Masarykova univerzita Filozofická fakulta Ustav germanistiky, nordistiky a nederlandistiky Učitelství německého jazyka a literatury pro střední školy Mgr. Darina Kozáková Das österreichische Deutsch. Ein Didaktisierungsvorschlag im Bereich der Gastronomie Magisterská diplomová práce Vedoucí práce: Mgr. Vlastimil Brom, Ph.D. 2019 Hiermit erkläre ich, dass ich die vorliegende Diplomarbeit selbstständig verfasst habe und nur die im angefügten Literaturverzeichnis angegebene Literatur verwendet habe. A n dieser Stelle möchte ich mich bei dem Betreuer meiner Diplomarbeit, Herr Mgr. Vlastimil Brom Ph.D., für seine wertvollen Ratschläge, Bemerkungen, Hinweise und Zeit, die er mir gewidmet hat, herzlich bedanken. Literaturverzeichnis Einleitung 5 1. Geschichte der deutschen Sprache in Österreich 7 1.1 Frühgeschichte 7 1.2 Einwirkung des Katholizismus 8 1.3 Österreichische Sprachreform des 18. Jahrhunderts 9 1.4 19. Jahrhundert und der Beginn des 20. Jahrhundert 12 1.5 Erste und Zweite Republik 13 2. Der Begriff der nationalen Varietäten 16 3. Existenzformen des österreichischen Deutsch 21 4. Sprachsituation in Österreich 24 4.1 Wörterbücher des österreichischen Deutsch 26 4.2 Sprachpolitik in Österreich 28 4.3 Sprachplanung 30 5. Linguistische Merkmale des österreichischen Deutsch 32 5.1 Aussprache 32 5.2 Grammatische Merkmale 37 5.2.1 Substantiv 37 5.2.2 Verb 43 5.2.3 Adjektiv 46 5.2.4 Adverb 46 5.2.5 Präposition 47 5.3 Rechtsschreibung 48 5.4 Pragmatik 49 5.5 Wortschatz 50 6. Didaktik des österreichischen Deutsch 60 6.1 Didaktisierungsvorschlag 63 Zusammenfassung 70 Literaturverzeichnis 72 Anhang Nr. 1 75 Einleitung Die deutsche Sprache ist die Amtssprache in sieben Ländern und Deutsch als Muttersprache sprechen 100 Millionen Menschen. Die deutsche Sprache ist die meist gesprochene Muttersprache in der Europäischen Union. In 42 Ländern ist Deutsch als Minderheitensprache mit 7,5 Millionen Menschen und 15,4 Millionen Menschen lernen Deutsch weltweit als Fremdsprache.1 Das Ziel dieser Diplomarbeit ist die Darstellung des österreichischen Deutsch als einer der Varietäten der deutschen Sprache. Es wird die Stellung der deutschen Sprache im Inland und Ausland erörtert und seine Besonderheiten in der Grammatik und im Wortschatz. A m Anfang wird die Geschichte des österreichischen Deutsch beschrieben. Das Kapitel befasst sich mit den wichtigsten Ereignissen, die die Entwicklung der Sprache in Österreich beeinflussten. In dem zweiten Kapitel wird der Begriff der nationalen Varietät erläutert und die geschichtliche Entwicklung des plurizentrischen Konzepts der Sprache skizziert. Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit den Existenzformen der Sprache in Österreich und beschreibt, welche Sprachschichten mit unterschiedlichen Gebrauchsbedingungen unterschieden werden können. Der nächste Teil der Arbeit ist der Sprachsituation in Österreich gewidmet, der Sprachpolitik und der Sprachplanung. Es wird auch den sprachpolitischen Verhandlungen und Diskussionen vor dem EU-Betritt Österreichs und besonders dem Protokoll Nr. 10 Aufmerksamkeit gewidmet. Das nächste Kapitel konzentriert sich auf die einzelnen Unterschiede zwischen dem österreichischen Deutsch und dem sog. Binnendeutschen. Es werden die deutlichsten sprachlichen Besonderheiten dargestellt, und zwar im Bereich der Aussprache, Grammatik, Schreibung, Pragmatik und des Wortschatzes. Charakteristische lexikalische Mittel der Standardsprache Österreichs werden anhand des gastronomischen Bereichs veranschaulicht. Das letzte Kapitel befasst sich mit der Didaktik des österreichischen Deutsch und mit den Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Es werden die Übungen für DaF-Unterricht vorgeschlagen, mit Fokus auf die Ausdrücke aus der Gastronomie, die den Lernenden bei der Erweiterung ihrer Kenntnisse über das österreichische Deutsch helfen können. 1 Deutschland.de. FAZIT Communication GmbH [online]. 2019 [zit. 12. Juni 2019]. In: https://www.deutschland.de/de/topic/kultur/deutsche-sprache-ueberraschende-zahlen-und-fakten. 5 Der Anhang enthält das Protokoll Nr. 10 mit 23 Austriazismen, die im Rahmen der Europäischen Union anerkannt wurden. 6 1. Geschichte der deutschen Sprache in Österreich 1.1 Frühgeschichte Die Frühgeschichte der deutschen Sprache in Österreich lässt sich ungefähr zum Anfang des 6. Jhs. ansetzen, in die bis dahin römischen Provinzgebiete in Voralpen im Donauraum zwischen Lech und Enns. Aus verschiedenen germanischen Gruppen bildeten sich die Bajuwaren (oder Baiern) und Alemannen, wobei die Alemannen in die westlichen Alpengebiete eindrangen (in der heutigen Schweiz und Vorarlberg), die Baiern kamen nach Süden in den östlichen Alpenraum sowie nach Osten östlich von Enns. Im Westen im heutigen Nord- und Südtirol und in Salzburg befanden sich Romanen, im Osten Slawen, wobei sich hier allmählich zwischen dem 8. und 13. Jh. der Sprachwechsel zum Deutschen vollzog. Eine frühe Epoche einer bestimmten politischen Eigenständigkeit Österreichs setzte im Jahre 1156 ein, als das Land zum Herzogtum des Heiligen Römischen Reichs erhoben wurde.2 Für die Zeit des Mittelalters unterscheidet man im Deutschen die Sprachepochen des Althochdeutschen und später des Mittelhochdeutschen, der Sprachgebrauch ist weitgehend dialektal geprägt. Im Westen Österreichs - im Vorarlberg etablierten sich alemannische Dialekte, in Tirol Schwäbisch, das zum großalemannischen Dialektverband gehört. In der größten Gebieten Österreichs (Nordtirol, Süd- und Osttirol, Kärnten, Steiermark, Burgenland, Salzburg, Oberösterreich und Niederösterreich) handelt es sich um einen bairischen Dialekt. Die Volks- und Sprachgrundlagen sind für Bayern und Österreich gemeinsam und die sprachliche Eigenentwicklung im österreichischen Raum kam erst im 12./13. Jh., und trennte sich von dem bayerischen erst im 18. Jh. So sind die meisten Österreicher (außer den Vorarlbergern) in ihren sprachlichen Grundlagen Baiern, aber keine Bayern. Das Wort „Bairisch" ist ein dialektologischer Begriff und knüpft sich an die ersten „deutschsprachigen" Dialekte in der althochdeutschen Zeit. Das Wort „bayerisch" gegenüber bezieht sich auf den Freistaat Bayern, ist also ein geographisch-politischer Begriff.3 2 Wiesinger, Peter. Die deutsche Sprache in Österreich. Eine Einführung. In: Wiesinger, Peter. Das österreichische Deutsch. Wien, Köln, Graz: Böhlau, 1988. Seiten 9-30, hier s. 11. 3 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 12. 7 1.2 Einwirkung des Katholizismus Im Spätmittelalter des 14. und 15. Jhs. entwickelten sich regionale frühneuhochdeutsche Schreibsprachen und das betraf auch die bairisch-österreichische Schreibsprache. Sie wurde in dem bayerischen und österreichischen Raum zunächst in den Kanzleien und klösterlichen Schreibstuben verwendet und seit dem Ende des 15. Jhs. verbreitete sie sich auch in alle Teile des römisch-deutschen Reiches.4 A m Anfang des 16. Jhs. kam Martin Luther mit den Bemühungen, die Kirche zu reformieren. Dazu benutzte er auch die Bibel als die religiöse Autorität. Für seine Übersetzung der Bibel im Jahre 1522 wählte er unter den verschiedenen deutschen Schreibsprachen die ostmitteldeutsche meißnisch-obersächsische Schreibsprache, die aber deutliche oberdeutsche bairisch-österreichische Merkmale aufwies. Durch die Reformation gelangte Luthers Übersetzung der Bibel in alle deutschsprachigen Regionen der Mitte, des Nordens und des Südens und wurde die Grundlage der neuhochdeutschen Schriftsprache in diesen Gebieten. Im Süddeutschland und in Österreich verlief es aber anders im Hinblick auf unterschiedliche geschichtliche Entwicklungen und es dauerte mehr als 200 Jahre, bis es hier zur Durchsetzung der neuhochdeutschen Schriftsprache ostmitteldeutscher Prägung kat.5 Im katholischen Süden und Österreich diente als Leitvarietät das BairischOberdeutsche, wobei die Grundlage für die Schriftsprache die Kanzleisprache Kaiser Maximilian war. Seit 1520 kam mit dem Protestantismus die ostmitteldeutsche Schriftsprache und ostmitteldeutsche Sprachformen auch nach Österreich. Der Protestantismus verbreitete sich rasch (nur in Tirol passierte das nicht wegen teilweise eigener Reformbewegungen) und Luthers Schriften wurden auch in der kaiserlichen Stadt Wien gedruckt. Der Kaiser Ferdinand I. setzte sich auf Grund seiner spanischen Herkunft für die traditionelle katholische Kirche ein, er konnte jedoch die Ausbreitung des Protestantismus nicht verhindern. Deswegen eröffnete er im Jahre 1552 mit der Berufung des Jesuiten Petrus Canisius die Gegenreformation in Österreich. Im folgenden halben Jahrhundert wurde der größte Teil der Bevölkerung mithilfe der Jesuiten wieder katholisiert. Den Rest des Protestantismus, besonders unter Adligen, unterdrückte Kaiser Ferdinand II. mit Gewalt und der Protestantismus verblieb nur in kleinen Gebieten Österreichs. In der Zeit der Gegenreformation achteten die Jesuiten auf die Abgrenzung des Katholischen vom Protestantismus und führten die Zensur ein. Die Wirksamkeit des Protestantismus und der damit verbundenen ostmitteldeutschen Schriftsprache waren 4 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 12. 5 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 13-14. 8 eingeschränkt, sodass sich eine einheitliche Schriftsprache zunächst nicht durchsetzen konnte. In der ersten Hälfte des 17. Jhs. waren Bayern und Österreich wieder katholisch und die Jesuiten betrachten die ostmitteldeutsche Schriftsprache als Sprache des Protestantismus. Das Oberdeutsche als einzige Schriftsprache blieb in Österreich bis 1750 und in Bayern bis 1760.6 1.3 Österreichische Sprachreform des 18. Jahrhunderts Die Zeit der Aufklärung war ein Zeitalter der Reformen. Zwischen 1730 - 1760 kam es zur Vereinheitlichung der Schriftsprache im gesamtdeutschen Raum (in der Schweiz entstand eine eigene Varietät auf alemannischer Grundlage), zur Ersetzung der bairisch-oberdeutschen Form durch die ostmitteldeutsch-norddeutsche Form der deutschen Schriftsprache.7 In Mittel- und Norddeutschland förderten die neu gegründeten Sprachgesellschaften die weitere Entfaltung und Erforschung der deutschen Sprache. Dagegen in dem katholischen Österreich wurden als Sprachen der Bildung mehr die Fremdsprachen betrachtet - Französisch, Italienisch, Spanisch und Latein als die Sprachen der Gelehrten, Diplomaten u.a. und der Adel interessierte sich nicht viel für die gepflegte deutsche Sprache. Auch die höchsten Gesellschaftskreise sprachen im 18. Jh. Dialekt oder zumindest stark dialektgefärbt. Die Kaiserin Maria Theresia selbst sprach privat Dialekt (mit ihrem Ehemann Franz Joseph von Lothringen aber französisch), offiziell aber wie andere Hochgeborene, Adelige u.a. verwendete sie entweder Fremdsprachen oder ein österreichisches Hochdeutsch. Mehrere Prediger benutzten auch Dialekt, v.a. weil sich auf die breite Bevölkerung zuwenden wollten. M i t dem Tod der Kaiserin Maria Theresia wurde allmählich der Dialekt als ungeeignet für höhere Schichten der Gesellschaft betrachtet und als Sprache der ungebildeten Leute verurteilt.8 Die wahrgenommene komplizierte Sprachsituation in Österreich, das Fehlen einer normierten Orthographie, ein veralteter Formengebrauch, ein unübersichtlicher Satzbau und der breite Dialektgebrauch, sollten durch eine Sprachreform verbessert werden. Eine wichtige Rolle in diesen Bestrebungen spielte im deutschen Raum Johann Christoph Gottsched, und seine sprachkritischen Werke wurden nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich und Bayern rezipiert. Er beschäftigte sich auch mit der deutschen Sprache und bemühte sich, sie von den Fremdwörtern zu „befreien". Aus diesen Bemühungen entstanden seine - „Beyträge zur Critischen Historie der Deutschen Sprache, Poesie und Beredtsamkeit". Seine sprachlichen 6 Wiesinger, Peter. Das österreichische Deutsch in Gegenwart und Geschichte. Wien, 2014. S. 306-308. 7 Wiesinger. 2014. S. 309-311. 8 Wiesinger. 2014. S. 320-323. 