selbst, wie für das ganze von dieser Kreisversammlung vertretene Volk und Gebiet ohne allen Vorbehalt für bindend. 2. Der „Deutschsüdmährische Kreis" vollzieht seinen Anschluss an das bestehende Kronland Niederösterreich, gelobt dessen Schicksal in unverbrüchlichen Gemeinschaft und brüderlicher Solidrität zu teilen und erwartet, dass dessen gesetzliche Vertretung dieses Gelöbnis annimmt und in gleichem Geiste erwidert. 2. Die Kreissammlung bestellt aus ihrer Mitte einen Kreisausschuss von drei Mitgliedern und dieser wählt einen Kreishauptmann. Diese haben bis zur Uebernahme des Kreisgebietes in die landesfürstliche autonome Werwaltung des Landes Nieder-Oesterr. die innere Verwaltung wie die äussere Vertretung des Kreises zu führen. Auf Grund der angeführten Beschlüsse ist die provisorische Kreisversammlung sofort zur Wahl der Funktionäre geschritten und hat mit Stimmeneinhelligkeit gewählt: zu Kreisausschüssen die Herren Abgeordneten: Josef Brunner, Grundbesitzer in Höflein, Staatsrat Josef Luksch, Grundbesitzer in Lodenitz, Staatsrat Oskar Teufel, Fabrikant in Znaim. Dieselben wählten aus ihrer Mitte den Herr Staatsrat Abgeordneten Oskar Teufel zum Kreishauptmann. Der „Deutschsüdmährische Kreis" ist damit als selbstständiges Versamlungsgebiet konstituiert. Nach seiner Konstituierung hat die Kreisversammlung den Beschluss gefasst: 1) Der Kreisausschuss wird aufgefordert, von dieser Konstituierung der Nationalversammlung von Deutschösterreich geziemend Mitteilung zu machen, die Genehmigung der gafassten Beschlüsse, sowie die Bestätigung der vollzogenen Wahl einzuholen und neugegründeten Kreis, wie seine provisorischen Einrichtungen, unter den Schutz der gesamten Nation zu stellen. 61 2) Der k.k. Regierung von der vollzogenen Tat Mitteilung zu machen und die Ueberführung der Behörde und der behördlichen Organe des Kreisgebietes in den Dienst des Landes Niederösterreich zu bewirken. 3) Sollte die k. k. Regierung die Durchführung dieses Antrages nicht sofort vollziehen, so hat der deutshösterreichische Staatsrat die Ueberführung der Behörden und Geschäfte kraft seines Amtes zu veranlassen. 4) Das Beschlussprotokoll der Kreisversammlung durch Maueranschlag in allen Gemeinden des Kreises kundzumachen. Diese Beschlüsse welchen auch die nicht auf Grund des allgemeinen, gleichen, direkten Wahltechtes gewählten, anwesenden Landtagsabgeordneten der in Betracht kommneden Wahlkreise beigetreten sind hiemit im Sinne des Auftrages der Kreisversammlung kundgemacht. Znaim, am 3. November 1918 62 Bibliographische Zitationen: AGNEW, LeCaine Hugh: Češi a země Koruny české. Praha: Academia. 2008. S. 549. ISBN: 978-80-200-1626-3 BARTOŠ, Josef; SCHULZ, Jindřich; TRAPL, Miloš: Historický místopis Moravy a Slezska v letech 1848-1960, 1. vyd., svazek IX. Ostrava: Profil. 1984. S. 345 BĚLINA, Pavel a kol. autorů. Dějiny zemí Koruny české I. 9.vyd. Praha, Litomyšl: Ladislav Horáček - Paseka, 2003. 315 S. ISBN: 80-7185-605-3 BĚLINA, Pavel a kol. autorů. Dějiny zemí Koruny české II. 9.vyd. Praha, Litomyšl: Ladislav Horáček - Paseka. 2003. 329 S. ISBN: 80-7185-606-1 B L A H A , Jan. Znojemská Beseda 1870-2005. Znojmo: Znojemská Beseda. 2005. S. 32 ČAPKA, František. Dějiny českých zemílSOO - 1918. 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