9 Bestrebungen setzen im Jahre 1748 fort mit der „ Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst" einschließlich Ausführungen zu einer deutschen Grammatik.9 In Wien war in diesem Ramen der kaiserliche Rat Johann Balthasar von Antesperg tätig, der die Förderung der deutschen Sprache und ihre Durchsetzung in allen Bereichen forderte, was insbesondere als Ersatz des Französischen im einheimischen Gebrauch als Diplomaten-, bzw. Hofsprache und auch in der Belletristik und ferner die Durchsetzung anstelle des Lateins als Gelehrtensprache gedacht war. Er war mit der Veröffentlichung der „Kayserlichen deutschen grammatick" 1740-1744 beschäftigt, die aber 1749 von Gottscheds „Grundlegung einer deutschen Sprachkunst" überschattet wurde.1 0 Die Zensur, die vorher auch durch die Jesuiten gefördert wurde und die die Verbreitung der Aufklärungsliteratur verhinderte, wurde 1751 in Österreich umgestaltet und die wissenschaftlichen und literarischen Werke strömen auch aus dem protestantischen Mittelund Norddeutschland nach Österreich.1 1 Kaiserin Maria Theresia gründete in Wien im Jahre 1746 Theresianische Akademie und vier Jahre später richtete sie eine Professur für „Deutsche Beredsamkeit" zur sprachlichen Ausbildung der jungen Adeligen für den Beamten- und Diplomatendienst ein. Als Lehrbuch an der Akademie in Wien wurde Gottscheds „Grundlegung einer deutschen Sprachkunst" eingeführt, seine Werke wurden in Wien gedruckt und durch gleichgesinnte Professoren und Lehrer in Österreich verbreitet.1 2 Nach Wien wurde Johann Gottlob von Justi im Jahre 1750 als Lehrer der Akademie beruft, der mit seinen Schülern Briefmuster im neuen Stil erarbeitete und dann 1755 als „Anweisungen zu einer guten deutschen Schreibart" veröffentlichte. Sprachgesellschaften bemühen sich um die „Reinigung" vom Dialekt und die Schaffung einer „zivilisierten" Amtssprache. Die Einrichtung einer Professur für Deutsche Beredsamkeit am Theresianium 1750 war der entscheidende Schritt zum Wechsel von der heimischen oberdeutschen Form der Schriftsprache zur ostmitteldeutschen und die Reform setzte sich sukzessiv durch.1 3 Im Jahre 1774 wurde von Maria Theresia die allgemeine Schulpflicht eingeführt, die die muttersprachliche Schulung aller Sozialschichten gewährleisten sollte. Zur Gestaltung der Schulreform wurde Abt Johann Ignaz von Felbinger berufen, der auch Schulbücher für deutsche 9 Wiesinger. 2014. S. 368-370. 1 0 Wiesinger. 2014. S. 369. 1 1 Wiesinger. 2014. S. 370-373. 1 2 Wiesinger. 2014. S. 365-366. 1 3 Ammon, Ulrich. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. Berlin: Walter de Gruyter, 1995. S. 118 -121. 10 Rechts Schreibung und Grammatik verfasst. Im Jahre 1768 entstand eine Darstellung der Rechtschreibregeln „Anleitung zur deutschen Rechtschreibung".14 In dieser Zeit erschienen andere, tw. anonyme Lehrbücher, die stufenweise umgearbeitet und ergänzt wurden, damit sie besser ihrem Zweck dienten. Wichtige Werke sind von dem Dresdner Johann Christoph Adelung (1732-1806) „Deutsche Sprachlehre für Schulen", „Kleines Wörterbuch für die Aussprache, Orthographie, Biegung und Ableitung" und ebenfalls die lexikographische Darstellung „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart". Hier normierte Adelung den schriftsprachlichen Wortschatz, bei unterschiedlichen Bezeichnungen in einzelnen deutschen Sprachgebieten stellte er an die Spitze meist das ostmitteldeutschenorddeutsche Wort und weitere regionale Bezeichnungen lehnte er ab, einschließlich österreichischer Varianten. Die Schulen in Österreich orientierten sich streng an Adelungs Vorgaben und so setzte sich nicht nur Orthographie und Formen durch, sondern auch der Wortschatz. Diese Sprachpolitik löste aber auch Widerstand aus und wurde kritisiert. Die Gegner verlangten das Verbleiben der heimischen Ausdrücke und Formen und es entstanden die Sammlungen des heimischen Dialektwortschatzes, Phraseologie und auch etymologische Wörterbücher. Zu den Vertretern gehörten vor allem Sprachwissenschaftler Johann S. V . Popowitsch oder der Schweizer Johann J. Bodmer. Ihr Einfluss war aber sehr gering und die allgemeine Schulpflicht bedeutete die breite Durchsetzung der Schriftsprache nach Adelung in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. und zu Beginn des 19. Jhs.1 5 Joseph von Sonnenfels wurde zum offiziellen Ideologen und Literaturkritiker der Zeit des aufgeklärten Absolutismus im 18. und zu Beginn des 19. Jhs. in der Habsburgermonarchie, er war die Leitfigur der österreichischen Sprachreform und Mitglied der Sprachgesellschaften. 1783 wurde Deutsch zur Unterrichtssprache an der Universität Wien und das Interesse an der Gestaltung des neuen österreichischen Amtsstils wuchs. Sonnenfels gab für diese Zwecke das Lehrbuch Über den Geschäftsstyl für diese Zwecke heraus, wobei er auf die traditionelle Kanzleisprache anknüpft. Das Lehrbuch Über den Geschäftsstyl musste im Rahmen eines Prüfungssystems von allen angehenden Beamten studiert werden und blieb lange ein wichtiges Instrument der sprachlich-stilistischen Ausbildung der österreichischen Intelligenz. Es stellt wichtige Voraussetzungen für die österreichische Sprachhaltung und Literaturpraxis dar.1 6 1 4 Wiesinger. 2014. 373-374. 1 5 Wiesinger. 2014. S. 474-476. 1 6 Bodi, Leslie. Traditionen des österreichischen Deutsch im Schnittpunkt von Staatsräson und Sprachnation. (Vom Reformabsolutismus bis zur Gegenwart). In: Muhr, Rudolf, Schrodt, Richard, Wiesinger, Peter. 11 1.4 19. Jahrhundert und der Beginn des 20. Jahrhundert Im Jahre 1804 wurde das Kaisertum Österreich ausgerufen und das Heilige Römische Reich zerfiel im Jahre 1806. Im Metternichschen Polizeistaat wurden alle liberalen und demokratischen Ideen unterdrückt, um den Bestand der Monarchie zu sichern. Österreich hatte jedoch unter anderen deutschsprachigen Ländern immer noch starke Position, in Zusammenhang mit dem ständigen Vorsitz in dem Deutschen Bund in der Zeit von 1815 bis 1866. In dem Deutschen Bund entstanden Bemühungen um die Vereinigung der deutschsprachigen Gebiete und dabei bildeten sich zwei Lager: das „kleindeutsche" und das „großdeutsche" heraus. Die Anhänger der kleindeutschen Lösung präferierten den Zusammenschluss der deutschen Staaten ohne Österreich, die großdeutsche Lösung verlangte den Zerfall des Habsburgischen Reiches und die Eingliederung des deutschsprachigen Österreichs. Der Vorschlag Kaiser Franz Josephs im Jahre 1863, Österreich auch mit den nichtdeutschen Gebieten zu deutschen Staaten zu vereinigen, wurde von Preußen abgelehnt. Infolge des Deutschen Krieges im Jahre 1866 wurde der Deutsche Bund aufgelöst, was die staatpolitische Abtrennung Österreichs von Deutschland bedeutete. Im Jahre 1867 entstand die sprachlich multinationale Österreichisch-Ungarische Monarchie, wo die großdeutschen und kleindeutschen Anschauungen weiterwirkten.1 7 Mit der Verselbstständigung Österreichs wurde der Sprachnationalismus immer stärker. Das österreichische Deutsch wurde in dieser Zeit innerhalb der vielsprachigen Monarchie durch den ständigen Umgang mit anderen Sprachgruppen beeinflusst. Die Grundlage in Wortschatz und Grammatik wurde durch oberdeutsch-bairische Leitvarietät geprägt. Der österreichische Wortschatz verließ in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. die Normierung des Wortgebrauchs nach Adelung und die Bezeichnung „österreichisches (Hoch)deutsch" entstand. Im Jahre 1876 fand in Berlin die Orthographiekonferenz statt, es wurde jedoch keine Übereinstimmung über eine einheitliche gesamtdeutsche Orthographie erreicht. Demnach beschloss im Jahre 1879 Österreich, das eigene Rechtschreibwörterbuch „Regeln und Wörterverzeichnis für die deutsche Rechtschreibung" herauszugeben. Im Buch fehlten aber Austriazismen und seine Relevanz war eher umstritten.1 8 A n der Berliner Rechtschreibkonferenz im Jahre 1901 wurde ein Konsens über einheitliche Rechtschreibregeln für das ganze deutsche Sprachgebiet erzielt, Österreichisches Deutsch: linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995. Seiten 17-37, hier s. 21-24. 1 7 Wiesinger. 2014. S. 480 - 483. 1 8 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 121. 12 wo auch Österreich und die Schweiz beteiligt waren. Zwei Jahre später wurde ein Handbuch zur einheitlichen deutschen Rechtschreibung zum primären Gebrauch in den Buchdruckereien - herausgegeben - der. sog. Buchdrucker-Duden {„Rechtschreibung der Buchdruckereien deutscher Sprache "). Die spezifisch österreichischen Ausdrücke blieben jedoch weiterhin im Gebrauch und die Rechtschreibdifferenzen nahmen in der Zwischenkriegszeit zu. Der Rechtschreib-Duden enthielt schon am Ende des Zweiten Weltkrieges Austriazismen, meist aber ohne sie als solche zu markieren. Für die Schulen und Ämter entstand das Werk „Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis''', das mit Modifikationen in Gebrauch bis 1938 blieb.1 9 1.5 Erste und Zweite Republik Das ganze 19. und das frühe 20. Jhs bis zum Ersten Weltkrieg erwachten allmählich die nationalen Ideen und dieser Zeit ist mit dem politischen Ziel nationaler Verselbständigung nach Volkstum, Kultur und Sprache in der vielsprachigen Habsburgermonarchie geprägt. Die Bestrebungen der einzelnen Nationalitäten nach Anerkennung ihrer Sprachen in der Monarchie trieben die Deutschösterreicher in deutsche Zusammenhänge. Diese Bestrebungen mündeten 1918/1919 in die Gründung der einzelnen Staaten. Schon bei der Ausrufung der Republik vom 11. 11. 1918 wurde erklärt, dass Deutschösterreich ein Teil der deutschen Republik ist, was auch die österreichische Nationalversammlung durchsetzen wollte. Es spiegelte die verbreitete Einstellung der Bevölkerung wider. A m Ende des Krieges waren allerdings für die politischen Verhältnisse sowie Staatsformen und auch die Grenzen der neuen Republiken die Siegermächte ausschlaggebend, die ein einstimmiges Verbot der Vereinigung Österreichs mit Deutschland durchsetzten. Auch der offizielle Staatsname wurde auf Veranlassung der Siegermächte von „Deutschösterreich" zu „Republik Österreich" geändert. Die betreffenden Bestimmungen waren im Friedensvertrag von St. Germain vom 10.9.1919 festgelegt.20 Die sprachliche Eigenständigkeit hing mit der politischen Situation zusammen. Der Wunsch der Bevölkerung, Österreich mit Deutschland zu vereinigen, spiegelte auch die Meinungen auf die Spracheigenständigkeit wider. Das Norddeutsche Hochdeutsch galt als höherwertig und die Bemühungen, das österreichische Deutsch zu verselbstständigen, fanden 1 9 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 118 -121. 2 0 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 16-17. 13 keinen großen Anklang. Carl Friedrich gab im Jahre 1930 die Artikeln „Der deutsche und der österreichische Mensch ", „ Österreichische Nation " und „ Welcher Nationalität sind wir? "21 heraus und betonte die Eigenart des österreichischen Volkes durch seine Geschichte, Kultur und Religion in der Form des Katholizismus, das sich von dem protestantischen Deutschland und seiner Kultur deutlich unterscheidet. Auch dabei werden die Austriazismen in der Zwischenzeitkrieg weiterhin mehr oder weniger häufig benutzt und als standardsprachlich behandelt.2 2 Die innenpolitischen Spannungen überdauerten und führten gewissenmaßen zum Zerbrechen des Staates. Im März 1938 kam es zum sog. Anschluss an Hitlers Deutschland, was letztlich von vielen Deutschnationalen begeistert aufgenommen wurde. Österreich wurde am 13.3.1938 in das nationalsozialistische Dritte Reich eingeschlossen. Bald nach dem Anschluss erwachte ein österreichisches Identitätsbewusstsein, gefördert durch die sprachlichen und geschichtlichen Unterschiede.2 3 Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges begannen die Kriegsverhandlungen. Die Siegermächte verhinderten die mögliche staatliche Verbindung Österreichs mit Deutschland und die Regierung gab eine Unabhängigkeitserklärung ab. Eine gesetzliche Regelung tritt jedoch erst ein Jahrzehnt nach dem Ende des Krieges mit dem Staatsvertrag in Kraft, der am 15.5.1955 zwischen den Siegermächten und Österreich unterzeichnet wurde. Der Staatsvertrag bestimmte, „dass eine politische oder wirtschaftliche Vereinigung zwischen Deutschland und Österreich verboten ist (...) " Es kam eine Politik der Distanzierung von Deutschland, die auch schriftsprachliche Auswirkungen hatte und die kulturpolitisch auf die eigenen Traditionen anknüpfte. Die ökonomischen, sozialen und politischen Erfolge wie Staatsvertrag, Neutralitätserklärung der frühen Nachkriegsjahre führten zum Erstarken Österreich, zur Entwicklung eines modernen Österreichbewusstsein.2 4 Es wurde auf die österreichische Sprachvarietät hingewiesen als ein Faktor der nationalen Identität. Die Kämpfer für den kulturellen Wiederaufbau einer neuen Republik in Österreich gaben die neue programmatische Zeitschrift „Die Blätter für österreichische Erneuerung" heraus.2 5 Im Jahre 1955 wurde die Österreichische Gesellschaft für Sprache und Kultur gegründet, die die sprachliche Anerkennung der Landessprache durch die Aufwertung der 2 1 Wiesinger. 2014. S. 487. 2 2 Wiesinger. 2014. S. 486-487. 2 3 Bodi. 1995. Seiten 17-37, hier s. 30-33. 2 4 Bodi. 1995. Seiten 17-37, hier s. 33. 2 5 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 126-128. 14 Umgangssprache zur Schriftsprache Österreichs forderte. Die Einwirkung des Staates auf die Sprachentwicklung zeigte sich 1951, als im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht das „Österreichische Wörterbuch" erarbeitet wurde, das die schriftsprachlichen und umgangssprachlichen österreichischen Ausdrücke enthielt. M i t dem Erscheinen des Wörterbuchs wurde die Basis für die sprachliche Selbständigkeit gelegt und das Wörterbuch unterstützte von Anfang an die eigene nationale Varietät Österreichs. In den 80er Jahren entstand das Kleine Österreichische Wörterbuch für den Unterricht für die zweite Schulstufe an den Volksschulen. Im Dudenverlag erschien der Österreichische Schülerduden, in dem aber viele Austriazismen fehlten und der auch deswegen abgelehnt wurde.2 6 1969 und 1980 erschien ein Wörterbuch der österreichischen Besonderheiten von Jakob Ebner Wie sagt man in Österreich? Die Bestrebungen nach der größeren sprachlichen Eigenständigkeit setzten auch in den weiteren Jahren fort. Das österreichische Wörterbuch wurde mehrmals bearbeitet und neu aufgelegt. Im Jahre 2016 wurde die 43. Auflage mit 1056 Seiten herausgegeben.27 Es gab Diskussionen um die Charakteristika des österreichischen Deutsch, zu dem Fragenkomplex der nationalen Standardvarietät tragen die regelmäßigen Konferenzen der Linguisten bei. Es ist zu betonen, dass sich das österreichische Deutsch aufgrund der gesellschaftlich-kulturellen Besonderheiten und der starken Beziehungen zu anderen Sprachen und Kulturen in der Region entwickelte. Die Besonderheiten des österreichischen Deutsch entstanden im Verlauf der Sprachentwicklung und der vielfältigen sprachlichen und kulturellen Kontakte des multinationalen Mitteleuropas, zugleich ist diese Sprachvarietät aber Resultat der Standardisierungsprozesse. So entstand das österreichische Deutsch, das nicht schlechter oder besser ist, sondern aufgrund dieser genannten Besonderheiten einfach eine andere nationale Varietät der deutschen Sprache darstellt, ebenso gut Deutsch wie die anderen nationalen Standardvarietäten des deutschen Sprachgebiets.2 8 Wiesinger. 2014. S. 491. Wiesinger. 2014. S. 490-492. - Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hiers.17. Bodi. 1995. Seiten 17-37, hiers. 33-34. 15 2. Der Begriff der nationalen Varietäten Deutsch ist eine offizielle Sprache in 7 Staaten. Der Status des Deutschen ist aber in diesen Staaten unterschiedlich. Man unterscheidet, ob Deutsch die einzige Amtssprache auf nationaler Ebene (solo-offiziell) oder ob es die Amtssprache zusammen mit den anderen Amtssprachen ist (ko-offiziell).2 9 Daneben erscheint Deutsch als staatliche Amtssprache nicht auf nationaler, sondern auf regionaler Ebene. So ist Deutsch solo-offiziell in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und Liechtenstein und ko-offiziell in der Schweiz (neben Französisch und Italienisch - Rätoromanisch ist eine regionale Amtssprache), Luxemburg (neben Französisch und Letzeburgisch). Als regionale Amtssprache wird Deutsch in den deutschsprachigen Gemeinschaften in Belgien und in der autonomen Provinz BozenSüdtirol in Italien (neben Italienisch und auch Ladinisch) verwendet.3 0 Die Bezeichnung deutschsprachige Länder bezieht sich auf die Staaten, in denen Deutsch die Amtssprache auf nationale Ebene ist und in denen die Muttersprachler des Deutschen die Mehrheit der Bevölkerung bilden, d.h. die Bundesrepublik Deutschland, Österreich die Schweiz und Liechtenstein. Deutsch ist Minderheitensprache auch in Elsaß-Lothringen in Frankreich, auf deutsch sprechen auch Minderheiten in Osteuropa - in Ungarn, Rumänien und Sowjetunionen.3 1 Auf Grund der vielen deutschsprachigen Gebieten kommt man zur Frage, ob nur eine einzige deutsche Sprache mit mehreren staatsgebundenen Varianten gibt, oder ob man bereits mehrere Nationalsprachen unterscheiden soll. Ist also das österreichische Deutsch eine eigenständige Varietät, die man „Österreichisch" nennen sollte, oder ist es „nur" eine regionale Variante einer Gesamtsprache „Deutsch"? Diese Frage wurde noch mehr aktuell nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Wiederherstellung der souveränen Republik Österreichs, wobei sich Österreich aus politischen Gründen von Deutschland distanzierte. Dabei wurde die nationale Eigenständigkeit Österreichs auf Grund der eigenen Geschichte seit dem 19. Jh. und besonders seit 1945 hervorgehoben.3 2 2 9 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 12. 3 0 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 13. 3 1 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 12-14. 3 2 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 9. 16 Eine der Vorstufen der Begriffsentwicklung der polyzentrischen Sprachen beginnt mit der Unterscheidung von „Binnengebieten" und „Außengebieten" vor. Diese Benennung kommt vermutlich von Hugo Moser, der sich mit der empirischen Erforschung der Zentren der deutschen Sprache seit den 50er Jahren des 20. Jhs. in Deutschland befasst. (Die Bezeichnung "Binnendeutsch" ersetze nach dem Zweiten Weltkrieg den Begriff „Reichsdeutsch" und bezeichnet die Standardsprache in West- und Ostdeutschland.) Hugo Moser ist der Meinung, dass die deutsche Sprache in der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland die Hauptvarietät darstellt und demnach auch als die Norm der deutschen Sprache dienen sollte. Das Deutsch in der D D R betrachtet er als Nebenvarietät wegen der unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Beide genannten reiht er zum Binnendeutschen. Die deutsche Sprache in Österreich, in der Schweiz, in Belgien, Luxemburg, Elsaß-Lothringen, und in Südtirol bezeichnet er als das Randdeutsche.3 3 Die eigentliche Forschungsgeschichte der nationalen Varietäten und der Plurizentrizität hat nach Ulrich Ammon zwei unterschiedliche Quellen, die zur heutigen Terminologie beitragen:3 4 1) Die russische, marxistisch orientierte Sprachwissenschaft (Begriffsgruppe „nationale Vari ante/Varietat") 2) Die nordamerikanische und deutsche Soziolinguistik (Begriffsgruppe „plurizentrische Sprache") Die Grundlagen für die erste Gruppe entwirft der Romanist Georg V . Stepanov schon Ende 50er Jahre mit der Idee einer besonderen „nationalen" Ausprägung der spanischen „Literatursprache" (= Standardvarietät) in Südamerika. Der Anglist Alexander D. Schweitser beschäftigt sich bald danach mit den Besonderheiten des amerikanischen und britischen Englisch. Die Germanistin Elise Riesel befasste sich mit nationalen Varianten der Literatursprache (nach der später etablierten Terminologie wird in diesem Kontext von Varietäten gesprochen). Schon im Jahre 1953 wies sie auf „nationale" Besonderheiten des österreichischen Deutsch hin. Sie unterscheidet drei nationale Varianten der Literatursprache 3 3 Wiesinger, Peter. Das österreichische Deutsch in der Diskussion. In: Muhr, Rudolf, Schrodt, Richard, Wiesinger, Peter. Österreichisches Deutsch: linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995. Seiten 59-74, hier s. 60. 3 4 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 43. 17 und damit auch drei nationale Gemeinschaften (BRD + D D R Österreich und die deutschsprachige Schweiz), wobei jede eine eigene nationale Variante (eigentlich Varietät) besitze. Manche Sprachwissenschaftler sprechen sich für unterschiedliche „nationale Varianten deutschen Literatursprache" in der B R D und der D D R aus.3 5 Aus einer anderen Perspektive wird beim gegebenen Thema mit dem Begriff des „Zentrums" gearbeitet, so z.B. bei dem amerikanischen Soziolinguisten William A . Stewart. Der Begriff wurde später von dem deutschen Germanisten Heinz Kloss aufgegriffen, der ferner auch den Terminus „polyzentrisch" durch den heute mehr gebräuchlichen Begriff „plurizentrisch" ersetzt und als erster auf die deutsche Sprache anwendet. Er weist auf die Unterschiede zwischen den Präfixen pluri- und poly- hin, wo pluri- „mehrere" bezeichnet, also mehr als ein Zentrum, und poly- (und multi-) „viel" bedeutet, also mindestens drei. Als Beispiel nennt er die deutsche Sprache in der B R D , der D D R , der Schweiz und Österreich. Heinz Kloss gab also Fundamente der Terminologie „Plurizentrizität" vor.3 6 Die beiden genannten Forschungsansätze blieben zuerst unverbunden, wuchsen aber allmählich zusammen. Ingo Reiffenstein verwendete als erster beide Terminologiegruppen und meint, wie Kloss, dass Deutsch „polyzentrische" Sprache ist, leugnet aber ab, dass die deutsche Sprache über verschiedene nationale Varianten bzw. Varietäten verfügt. Damit bestreitet er bei dem österreichischen Deutsch den Status der nationalen Varietät. Michael Clyne verbindet beide Begriffsgruppen und entwickelte im Jahre 1984 das Konzept der plurizentrischen Sprachen, der sich rasch nachfolgend rasch verbreitete. Nach diesem Konzept bildet die deutsche Schrift- und Standardsprache drei gleichwertige nationale Varietäten binnendeutsche, österreichische und schweizerische Varietät und jede Nation mit eigener Varietät wird als nationales Zentrum der Sprache bezeichnet. Infolgedessen verfügt Deutsch über mehrere Sprachzentren und demnach bezeichnet man Deutsch als eine plurizentrische Sprache. So hat jedes Land seine relativ eigenständige „nationale Varietät" und für jede diese nationale Varietät ist dann auch eine verbindliche Norm mit Grammatik, Lexikon und Aussprache zu kodifizieren.3 7 3 5 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 42-44. 3 6 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 45-48. 3 7 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 45-48. 18 Der Terminus nationale Varietät bezeichnet ganze Sprachsysteme, es handelt sich um eine Standardvarietät, die spezifisch für eine Nation ist. Jede nationale Varietät ist durch ihre Sprachbesonderheiten geprägt. Varietäten bezeichnen ganze Sprachsysteme, Varianten stellen die einzelnen Einheiten dar. Die nationalen Varianten sind Bestandteile der Standardvarietät einer Nation, aber nicht aller Nationen der gegebenen Sprachgemeinschaft. In den übrigen Standardvarietäten der betreffenden Sprachgemeinschaft müssen sie ein entsprechendes Äquivalent haben. Das österreichische Standarddeutsch ist demnach eine nationale Varietät, das Wort Karfiol „Blumenkohl" stellt eine nationale Variante Österreichs dar.3 8 Es ist auch wichtig, den Unterschied zwischen Standardvarietät und Nonstandardvarietät zu erläutern. Die Standardvarietät gilt für die ganze betreffende Sprachgemeinschaft einer Nation und bildet die sprachliche Norm. Standardvarietät dient als ein öffentliches Kommunikationsmittel für die ganze Nation und wird an den Schulen unterrichtet und in Behörden verwendet. Sie ist kodifiziert, was bedeutet, dass ihre Formen in Wörterbüchern oder Regelbüchern beschrieben und veröffentlicht sind. Es handelt sich z.B. um Rechtschreib-, Aussprache-, Bedeutungswörterbücher usw., also um Sprachwörterbücher. Der Kodex einer Sprachvarietät dient zur sprachlichen Orientierung. Die traditionellen Nonstandardvarietäten umfassen die Dialekte. Im Gegensatz zu den Standardvarietäten können Nonstandardvarietäten die nationalen Grenzen überschreiten, was die Dialekte der deutschen Sprache betrifft: der bairische oder auch alemannische Dialekt erstreckt sich in Österreich, Deutschland und der Schweiz.3 9 Die Sprachwissenschaftler sind aber nicht einig darin, ob man das österreichische Deutsch als nationale Varietät bezeichnen kann und seine Stellung zur standardsprachlichen Form in Deutschland ist noch Gegenstand der Diskussionen. Es wird auf die Besonderheiten der österreichischen Sprache hingewiesen, die sich z.B. in der Morphologie und Aussprache von dem Binnendeutschen unterscheidet, sie hat eigene syntaktische, pragmatische und phraseologische Eigenheiten und weist natürlich manche Besonderheiten im Wortschatz auf. Trotzdem bestreiten jedoch viele die Existenz des österreichischen Deutsch als einer eigenständigen nationalen Varietät. Ingo Reiffenstein ist der Meinung, dass das österreichische 3 8 Ammon, Ulrich. Vorschläge zur Typologie nationaler Zentren und nationaler Varianten bei plurinationalen Sprachen - am Beispiel des Deutschen. In: Muhr, Rudolf, Schrodt, Richard, Wiesinger, Peter. Österreichisches Deutsch: linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995. Seiten 110-120, hiers. 111. 3 9 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 68-69, 74-78. 19 Deutsch zu wenig Besonderheiten aufweist, damit man von einer nationalen Varietät der deutschen Sprache sprechen kann. Die nationale Souveränität und unterschiedliches Gesellschaftssystem seien nicht ausreichend für einen eigenständigen Status der nationalen Variante des Deutschen.4 0 Peter Wiesinger behauptet hingegen, gleich wie Michael Clyne, Peter von Polenz u.a., dass das österreichische Deutsch als Varietät der deutschen Sprache bezeichnen soll. Ferner Rudolf Muhr bezeichnet die deutsche Sprache in Österreich als „Österreichisch", obwohl er sie für eine Varietät des Deutschen hält. Er will damit sprachpolitische Ziele erreichen. In seiner These „Deutsch und Österreichfisch): Gespaltene Sprache - Gespaltenes Bewusstsein - Gespaltene Identität schreibt er, dass es bei „Deutsch" und „Österreichisch" um zwei Sprachen handelt. Die Verselbständigung von „Österreichisch" sei nötig, weil die Sprache Teil der Nation und Bewusstsein ist und sonst leide der Österreicher an „gespaltener Identität"4 1 Als eine neutrale, objektive Bezeichnung wird von manchen Sprachwissenschaftlern die Bezeichnung „österreichisches Deutsch" bevorzugt, dies bezeichnet die sprachlichen Eigenheiten in Österreich, ein einheitliches „Österreichisch" gibt es aufgrund der geringen Anzahl der österreichischen Besonderheiten jedoch nicht.4 2 Wiesinger. 1995. Seiten 59-74, hier s. 65. Wiesinger. 1995. Seiten 59-74, hier s. 62-66. Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hiers. 11. 20 3. Existenzformen des österreichischen Deutsch Österreich gehört im Hinblick auf die Dialekte zu dem größeren bairischen Dialektraum (auch bairisch-österreichischer Dialekt genannt) im Osten des Landes und zum alemannischen Dialektraum im Westen. Der alemannische Dialekt spricht man in dem kleinen Bundesland Vorarlberg, der bairische Dialekt erstreckt sich auf die anderen acht Bundesländer: Tirol, Salzburg, Kärnten, Oberösterreich, Steiermark, Niederösterreich, Wien und Burgenland. Die bairische Dialektregion kann man weiter in das nördliche Mittelbairisch (Niederösterreich, Wien, Oberösterreich, Burgenland und Teilen Salzburg und der Steiermark) und das südliche Südbairisch (Tirol, Kärnten und in Teilen Salzburgs und der Steiermark).4 3 Die bairische Dialektregion breitet sich auch im Westen in großen Teilen des Bundeslandes Bayern in Deutschland und im Süden in Südtirol in Italien aus. Die alemannische Dialektregion setzt sich nach Westen nach Liechtenstein, in die deutschsprachige Schweiz, in den Südwesten Bayerns und den Süden Baden-Württembergs in Deutschland und auch noch in den Süden des Elsaß in Frankreich fort. Die Sprachunterschiede zwischen den beiden Dialektgruppen in Österreich sind relativ groß. Nach dem Österreichischen Wörterbuch verfügen alle Bundesländer in Österreich über individuelle Besonderheiten.4 4 Die Unterschiede zwischen dem bairischen und dem alemannischen Gebiet bestehen nicht nur in den dialektalen Sprachformen, sondern auch in den dialektsoziologischen und dialektpragmatischen Besonderheiten. Nach Maßgabe der dialektsoziologischen und dialektpragmatischen Unterschiede kann man in dem gesamten deutschen Sprachgebiet drei große Regionen unterscheiden: Im Norden erstreckt sich die Region I des Dialektschwunds, in der Mitte und im Südosten die Region II des Dialekt-Standard-Kontinuums und im Südwesten, vor allem in der Schweiz, die Region III, die Diglossie-Region.4 5 Diese Einteilung entspricht nicht genau der Gliederung in Niederdeutsch, Mitteldeutsch und Oberdeutsch, aber sie hat dazu einen gewissen Bezug. Die Region I im Norden deckt sich mit der dialektgeographischen Region des Niederdeutschen. Die Region III im Südwesten ist auf die dialektgeographische Region des Alemannischen begrenzt und breitet sich über die ganze deutschsprachige Schweiz, über Liechtenstein und eben auch das österreichische Bundesland Vorarlberg aus. 4 3 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 16. 4 4 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 16. 4 5 Zit. Nach Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 198-199. 21 Demgegenüber die österreichische bairische Dialektregion gehört mehr zu der dialektsoziologischen Region II. Die Dialekte in der ersten Region sind geschwunden, in der Region II kommen beinahe kontinuierliche Übergänge zwischen Dialekt und Standardvarietät vor und in der Region III stehen Dialekt und Standardvarietät klar getrennt.46 Man kann die Sprache in Österreich nach einzelnen Existenzformen unterscheiden. Schon im 18. Jahrhundert unterscheidet Johann Andreas Schmeller verschiedene Sprachschichten in Bayern unter verschiedenen Klassen der Gesellschaft und Provinzen. Diese Beobachtung gilt auch für Österreich und in der heutigen Terminologie unterscheidet Peter Wiesinger einzelne Sprachschichten: Basisdialekt, Verkehrsdialekt, Umgangssprache und Schrift- und Standardsprache. Es werden verschiedene Formen der gesprochenen Sprache benutzt, nach Herkunft, Alter, Geschlecht, Bildung, Gesprächspartner und Situation. Die Verwendung der einzelnen Sprachformen regulieren die gesellschaftlichen Konventionen und bestimmen die Sprachformen in bestimmten Situationen und Gesellschaftskreisen. A u f einer Seite steht die Schriftsprache, die mündlich als Standardsprache auftritt, auf der anderen Seite kommen die in der mündlichen Form verschriftlichten Dialekte vor. Als Übergang zwischen beiden diesen Sprachen dient dann die Umgangssprache.4 7 Wiesinger gibt als Beispiel von diesen Sprachschichten den Satz an:4 8 Heute Abend kommt mein Bruder nach Hause Basisdialekt: Heint afd'Nocht kimmt mein Bruider hoam. Verkehrsdialekt: Heit auf d'Nocht kummt mei" Bruader ham. Umgangssprache: Heit ab 'nd kommt mein Bruder z 'Haus. Standardsprache: Heut ab 'nd kommt mein Bruder nach Haus. Der Basisdialekt schließt die Sprachformen ein, die z.B. von der Bevölkerung unter den Bauern und Handwerker in den alltäglichen Gesprächen benutzt werden. In den Städten entspricht diesem Dialekt der Stadtdialekt, der nicht nur von unteren sondern teilweise auch 4 6 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 197-199. 4 7 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 18. 4 8 Zit. nach Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 18. 22 von mittleren Sozialschichten der Arbeiter und Angestellten benutzt wird. A n den Stadtdialekt schließt sich der Verkehrsdialekt an. Der Verkehrsdialekt wird bei den jüngeren Leuten auf dem Land und bei Pendlern gesprochen und stellt die Überwindung der Sprachunterschiede zwischen den einzelnen Sozialschichten auf dem Lande und in der Stadt dar. Der Verkehrsdialekt wird unter anderem bei der höheren dörflichen Sozialschicht, bei Ärzten, Pfarrern, Geschäftsleuten, Gewerbetreibenden, Schullehrern usw. verwendet, die aber auch im öffentlichen Kontakt mit ihren Kunden, Gästen, Patienten, Schülern usw. Umgangssprache sprechen. Die allgemein verbindliche Sprache der Öffentlichkeit stellt die Standardsprache dar und wird von Lehrern und Schülern, von den Pfarrern, von den Fernseh- und Rundfunkmoderatoren, von verschiedenen Persönlichkeiten verwendet, die in der Öffentlichkeit auftreten. Das Hochdeutsch unterscheidet sich von der Standardsprache in der Hochlautung, die für die Berufssprecher im Fernseher, Rundfunk, Film usw. typisch ist.4 9 Die Wahl der Sprachschicht hängt neben anderen Aspekten von der Situation und von dem Gesprächspartner ab. Eine große Rolle spielt ferner die soziale Zugehörigkeit und der Wohnort. Die unteren Sozialschichten sprechen meistens Dialekt, mit zunehmend höherer sozialen Stellung nimmt der Gebrauch des Dialekts ab und die höheren Sozial schichten bevorzugen die Standardsprache, vor allem in öffentlichen Situationen. In der Stadt spricht man mehr Standardsprache, während man auf dem Lande eher Dialekt verwendet.5 0 Den Sprachgebrauch beeinflussen auch andere Faktoren. Die Unterschiede findet man auch zwischen älterer Generation (eher Dialekt) und jüngerer Generation (eher Standardsprache) sowie zwischen männlichem Geschlecht (meist eher Dialekt) und weiblichem Geschlecht (mehr Standardsprache). Im alemannischen Vorarlberg werden die Sprachschichten unterschiedlich verwendet. In diesem Gebiet wird entweder Dialekt oder Standardsprache gesprochen, Dialekt spricht man in den familiären Kreisen auch in den höheren Sozialschichten. Die Standardsprache verwenden alle Personen in den öffentlichen Kommunikationen: in der Schule, in der Arbeit, bei feierlichen Ansprachen, in der schriftlichen Kommunikation usw. Die Verwendung der Sprachschichten in Vorarlberg ist ähnlich wie in der deutschsprachigen Schweiz.5 1 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hiers. 18-19. Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 19. Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 19-20. 23 4. Sprachsituation in Österreich Die Sprache als Symbol des Landes und ein Identitätsmerkmal spielt eine große Rolle; die Beziehung vom Staat, Sprache, Kultur und Nation wird auch heutzutage diskutiert. „Die plurizentrischen Sprachen sind aufgrund historischer, politischer und wirtschaftlicher, sowie demographischer Faktoren asymmetrisch, d.h. die Normen der verschiedenen Standardvarietäten sind nicht gleichberechtigt. "52 Man kann zwischen D (dominanten) Nationen (wie z.B. bei Englisch die U S A und Großbritannien) und A (anderen) Nationen der Sprachgemeinschaft (wie z.B. Australien und Kanada) unterscheiden. Die Stellung des österreichischen Deutsch ist kompliziert, denn es besteht eine starke Asymmetrie zum Bundesdeutschen als zu der dominierenden Variante. Die Gründe dafür sind das Imageproblem des österreichischen Deutsch im Ausland und Inland, Purifizierung der österreichischen Literatursprache, die Nichtkodifikation der österreichischen Varianten, die Auswirkung des Marktes und Medien usw.5 3 Das österreichische Deutsch wird im Ausland immer noch oft als Dialekt bzw. eine Art der Nebenform angesehen und das „gute", „richtige" Deutsch sei nicht dasjenige in Österreich oder in der Schweiz, sondern nur in Deutschland. Von den österreichischen Lehrern im Ausland wird die norddeutsche Aussprache verlangt und ihr Deutsch wird oft nicht für gleichrangig gehalten. Auch die Germanistikstudenten im Ausland haben Schwierigkeiten, mit dem österreichischen Deutsch die Abschlussprüfungen zu bestehen und die Studenten legen das in Österreich gelernte Deutsch vor der Prüfung ab. Der österreichische Wortschatz wird in den allgemeinen deutschen Wörterbüchern nur beschränkt berücksichtigt und Probleme haben auch österreichische Übersetzer, deren Übersetzungen die bundesdeutschen Auftraggeber mit dem Vermerk „zu österreichisch" oder „falsche Übersetzung" markieren.5 4 Die sprachliche Anerkennung im Ausland hängt eng mit dem Imageproblem des österreichischen Deutsch im Inland zusammen. Die sprachlichen Minderheitsgefühle 5 2 Zit. nach Clyne, Michael. Sprachplanung in einer plurizentrischen Sprache: Überlegung zu einer österreichischen Sprachpolitik aus internationaler Sicht. In: Muhr, Rudolf, Schrodt, Richard, Wiesinger, Peter (Hrsg.). Österreichisches Deutsch: linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer Nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995. Seiten 7-16, hier s. 8. 5 3 Clyne. 1995. Seiten 7-16, hier s. 7 -10. 5 4 Muhr, Rudolf. Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen Sprachen. Sprache und Identität in Österreich. In: Muhr, Rudolf, Schrodt, Richard, Wiesinger, Peter (Hrsg.). Österreichisches Deutsch: linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer Nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995. Seiten 75-109, hier s. 80 - 81. 24 gegenüber bundesdeutscher Sprache sind weit verbreitet. Die österreichischen Staatsbürger sind unsicher mit den Normen der eigenen Sprache, was zur Ablehnung des sprachlichen Bewusstseins führt und viele Österreicher selbst betrachten ihr Deutsch als einen „Dialekt". Man nimmt die eigenen Besonderheiten der Sprache nicht wahr und bevorzugt die Normen der dominanten deutschsprachigen Nation, also die bundesdeutschen Normen. Das wird durch den Umstand verstärkt, dass viele Ausdrücke, die sie im alltäglichen Umgang verwenden, nicht kodifiziert und deswegen nicht als standardsprachlich anerkannt sind. In den Schulen in Österreich werden dann von Lehrern die kodifizierten bundesdeutschen Ausdrücke statt österreichischer Ausdrücke gelehrt. Die Orientierung auf die bundesdeutsche Variante wird noch durch die Purifizierung der österreichischen Literatursprache verstärkt. Die österreichischen Besonderheiten werden nach Muhr aus der österreichischen Literatur systematisch entfernt und durch bundesdeutsche oder neutrale ersetzt, entweder von den deutschen Verlagen oder selbst von den österreichischen Schriftstellerinnen, diese Tendenz, die österreichische Sprachmerkmale zu entfernen, gib es auch bei manchen österreichischen Verlagen.5 5 Von großer Bedeutung ist auch die Auswirkung des verstärkten Kontakts zwischen beiden Ländern und somit die Übernahme der bundesdeutschen Ausdrücke. Der Sprachwandel verläuft via Medien und Markt, durch den starken Tourismus, die ökonomische Verflechtung oder durch den starken Konsum bundesdeutsch geprägter Fernsehsendungen. Den sprachlichen Druck bildet die wirtschaftliche Verflechtung mit Deutschland in Handel und Industrie. Bei den Handelsketten findet man bundesdeutsch geprägte Terminologie, wie z.B. in Hofer, wo man „Aprikosen" statt „Marillen" oder „Hörnchen" statt „Kipferl" kaufen kann.5 6 Die Wirkung der Sprache verläuft verstärkt auch durch die elektronischen Medien. In Österreich werden die deutschen Fernsehprogramme durch deutsche Privatsender konsumiert und die Filme z.B. amerikanischer Herkunft werden von bundesdeutschen Studios synchronisiert. Die österreichischen Rundfunkmoderatoren verwenden immer öfter bundesdeutsche Ausdrücke. Das beeinflusst alle österreichischen sprachlichen Eigenheiten, die in Opposition zu den bundesdeutschen stehen.5 7 5 5 Muhr. Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen Sprachen. Sprache und Identität in Österreich. 1995. Seiten 75-109, hier s. 82 - 84. 5 6 Muhr. Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen Sprachen. Sprache und Identität in Österreich. 1995. Seiten 75-109, hier s. 86. 5 7 Muhr. Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen Sprachen. Sprache und Identität in Österreich. 1995. Seiten 75-109, hier s. 86 - 89. 25 Es kommt ebenfalls zur Tabuisierung des Zusammenhangs von Sprache und Nation und der politischen Rolle der deutschen Sprache in Österreich. Die Identitätsambivalenz hat die Wurzeln bereits in josephinischer Zeit, wo die Sprachnormen Gottscheds eingeführt wurden. Die deutschsprachigen Österreicher fühlten sich als „Deutsche" und viele wünschten sich die Vereinigung mit Deutschland, was zu den Spannungen führte. Die Sprache dient jedoch als Mittel zur Identität und Selbst-Identifikation. In plurizentrischen Sprachen ist es besonders schwer, weil es sich um relativ ähnliche Systeme handelt und sprachliche, soziale und staatliche Identität oft fälschlicherweise gleichgesetzt werden (wer Deutsch spricht, ist Deutscher). Die historischen Ereignisse Österreichs und die historische Verflechtung mit nichtdeutschen Nachbarn Österreichs spielen jedoch im Falle Österreichs eine entscheidende Rolle, die das österreichische Deutsch von den anderen Standardvarietäten des Deutschen unterscheidet.58 4.1 Wörterbücher des österreichischen Deutsch Die maßgebliche Kodifizierung des österreichischen Standarddeutsch ist das Österreichische Wörterbuch. Es wird im Auftrag des österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Sport herausgegeben und seine Verfasser sind österreichische Hochschullehrer und Schulbeamte. Es wurde als Rechtschreib- und Schulwörterbuch konzipiert, die kleineren und mittleren Ausgaben mit reduziertem Wortumfang sind für die Schulen bestimmt. Die wichtigste Rolle des Österreichischen Wörterbuchs ist die Pflege und Festigung der eigenen nationalen Varietät, es gewährleistet die Sprachrichtigkeit der österreichischen Sprache. Das Wörterbuch ersetzte im Jahre 1951 das Werk Regel für die deutsche Rechtsschreibung nebst Wörterverzeichnis, das seit dem Jahre 1879 bis 1938 für die Schulen verbindlich war.5 9 Manche Auflagen wurden jedoch kritisiert, weil sie nicht genügend die Umgangssprache von der Standardsprache unterschieden und bei einigen Wörtern wurden die Regionen ungenau gekennzeichnet. Das Wörterbuch ist ebenfalls nicht für alle sprachlichen Bedürfnisse genügend. Die meisten Varianten der gesprochenen Sprache in Österreich sind nicht kodifiziert und der Mangel an zuverlässigen und umfassenden Nachschlagewerken trägt wesentlich zu der Unsicherheit und Nichtwissen über die österreichischen Normen und zum 5 8 Muhr. Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen Sprachen. Sprache und Identität in Österreich. 1995. Seiten 75-109, hier s. 89 - 94. 5 9 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 137-139. 26 Fehlen eines Sprachbewusstseins bei. Die Norm-Unsicherheit vermitteln auch die österreichischen Lehrer in der Schule und die Kinder haben das Gefühl, ihr österreichisches Deutsch entspräche nicht den Normen der Standardsprache.60 Der Deutschunterricht geht leider nicht darauf ein, welche Merkmale das österreichische Deutsch hat, welche Regionen es innerhalb des österreichischen Deutsch gibt bzw. was in der Standardsprache als österreichischer bzw. bundesdeutscher oder schweizerischer Standard anzusehen ist. Das Österreichische Wörterbuch sollte nach Reiffenstein zu einem entsprechend fundierten Universalwörterbuch erweitert werden. Das werde nicht nur den österreichischen Lehrern im Unterricht helfen, sondern auch den Österreichern selbst bei der Identifizierung.6 1 Neben dem Österreichischen Wörterbuch, der ein ausgesprochener Rechtschreibkodex ist, fungiert auch noch der in Deutschland verfasste Rechtschreib-Duden als Nachschlagewerk. In den Duden-Wörterbüchern wird jedoch überwiegend der nord- und mitteldeutsche Sprachgebrauch als „Standard dargestellt. Während diese Varianten in der Regel unmarkiert und damit als „gemeindeutsch" zu betrachten sind, werden die süddeutschen, österreichischen und schweizerdeutschen Varianten mit entsprechenden Bezeichnungen markiert. Die entsprechende Markierung der bundesdeutschen Ausdrücke wäre daher allein schon aus sachlichen Gründen mehr als angebracht, ebenso die Erstellung eines Wörterbuchs der sog. „Teutonismen". Muhr betont, dass es nicht akzeptabel sei, dass nur die spezifischen Varianten der A(nderen) Nationen markiert werden, die spezifischen Sprachmittel der D-(ominierenden) Nation aber nicht. Unmarkiert sollten nur solche Ausdrücke sein, die allen drei Hauptregionen gemeinsam sind. Alle anderen Ausdrücke sollten als Merkmale der nationalen Variante des Deutschen betrachtet werden.6 2 6 0 Muhr. Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen Sprachen. Sprache und Identität in Österreich. 1995. Seiten 75-109, hier s. 91. 6 1 Reiffenstein, Ingo. Das österreichische Wörterbuch. Zielsetzungen und Funktion. In: Muhr, R., Schrodt R., Wiesinger P. (Hrsg.). Österreichisches Deutsch: linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer Nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995. Seiten 158-165, hier s. 159 - 162. 6 2 Muhr. Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen Sprachen. Sprache und Identität in Österreich. 1995. Seiten 75-109, hier s. 97 - 98. 27 4.2 Sprachpolitik in Österreich Nach Clyne wird in Österreich keine bewusste Sprachpolitik betrieben, allerdings ist das Bestehen des Österreichischen Wörterbuchs eine Anerkennung dafür, dass eine implizite österreichische Sprachpolitik realisiert wird.6 3 Es muss zwischen den Begriffen Sprachpolitik und Sprachepolitik unterschieden werden. Unter Sprachpolitik versteht man, dass man durch sprachpolitische Maßnahmen die Sprache reglementiert. Sprachenpolitik dagegen hat das Ziel, das Umfeld der Sprache zu verändern oder zu beeinflussen. Als „praktische Sprachenpolitik" wird Sprachplanung bezeichnet.6 4 Es gibt aber einige Ansätze der Sprachpolitik, bzw. Sprachenpolitik, die durchgeführt werden: 6 5 I. Die Erklärung des Deutschen zur Amtssprache II. Der Schutz der Minderheitssprachen Kroatisch und Slowenisch, mindestens in gewissen Gebieten III. Förderung der deutschen Sprache und der österreichischen Landeskunde im Ausland, insbesondere in den Nachbarstaaten Die österreichischen Lektoren in Ungarn, der Slowakei, der Tschechischen Republik und in anderen Ländern sowie die von österreichischen Universitäten angebotenen österreichisch-orientierten Aus- und Fortbildungskurse für Deutschlehrer/innen und das Österreichische Sprachdiplom bilden eine potentielle Komponente einer noch nicht koordinierten Sprachpolitik. Ferner lassen sich noch folgende Beispiele erwähnen: IV. Österreichs Interesse und Engagement für den Schutz der deutschen Sprache in Südtirol als Teil der Regionalautonomie V. Verhandlungen mit der E U gemäß Protokoll 10 um die Beibehaltung von 23 österreichisch-deutschen Wörtern im kulinarischen Bereich. Die Frage des österreichischen Deutsch und seiner Besonderheiten war besonders aktuell vor dem österreichischen EU-Beitritt im Jahre 1994. Das Thema des Behaltens der sprachlichen Merkmale des österreichischen Deutsch wurde auch in den Werbekampagnen vor der EU-Abstimmung heftig diskutiert. Die österreichische Regierung führte vor dem E U Beitritt Verhandlungen mit der EU-Kommission, deren Ziel die Anerkennung der 6 3 Clyne. 1995. Seiten 7-16, hier s. 10. 6 4 Ransmayr, Jutta. Der Status des österreichischen Deutsch an nichtdeutschen Universitäten: eine empirische Untersuchung. Frankfurt am Mai: Peter Lang, 2006. Österreichisches Deutsch - Sprache der Gegenwart. S. 68- 69. 6 5 Zit. nach Clyne. 1995. Seiten 7-16, hier s. 11-12. 28 österreichischen Sprachmerkmale war. Als Resultat der Auseinandersetzungen wurde das sogenannte Protokoll Nr. 10 (siehe Anhang Nr. 1) angenommen, als Teil des österreichischen Beitrittsantrags. Das Protokoll enthält 23 Austriazismen aus dem kulinarischen Bereich als gleichberechtigte Varianten zu den bundesdeutschen Bezeichnungen.6 6 In der Zusammenarbeit des Bundeskanzleramts und zuständigen Ministerien wurde eine Liste der charakteristischen österreichischen Wörter ausgefertigt. Die Ausdrücke sollten über die entsprechenden Äquivalente im Bundesdeutschen verfügen. Die Beamten verglichen die Texte des geltenden EU-Rechts und des österreichischen Rechts und so wurden die grundlegenden Austriazismen festgelegt, die in die vorgeschlagene Austriazismen-Liste des Protokolls kamen. So wurde auch die geringe Zahl der Austriazismen begründet - dass die Rechtstexte eine relativ geringe Zahl der für Österreich speziellen Ausdrücke enthalten. In jedem Fall hat die EU-Terminologiekommission noch vor dem Beitritt Österreichs mit der Herausgabe einer Publikation reagiert, in der ein Glossar von ca. 1500 österreichischen Wörtern aufgeführt wird, was ebenfalls für eine tolerante Sprachenpolitik spricht. Die ursprüngliche Zahl der lexikalischen Ausdrücke betrug auf Wunsch des österreichischen Staates 110 Wörter, die Liste wurde jedoch auf 23 Austriazismen reduziert und enthält Wörter, die die Leute im alltäglichen Kontakt verwenden und mit den sie sich am meisten identifizieren. Das Protokoll Nr. 10 als fester Bestandteil des österreichischen EU-Beitritts wurde das EU-Primärrecht und daher haben diese Ausdrücke den gleichen Status wie die gleichgestellten bundesdeutschen Entsprechungen. Die Austriazismen ohne deutschsprachige Äquivalenten wurden nicht aufgenommen, die bleiben vom EU-Recht unberührt und können weiterverwendet werden. Dazu ist noch darauf hinzuweisen, dass die E U bereits die Bezeichnungen der Regionalnamen von Produkten und Lebensmittel und Agrarerzeugnisse schützt, die in der Liste nicht erscheinen.6 7 Das Protokoll wurde von den österreichischen Politikern gefeiert, es lautete jedoch auch die Kritik am Protokoll. Die Kritiker erwähnten die Reduktion der österreichischen Varietät nur auf 23 Wörter, wobei viele Wörter wie „Palatschinke", „Beuschel", „Mozartkugel" u.a. hierzu nicht aufgenommen wurden. Die Regelung solle eine Kapitulation bedeuten und nicht gleichberechtigte Stellung der österreichischen Varietät gegenüber anderen deutschen 6 6 Cillia, de Rudolf. Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfel: Österreichisches Deutsch und EU-Beitritt. In: Muhr, Rudolf, Schrodt, Richard, Wiesinger, Peter (Hrsg.). Österreichisches Deutsch: linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer Nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995. Seiten 121-131, hiers. 121-122. 6 7 Cillia. 1995. Seiten 121-131, hier s. 124-126. 29 Varietäten.6 8 Das Protokoll soll auf die Nichtgleichwertigkeit der österreichischen und bundesdeutschen Varianten hindeuten. Die Kritiker weisen auf wesentliche Unterschiede hin, nicht nur in der Lexik, sondern auch in der Morphologie, Syntax, Pragmatik und Phonetik, die nicht im Protokoll berücksichtigt wurden.6 9 Einerseits ist wirklich die Liste der Austriazismen gering, anderseits kam es dank dem Protokoll zum ersten M a l zu der Anerkennung der österreichischen Varietät der deutschen Sprache auf der internationalen offiziellen Ebene. Als Anliegen gilt, dass dem österreichischen Deutsch eine gleichwertige Stellung zuerkannt werden muss. Das Protokoll soll aber dabei helfen und das Prestige des österreichischen Deutsch im Ausland zu verbessern. Die Publikation der EU-Terminologiekommission vor den Verhandlungen ist der erste positive Schritt, der dem sprachlichen Bewusstsein helfen kann. Ein weiterer Erfolg für die Anerkennung des österreichischen Deutsch stellt die Ausarbeitung eines eigenen österreichischen Sprachdiploms für DaF Unterricht dar. Das Ziel des Sprachdiploms ist die Verbreitung und Präsentation der österreichischen Standardnorm und österreichischen Kultur außerhalb des österreichischen Staates und das dem österreichischen Deutsch Prestige leistet.7 0 4.3 Sprachplanung Die Sprachplanung befasst sich mit dem systematischen und zukunftsorientierten Versuch, sprachliche Probleme zu lösen. Für das österreichische Deutsch sollten in Anbetracht den erwähnten Problemen klare sprachpolitische Zielsetzungen erarbeitet werden. Es ist wesentlich zu wissen, welche Standardnormen in Österreich sind, womit sich das österreichische Deutsch besonders vom bundesdeutschen Standarddeutschen abgrenzen will und auch was für ein Deutsch ins Ausland exportiert werden soll. Unter Sprachplanung versteht man die Standardisierung einer Sprache, die Erstellung eines Aussprachewörterbuchs, einer Grammatik und die Normierung des Wortschatzes des österreichischen Deutsch im Österreichischen Wörterbuch. Die angenommenen Maßnahmen sollten, wie Muhr fordert, 6 8 Cillia. 1995. Seiten 121-131, hier s. 129. 6 9 Cillia. 1995. Seiten 121-131, hiers. 128-130. 7 0 Cillia. 1995. S. 127. - Ammon, Ulrich. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Berlin: Walter de Gruyter, 1995. S. 205-210. 30 ferner im Schulunterricht berücksichtigt werden, um zur Normbewusstsein in der österreichischen Sprachvarietät beizutragen.7 1 Die Statusplanung hat grundsätzlich zum Ziel die Entwicklung einer Sprache als Symbol der nationalen Identität, die Verbreitung einer Sprache auf nationaler sowie internationaler Ebene und die Erteilung der Rechte für Minderheiten- und Einwanderersprachen.7 2 7 1 Muhr. Zur Sprachsituation in Österreich und zum Begriff "Standardsprache" in plurizentrischen Sprachen. Sprache und Identität in Österreich. 1995. Seiten 75-109, hier s. 106-107. 7 2 Clyne. 1995. Seiten 7-16, hier s. 10-11. 31 5. Linguistische Merkmale des österreichischen Deutsch Das österreichische Deutsch charakterisieren manche Besonderheiten im Laut-, Formenbestand, in der Wort- und Satzbildung sowie im Wortschatz. Diese Merkmale geben der Sprache in Österreich das besondere Gepräge, das die österreichische Varietät von den anderen deutschen Varietäten unterscheidet, sie bilden jedoch keine eigenen sprachlichen Systemstrukturen. 5.1 Aussprache Charakteristische Merkmale der deutschen Sprache in Österreich lassen sich bereits im Bereich der Aussprache identifizieren. Die weitgehend verbindliche Gebrauchsnorm der deutschen Sprache stellt jedoch die sogenannte Standardlautung dar, die im großen Teil des deutschen Sprachgebiets als vorbildhaft angesehen wird. Der Aussprache-Duden7 3 präsentiert die darin verzeichnete Standardlautung als keine nationale oder regionale Variante und betrachtet andere, abweichende Lautung als Nonstandard („Umgangslautung"). Der Siebs7 4 deckt sich teilweise mit den Angaben im Österreichischen Wörterbuch.7 5 Die Standardlautung gilt ebenfalls in Österreich, es steht ihr aber der Einfluss von verbreiteten Regionalismen entgegen. Die Abweichungen variieren in einzelnen Landschaften und die Aussprache ist räumlich differenziert.7 6 Betonung Die österreichischen Abweichungen von der Standardlautung betreffen in vielen Fällen die Namen und Fremdwörter, z.B. Kaffee - im Binnendeutschen ist hauptsächlich ['kafe], in Österreich dagegen [ka'fe:] üblich, der Akzent steht also auf der letzten Silbe. Weitere Beispiele sind Sakko, Kakadu, Kanapee, Pingpong, Rokoko, Tapir u.a.7 7 Besonderheiten kommen ferner in einigen Wortzusammensetzungen vor, besonders in den Eigenschaftswörtern, die durch ein vorangestelltes Steigerungswort einen sehr hohen Grad einer Eigenschaft ausdrücken sollen. Die Betonung bei dem Intensivadverb erscheint meistens im Prädikatsverband: in der 7 3 Mangold, Max. Aussprachewörterbuch. 6., Überarb. Aufl. Mannheim: Dudenverlag, c2005. Der Duden in zwölf Bänden. 7 4 Siebs, Theodor, Boor, de Helmut, Moser, Hugo, Winkler, Christian. Deutsche Aussprache: Reine und gemässigte Hochlautung mit Aussprachewörterbuch. 19., umgearb. Aufl. Berlin: Walter de Gruyter & Co., 1969. 7 5 Lipoid, Günter. Die österreichische Variante der deutschen Standardaussprache. In: Wiesinger, Peter. Das österreichische Deutsch. Wien, Köln, Graz: Böhlau Verlag, 1988. Seiten 31-54, hier s. 30-32. 7 6 Ammon, Ulrich. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Berlin: Walter de Gruyter, 1995. S. 150-151. 7 7 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 154. 32 Standardlautung (weiter nur StL) wird der Satz „er ist uralt" ausgesprochen, während in der österreichischen Aussprache (weiter nur öA) „er ist uralt". Ähnlich verhalten sich z.B. steinreich, himmellang usw.7 8 Österreich bewahrt die Erstbetonung in den Zusammensetzungen, z.B. „Durcheinander" (StL „durcheinander"), „unsterblich" (StL „Unsterblichkeit"), „unmöglich" (StL „Unmöglichkeit"), „allerdings", „ausführlich", „nötwendig", „ursprünglich", „vorzüglich" usw.7 9 Betonung auf der ersten Silbe findet man in Österreich auch in z.B. Diakon, Erlaucht, Muskat, wobei sich im Binnendeutschen auf der zweiten Silbe befindet und ebenfalls bei den Wörtern Äskulap, philharmonisch, Vatikan, wo die Betonung im Binnendeutschen auf der dritten Silbe liegt.8 0 Vokale Der Unterschied zwischen der Standardlautung und der österreichischen Aussprache im Bereich der Vokale betrifft neben anderen Aspekten die Distribution von Kurz- bzw. Langvokalen. Die betonten Vokale sind orthographisch in einigen Fällen mit der Doppel Schreibung gekennzeichnet, als eindeutige Anzeige der Vokallänge, wie z.B. Waage, Beere, Moos oder mit der Verbindung mit den Dehnungszeichnen h bzw. e, wie in den Wörtern wahr, Wehr, Mohr, Sieb, oder mit der Kombination beider Dehnungszeichen wie das Verb sieht. Lange Vokale treten aber generell auch ohne verdeutlichende Markierung im Silbeauslaut auf, wie z.B. in holen, suchen, müde, König usw.8 1 Langvokale im Wortinneren kürzt man in der österreichischen Aussprache in den Fällen, wo diese Vokale nicht den Worthauptton tragen, z.B. Rinnsal: in der öA ['nnzal], aber in der StL ['nnzcd].8 2 Die Verteilung der Länge und der Kürze des Vokals verläuft in Österreich anders als in der StL. Die Länge des betonten Vokals gilt in Amboß (öA ['ambo:s], StL aber [-bas]), ebenfalls in z.B. Geschoß, Rebhnuhn, Chef, Wal, Wahlfisch, Walnuss. Die Kürze des Vokals findet man z.B. in Geburt (öA [ga'burt], StL [ga'bu:rt]), Barsch, Benelux.83 Die Aussprache des geschriebenen a ist für Österreich und Bayern gemeinsam. Die Standardlautung verlangt einen einheitlichen reinen, neutralen a-Laut, doch es kommt im 7 8 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 40. 7 9 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 40. 8 0 Ammon, Ulrich. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Berlin: Walter de Gruyter, 1995. S. 154. 8 1 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 41. 8 2 Lipoid. 1998. Seiten 31-54, hier s. 41. 8 3 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 151-152. 33 österreichischen Deutsch zu einer Differenzierung von zwei a-Lauten, einem hinteren, dunklen, zu o geneigten a und einem vorderen, hellen a. Der größte Teil des geschriebenen a weist eine deutlichere o-Aussprache auf wie in Gasse, blasen und im kleineren Teil des geschrieben a in jüngeren Wörtern wie Banane, Masse oder brav, sowie für geschriebenes ä und au wie in Käse oder Baum hört man eine helle a-Aussprache.8 4 Das a wird lang oder kurz ausgesprochen, wobei wiederum Unterschiede zur deutschen Standardlautung beobachtet werden können; die österreichische Aussprache hat ein kurzes [a] in: Arzt, artig, Heirat, Harz, zart, Zierat. Langes [a:] kommt in öA in Walfisch, Walross, Walnuss vor. In den Wörtern fremder Herkunft weicht die öA in Kürze in Afrika ab sowie in unbetonter Stellung bei Sultan und Balkan. Langes a wird in der öA unterschiedlich von der StL in Hazard und Billard ausgesprochen.8 5 Die Aussprache der e-Laute ist problematisch, nicht nur wegen der Verteilung auf betonte und unbetonte Silben. Die Aussprache ist aufgrund der unterschiedlichen Sprachgeschichte in verschiedenen Teilen Österreichs anders. Z.B. das Wort Wetter spricht man in Voralberg ['wa?tr] aus, in Teilen von Kärnten ['we:tA] und in Niederösterreich und Oberösterreich ['we:da], während man in der Steiermark und in Teilen von Burgenland die diphthongische Aussprache ['weida] bevorzugt.8 6 Kurzes offenes [e] haben in der öA, anders als in der StL [e:], die Wörter nebst, Erz, Städte, Barte, Gebärde, verhätscheln, zärtlich. Lange geschlossenes [e:] tritt die öA in Rebhuhn auf. Dieses [e:] kommt auch in Wörtern nichtdeutscher Herkunft vor: Kaffee, HerodotF1 Helles, geschlossenes e kommt hauptsächlich im Präfix.8 8 Besonderheiten kommen ferner bei den unbetonten Silben vor. Bei den Suffixen er, -en, -ern, -ein, -em, -es fällt die Aussprache des [a] aus, falls es zwischen einem dentalen Konsonanten und [1] oder einem nichtdentalem Konsonanten und [n] steht, z.B. Handel ['handl], kaufen ['kaofn]. In Wörtern französischer Herkunft schreibt man oft am Ende ein -e, das in der StL ausgesprochen wird, in der öA jedoch entfällt, wie in z.B. Chance, Balance, Elegance, und ebenfalls beim Suffix -age (StL [a]): Bandage, Blamage, Chance, Clique, Garage, Nuance, Quadrille usw.8 9 8 4 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 23. 8 5 Lipoid. 1998. Seiten 31-54, hier s. 42. 8 6 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 44. 8 7 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 152. 8 8 Bürkle, Michael. Österreichische Standardaussprache. Vorurteile und Schibboleths. In: Muhr, Rudolf, Schrodt, Richard, Wiesinger, Peter: Österreichisches Deutsch. Linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995. Seiten 235-247, hier s. 243. 8 9 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 43. 34 In einigen Fällen kommt bei den heimischen Wörtern in Österreich zum Schwanken bei den i-Laute. In der öA werden die i-Lauten kurz ausgesprochen [i], z.B. in: Nische, Liter?0 Was die Wörter fremder Herkunft auf -ik, -it, -iz, -atik angeht, werden sie auch kurz ausgesprochen: Politik [poli'tik], Notiz [no'tits], Profit [pro'fit], Appetit, Fabrik, Kritik, Parasit, Profit. Kurzes i haben in der öA auch Titel. Dagegen die Endsilbe -ir ist in der öA immer betont und deshalb tritt die Länge auf, z.B. Saphir.91 Zahlreiche Spezifika des österreichischen Deutsch erscheinen bei den o-Lauten bei den Wörtern heimischer Herkunft. Langes [o:] hat die öA in Geschoß, Amboß oder Vorteil. Die Kürze des [o] tritt im Wort Probst [propst] auf. Im Wort Obst variiert kurzes o mit langem o. Bei den fremden Suffixen -atisch, -etisch, -itisch und auch in -otisch taucht häufig die Kürze o auf, allerdings in der geschlossenen Variante [o], wie z.B. idiotisch. Kurzes ö findet man bei behördlich, Gehöft, Börse und in den unbetonten Nebensilben von Bischöfe, Herzöge.92 Anders als in der StL ist auch die österreichiche Aussprache des u. Länge ist in der öA üblich bei Geruch, kurzes u wird gesprochen in ruchlos, Geburt, Geburtstag, Husten, pusten, Schuster und in dem Einsilber nun; kurz wiederum bei den Wörtern fremder Herkunft, z.B. Eunuch, Rekrut, absolut.9 ^ In betonter Silbe tritt bei der öA vor Mehrfachkonsonanten in mehrsilbigen Wörtern öfters Kürze auf als in der StL, z.B. düster, hüsteln, Wüste. Eine Gruppe von Suffixen -bar, sal, -sam, -tum, -tümlich hat in der öA einen kurzen Vokal (in der StL dagegen eine Länge), falls die vorausgehende Silbe einen betonten kurzen Vokal hat, oder wenn weitere Ableitungsoder Flexionssilben angehängt sind: fruchtbar, Irrtum, mühsame.94 Konsonanten Im Bereich der Konsonanten ist z.B. die [k]-Aussprache des ch in Position vor vorderem Vokal in Lehnwörtern (StL [9]), z.B. Chemie, China, Chirurg, Chitin. In Wörtern germanischen Ursprungs, z.B. Cherusker, ist die Aussprache [9] wie in der StL. Das im Wortinneren vor 9 0 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 43. 9 1 Ebner, Jakob. Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch der österreichischen Besonderheiten. Mannheim, Wien, Zürich: Dudenverlag, 1980. S. 219. 9 2 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 152. 9 3 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 44. 9 4 Lipoid. 1988. Seiten 31-54 hier s. 45. 35 Vokal stehende ch wird dann auch als [9] ausgesprochen, wie z.B. Melancholie, Orchestern Die [k]-Aussprache des g im Suffix -ig und -igt wird in Österreich bevorzugt, z.B. heilig, König, wenig, berechtigt, beschwichtigt usw. (StL [9]).9 6 Bei v in den Wörtern fremder Herkunft wird in Österreich die Aussprache mit [f] dem [v] vorgezogen, wobei in der StL die Aussprache des v vorkommt, z.B. Evangelium, November, Vizekanzler, nervig.97 Es kommt zur Schwankung der Aussprache zwischen [s] und [fj; in der Standardlautung sowie in Gebildetenkreisen in Österreich wird die [s]-Aussprache vorgezogen, die Aussprache von [fj ist üblich bei: Standard, Start, Statistik, Stadion, Stadium, Struktur, spontan, Spiritismus. Bei den Wörtern Stil, Strategie, Stroboskop, Spezies, sporadisch ist häufiger [s] als [f] zu hören.9 8 Im Osten Österreichs werden [1] und [r] anders ausgesprochen als in der StL. Sie werden hier (ggf. teilweise) vokalisiert. A m Wortende wird nach langem [e:] und [o:] auch in der öA das [r] zum [a] verändert, z.B. her, vor [he:a' fo:a]. Wenn nach Langvokal auf [r] ein Konsonant folgt, kann dieses [r] die Öffnung und Kürzung dieses Vokals bewirken, z.B. Wert [vert], [ve:9 t].9 9 Bei der Aussprache des fremdem Suffixes -ion, wo in der StL [-ion] ausgesprochen wird, in Österreich dagegen [-i'on], z.B. Nation [natsi'on].1 0 0 Das aus dem Französischen stammende Suffix -on wird in einzelnen Wörtern als [o:n] ausgesprochen, in der StL [ö] oder auch -[on], z.B. Fasson (auch ), Pardon, Waggon. Ein Unterschied von der StL kommt auch bei den folgenden Wörtern vor: Billard [bil'ja:r], Giraffe [3i'raf(a)], Judo ['d3u:do], Offizier [ofi'si:r] gegenüber der StL ['biljart], [gi'rafa], ['ju:do], [ofi'tsi:r].1 0 1 9 5 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 46. 9 6 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 153. 9 7 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 44. 9 8 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 45. 9 9 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s.45. 1 0 0 Lipoid. 1988. Seiten 31-54, hier s. 46. 1 0 1 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 154. 36 5.2 Grammatische Merkmale Manche spezifische Merkmale der Standardsprache in Österreich können im Bereich der Morphologie identifiziert werden. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den markantesten Unterschieden zwischen dem Binnendeutschen und dem österreichischen Deutsch, wobei die gesprochene sowie geschriebene Sprache berücksichtigt wird. 5.2.1 Substantiv Die Spezifika der nominalen Morphologie zwischen den NationalVarietäten betreffen das grammatische Geschlecht der Substantive und die Bildung des Nominativs im Singular und Plural. Dem Maskulinum in Österreich steht das Neutrum im Binnendeutschen (weiter nur bdt.) gegenüber, z.B. der Flysch (bdt. das Flysch), der Habit (bdt. das Habit), der Polster (bdt. das Polster).1 0 2 Dem Femininum in Österreich entspricht das Maskulinum (selten auch Neutrum) im Binnendeutschen in folgenden Fällen: die Dress (bdt. der Dress), die Dispens (bdt. der Dispens), die Germ (bdt. der Germ, sonst „Backhefe"), die Ausschank (bdt. der Ausschank), die Pneumatik (bdt. der Pneumatik, „Hohlgummibereifung"), die Wichs (bdt. der Wichs), die Schneid (bdt. der Schneid, „Mut").1 0 3 Das Neutrum im Binnendeutschen kommt in den Wörtern die Gaudi (bdt. das Gaudi) und die Imprimatur - (bdt. das Imprimatur) vor.1 0 4 Dem Neutrum im österreichischen Deutsch steht das Maskulinum in Binnendeutschen gegenüber, z.B. das Abszess (bdt. der Abszess), das Brösel (bdt. der Brösel), das Sago (bdt. der Sago), das Sakko (bdt. der Sakko)1 0 5 , das Drops (bdt. meist der Drops), das Sprießel (bdt. der Sprießel), das Fondant (bdt. der Fondant „Zuckerwerk"), das Toto (bdt. der Toto). In folgenden Beispielen kommt zur Genusschwankung im Binnendeutschen, wobei jeweils das erstgenannte Genus bevorzugt wird, z.B. das Risotto (bdt. der/das Risotto), das Hippodrom (bdt. der/das 1 0 2 Tatzreiter, Herbert. Besonderheiten der Morphologie in der deutschen Sprache in Österreich. In: Wiesinger, Peter (Hrsg.). Das österreichische Deutsch. Wien, Köln, Graz: Böhlau Verlag, 1988. Seiten 71-98, hier s. 73. 1 0 3 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 73-74. 1 0 4 Ammon, Ulrich. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Berlin: Walter de Gruyter, 1995. S. 175. 1 0 5 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 175. 37 Hippodrom), das Lasso (bdt. der/das Lasso), das Match (bdt. der/das Match), das Podest (bdt. der/das Podest), das Puff (bdt. der/das Puff „Bordell"), das Radar (bdt. der/das Radar).1 0 6 Dem Maskulinum im österreichischen Deutsch stehen im Binnendeutschen zwei Möglichkeiten des grammatischen Geschlechts (meist Maskulinum und Neutrum) gegenüber, z.B. der Gummi (bdt. das, der Gummi), der Range (bdt. der, die Range), das Kataster (bdt. der, das Kataster), der Semaphor (bdt. das, der Semaphor), der Quader (bdt. der, die Quader), der Samba (bdt. der, die Samba), der Trampel (bdt. der, das Trampel), der Revers (bdt. der, das Revers), der Spagat (bdt. der, das Spagat), der Spind (bdt. das, der Spind), der Struck (bdt. der, das Struck), der Katheder (bdt. der, das Katheder).1 0 7 Dem Neutrum im österreichischen Deutsch stehen im Binnendeutschen zwei Genera gegenüber, z. B. das Manna (bdt. das, die Manna), das Biskuit (bdt. das, der Biskuit), das Chinchilla (bdt. die, das Chinchilla), das Gulasch (bdt. das, der Gulasch), das Beiried (bdt. das, die Beiried), das Chor (bdt. der, das Chor), das Mosaik (bdt. das, die Mosaik). Das Wort Joghurt tritt in der österreichischen Varietät wie im Binnendeutschen im Maskulinum und Neutrum.1 0 8 Auch dem Femininum im österreichischen Deutsch können im Binnendeutschen zwei Möglichkeiten des grammatischen Geschlechts gegenüberstehen, z.B. die Spachtel (bdt. der, die Spachtel), die Trafik (bdt. der, die Trafik), die Koppel (bdt. die, das Koppel).1 0 9 Diese Varianz tritt auch umgekehrt auf. Während im österreichischen Deutsch zwei Genera vorkommen, hat das Binnendeutsche ein Genus, z.B., der/das Gehalt (bdt. das Gehalt), der/das Embryo (bdt. der Embryo), der/das Knödel (bdt. der Knödel, sonst Kloß), der/das Kiefer (bdt. der Kiefer)1 1 0 , der/das Backbord (bdt. das Backbord), der/das Thermometer (das Thermometer), der/das Tunell (bdt. der Tunell), das/der Aquädukt (bdt. der Aquädukt), das/der Monat (bdt. der Monat), das/die Labsal (bdt. das Labsal), das/die Brezel (bdt. die Brezel) oder das/die Sellerie (bdt. die Sellerie).1 1 1 In einigen Beispielen unterscheidet sich mit dem Genus auch die Endung des Wortes, z.B. der Akt (bdt. die Akte), das Brillantin (bdt. die Brillantine), das Offert (bdt. die Offerte), das Expedit (bdt. die Expedition), die Initiale (bdt. das Initial, die Initiale), die Gallerte (bdt. 1 0 6 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 74. 1 0 7 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 75. 1 0 8 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 76. 1 0 9 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 76. 1 1 0 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 77. 1 1 1 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 175. 38 das Gallert, die Gallerte), die Xenie (bdt. die Xeni, das Xenion), der Terno (bdt. die Terne), der Kreton (bdt. die, der Kretonne, Cretonne).1 1 2 Wörter wie der Socken, der Krampen u.a., die aus der Umgangssprache stammenden maskulinen Formen, sind nur im österreichischen Deutsch gültig, im Binnendeutschen kommen sie als Feminina mit der Endung -e vor, daneben vereinzelt auch als Maskulina wie in Österreich, aber mit anderer Bedeutung.1 1 3 Die Personennamen werden in Österreich generell mit dem bestimmten Artikel verwendet, z.B. der Franz..., der Herr Müller... Unhöflich ist aber in Österreich die in Norddeutschland übliche Pluralform „die Müllers" zu sagen statt „(die) Familie Müller". In der höchsten Stilebene in der geschriebenen Sprache wird aber der Artikelgebrauch bei den Personennamen eher vermieden.1 1 4 Die Unterschiede zwischen dem österreichischen Deutsch und dem Binnendeutschen kommen auch in der Bildung der Pluralformen vor. Das österreichische Deutsch bildet keinen Plural von den Monatsnamen.1 1 5 In einigen Beispielen werden Pluralformen der Substantive in Österreich umgelautet, während im Binnendeutschen ohne Umlaut bleiben, z.B. Erlässe, Pfropfe, Kragen (bdt. Erlasse, Pfropfe, Kragen)1 1 6 . Es gibt auch Ausdrücke, die in Österreich ohne Umlaut sind und denen im Binnendeutschen Formen mit Umlaut entsprechen, z.B. Schalle (bdt. Schälle), Zwiebäcke (bdt. Zwiebäcke neben Zwiebäcke).1 1 7 Bei manchen Wörtern schwankt in Österreich die Bildung des Plurals ohne Umlaut, z.B. Möser/Moose, Kasten/Kästen (bdt. die Kästen), Wägen / Wagen (bdt. Moose, Waagen)1 1 8 . Substantive mit dem weiblichen Geschlecht auf -el bekommen im Plural regelmäßig n, sowie einige maskuline Substantive, z.B. Pantoffel, Muskel, Stachel. Alle Diminutive auf -erl enden im Plural auf -n, sowie einige Maskulina und Neutra auf (e)l, z.B. der Knödel, PL die Knödel, aber das Knödel, die Knödeln. Trotz dem umgangssprachlichen Gebrauch dieser Formen ist hier die Pluralendung auf -(e)n nicht standardsprachlich: die Knödeln, die Onkeln, 1 1 2 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 78. 1 1 3 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 78. 1 1 4 Muhr, Rudolf. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. In: Muhr, Rudolf, Schrodt, Richard, Wiesinger, Peter (Hrsg.): Österreichisches Deutsch: linguistische, sozialpsychologische und sprachpolitische Aspekte einer nationalen Variante des Deutschen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1995. Seiten 208-234, hier s. 215. 1 1 5 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 82. 1 1 6 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 175. 1 1 7 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers.82. 1 1 8 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 175. 39 die Sockeln, die Schlüsseln, die Sesseln, die Hügeln, die Stiefeln, die Wursteln.119 Doppelformen in der Pluralbildung in Österreich, die auf umgangssprachlichen Einfluss zurückgehen, sind z.B.: die Brösel, Bröseln; die Mädel, Mädeln. Nur die Endung -n im Plural hat z.B. die Hend(e)ln, die Backhendln, Brathendeln. Es kommt auch zur Formenschwankung im Plural zwischen -e und -en, die auf Differenzen im Singular beruht, z.B. die Steinmetze, Steinmetzen; die Pfaue, Pfauen; die Mosaike, Mosaiken u.a.1 2 0 Die Besonderheiten in der Pluralbildung erscheinen ferner vor allem bei den Fremdwörtern, Lehnwörtern und bei verschiedenen selten gebrauchten Ausdrücken. Die Fremdwörter auf -us, -os im Singular besitzen im österreichischen Deutsch nur einen Ausdruck, im Binnendeutschen zwei, z.B. die Primusse (bdt. auch Primi), die Kuben (bdt. auch Kubus), die Famuli (bdt. auch Famulusse), die Globen (bdt. auch Globusse). Auch die Fremdwörter auf -um, -on, - al, -ar haben im Binnendeutschen zwei Varianten: die Unika (bdt. auch Unikums), die Neutra (bdt. auch Neutren), die Quanten (bdt. auch Quanta), die Ultimaten (bdt. auch Ultimatums), die Rigorosen (bdt. auch Rigorosa), die Lexika (bdt. auch Lexiken), die Kapitalien (bdt. auch Kapitale).1 2 1 Die Substantive, deren Plural im österreichischen Deutsch auf -s, -e oder andere Formen endet, unterscheiden sich vom Binnendeutschen z.B. in folgenden Fällen: Cremen/Cremes (bdt. Cremes), Diwans (bdt. Diwane), Forinte (bdt. Forints), Giri/Giros (bdt. Giros), Kaftans/Kaftane (bdt. Kaftane), Kommanden/Kommandos (bdt. Kommandos), Pläsiers (bdt. Pläsiere), Requien/Requiems (bdt. Requiems), Saisonen (bdt. Saisons), Sandwich/Sandwichs/Sandwiches (bdt. Sandwichs/Sandwiches/Sandwiche), Taxi/Taxis (bdt. Taxis), Waggone/Waggons (bdt. Waggons)1 2 2 , Drehs (bdt. Drehe), Fracks (bdt. Fräcke), Karusells (bdt. Karuselle)1 2 3 . Umgekehrt die Substantive mit -n im Plural im österreichischen Deutsch haben im Binnendeutschen die Pluralformen auf -s, z.B. die Fassonen - die Fassons; die Kumpel(n) - die Kumpels.124 Man findet auch Wörter, die in der österreichischen Varietät im Singular keine Pluralendung haben, z.B. die Maroni - Sg., PI. (bdt. Die Marone, PL Maronen neben Maroni), das Kolli - Sg., PI. (bdt. das Kollo, PL Die Kolli).1 2 5 1 1 9 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 82. 1 2 0 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 84. 1 2 1 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 85. 1 2 2 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 176. 1 2 3 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 85. 1 2 4 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 85. 1 2 5 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 86. 40 Wortbildung der Substantive Im Bereich der Wortbildung der Substantive lassen sich einige Spezifika der Ableitung und Zusammensetzung erwähnen. Manche Bildungen sind dabei weitgehend auf den umgangssprachlichen Gebrauch beschränkt. Zu einer Besonderheit im österreichischen (und tw. süddeutschen) Sprachgebiet gehört die Verkleinerung durch die Suffixe -el, -erl, währen im Binnendeutschen nur die Suffixe -chen und seltener -lein schriftsprachlich benutzt werden. Die österreichischen Deminutivsuffixe werden als mundartlich-umgangssprachlich empfunden und schriftsprachlich wird der Gebrauch der neutralen Ableitung -chen bevorzugt, etliche Ausdrücke sind aber zum festen Bestandteil der Standardsprache in Österreich geworden, z.B. Christkindel, Kipfel / Kipferl, Sackerl, Würstel, Werkel (Leierkasten), Zuckerl, Stamperl (Schnapsglas), Marterl (Wegkreuz), Stockerl (Hocker), Pickerl (aufklebbarer Zettel), Häuptel (Salat)1 2 6 , das Krügel, Krügerl, das Brezerl, das Salzstangerl, das Weckerl, das Hendel, Henderl.121 Eine Besonderheit stellen sie Ableitungen der Substantive mit den Suffixe -er, -ler sowie -erer bei bestimmten Berufsbezeichnungen, wie z.B. Finanzer (Zollbeamter), Postler (Postbeamter), Gaserer (Gasmann) u.a., die Ausdrücke werden aber meistens nur mundartlich oder in der Umgangssprache verwendet.1 2 8 Typisch für die österreichische Wortbildung ist die Zusammensetzung mit dem Fugen -s-. Meistens wird es nach Bestimmungswörtern auf -g und -k verwendet. Im Binnendeutschen ist dagegen kein Fugenzeichen zu sehen, z.B. Fabriksarbeiter, fabriksneu, Fabriksbesitzer usw., Gepäcksaufbewahrung, Gepäcksträger usw., Gesangsverein usw. Diese Ausdrücke werden auch ohne Fugenzeichen verwendet: Zugsabteil, Zugsführer, -Verspätung, -Unglück usw. Im Binnendeutschen erscheint als Fugenzeichen Pluralendung: Rindsbraten, Rindsfett, Schweinsbraten, Schweinsschmalz, Schweinsschnitzel. M i t dem Fugen -s- entgegen dem Binnendeutschen erscheinen z.B. die Wörter mfnahmsfähig, Aufhahmsprüfung, Ausnahmszustand u.a.1 2 9 Schwankungen findet man im Gebrauch des Fugenzeichens -e bzw. -en, z.B. Blas(e)balg, Feg(e)feuer, Maus(e)falle, Dill(en)kraut, Fracht(en)bahnhof Frücht(en)brot.m 1 2 6 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 24. 1 2 7 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 87. 1 2 8 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 87. 1 2 9 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 174. 1 3 0 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 174. 41 Ohne Fugen -n- stehen die Wörter wie Toillettetisch (entsprechend: -artikel, -frau (auch mit n), -papier usw.). Ohne Fugen -e-, bzw. -en werden verwendet z.B.: Maschinarbeiter, maschinnähen, maschinschreiben, Schatt(en)seite, Sonnseite, Visit(en)karte ,131 Im österreichischen Sprachgebrauch begegnet man zahlreicher Zusammensetzungen mit Heiligennamen auf -i- im ersten Glied, die seltener auch im Binnendeutschen vorkommen, z.B. Stefani-tag, -ritt, Josefi-tag, Leopoldi-tag, Bernardi-Saal, Urbani-Keller, u.a.1 3 2 Schwankungen sind beim auslautenden -e in der Nominativform zu beobachten. Es geht um die Erhaltung oder den Abfall des -e und um die Schwankungen zwischen -e und -en bei den Maskulina wie z.B. Friede, Frieden. Die Schriftsprache beharrt auf die Bewahrung der nebentonigen e-Laute und die vollen Formen sind in der Schriftsprache verbindlich, die auslautenden -e gelten jedoch auch in der gepflegten Aussprache in Österreich. Als Beispiele sind die auf -(l)oge endenden Berufsbezeichnungen wie Psychologe (-log), Soziologe, Pägagoge, weiter der Käse (Käs), die Nachspeise (Nachspeis), der Invalide (Invalid), die Brosche (Brosch) u.a. Einige Substantive erscheinen im Nominativ ohne Endung, z.B. der Bub, derBursch, die Sulz (bdt. Sülze). Ohne auslautendes -e erscheinen im österreichischen Deutsch auf lateinische Ordnungszahlwörter zurückgehenden Bezeichnungen Musikintervalle, z.B. die Prim, Sekund, Sext, Oktav (bdt. die Prime, Sekunde).1 3 3 Ferner sind einige österreichische Spezifika bei den Genitivendungen, z.B. der Oberst, des Obersten, Obersts (bdt. nur des Obersten), der Pedell, des Pedells, Pedellen, PI. Pedelle(n) (bdt. nur des Pedell (e)s, PL Pedelle), der Strauß, des Straußes (bdt. des Straußes, Straußen), der Zar, des Zaren (bdt. des Zaren, Zars).1 3 4 Den Genitiv kann man bei manchen Substantiven auch mit oder ohne -s bilden, beide Varianten sind möglich, wobei das Binnendeutsche hier immer die Kasusendung -s verwendet, z.B. Akku, Alkali, Biedermeier, Blau, Fratz, Iran, Karmin, Sandwich, Keks, Korso, Manna, Schi, Turf.135 In der substantivischen Wortbildung des Standarddeutschen in Österreich sind auch solche Ableitungen typisch, die aus Adjektiven und adjektivisch gebrachten Partizipien gebildet werden, meistens im Bereich der Gastronomie, z.B. das Schweinerne - Schweinernes, der 1 3 1 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 174. 1 3 2 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 88. 1 3 3 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 80. 1 3 4 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 80-81. 1 3 5 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 176. 42 Heurige - Heuriger, der Gespritzte - Gespritzter, das Kälberne - Kälbernes, das Hirscherne Hirschernes, das Lämmerne - Lämmernes, u. a.1 3 6 Die substantivierten Zahlwörter werden im österreichischen Deutsch mit dem Suffix -er (als Maskulina) gebildet, z.B. der Einser, der Zweier, der Dreier (bdt. die Eins, die Zwei, die Drei) usw.1 3 7 5.2.2 Verb Die Bildung der Präsensform weist kleine Unterschiede vom Binnendeutschen auf. Die Verben auf -ern und -erl können in der 1. Person Singular mit oder ohne das -e in der Stammsilbe vorkommen, z.B. ich wandre, wandere, wander; ich bettle, bettel; ich versichere, versichre, versicher u.a.138 Die Verben, die in ihrem Stamm auf -sch enden, bilden die 2. Person Singular mit der Endung -t. Es kommt zum Ausfall des -s- nach -sch- und die 2. und 3. Person Singular lauten dann gleich, z.B. du nascht, er nascht (bdt. du naschst); du, er wäscht, beherrscht, lauscht usw. Nach der Duden-Grammatik sollte es aber in der Hochsprache vermieden werden.1 3 9 In der Konjugation der Verben sind nur wenige Besonderheiten zu nennen. Eines der Bespiele stellen die Stammformen starker und unregelmäßiger Verben dar, z.B. hauen haute/hieb - gehaut/gehauen (bdt. gehauen), lassen - ließ - gelassen/lassen (bdt. gelassen), winken - winkte - gewinkt/gewunken (bdt. gewinkt).1 4 0 Im österreichischen Deutsch wie im süddeutschen Sprachraum bildet man bei manchen Verben das Perfekt mit dem Hilfsverb sein und nicht wie im Binnendeutschen mit haben, z.B. hängen, liegen, sitzen, stecken, stehen141 , fahren, fliegen, reiten, schwimmen, klettern142 , kauern, hocken, schweben, knien, baumeln, lungern sowie alle zusammengesetzten Verben wie z.B. daliegen, beistehen, vorliegen.143 1 3 6 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 88. 1 3 7 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 216. 1 3 8 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 90. 1 3 9 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hiers. 91. 1 4 0 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 177. 1 4 1 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 177. 1 4 2 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 25. 1 4 3 Ebner. 2009. S. 471. 43 Das österreichische Deutsch unterscheidet sich von dem Binnendeutschen im Temporal System beim Gebrauch des Perfekts, das bevorzugt wird. Das Präteritum wird mit Ausnahmen (die Verform „war" ist ausgenommen) vor allem in der geschrieben Sprache als Erzähltempus verwendet. Ferner wird das Plusquamperfekt im österreichischen Deutsch nur beschränkt benutzt, anstelle des Plusquamperfekts kommt häufig „das doppelte Perfekt" (er hat sein Auto dort abgestellt gehabt) und „das doppelte Plusquamperfekt" (er hatte sein Auto dort abgestellt gehabt) vor.1 4 4 Ferner ist eine unterschiedliche Rektion und Valenz einiger Verben zu beobachten, z.B. vergessen auf etw. (bdt. vergessen etw.), erinnern an/auf (bdt. nur an), mit jm. sprechen/reden (bdt. jm. sprechen = jm. kontaktieren), etw. kommt jm. unter (bdt. etw. passiert), sich eine anrauchen/anzünden (Zigarette) (bdt. eine anzünden), jm. nachhause führen/nachhause bringen (bdt. jm. nachhause fahren).1 4 5 Die österreichische Varietät bevorzugt reflexive Verbkonstruktionen, was vermutlich durch die Einwirkung der slawischen Sprachen, z.B. des Tschechischen oder Slowakischen zu erklären wäre, z.B. Es lohnt sich nicht, (bdt. Es lohnt nicht.), Das geht sich nicht aus. (bdt. Das reicht nicht. / Das ist zu wenig.), Er soll sich nicht zuviel erwarten, (bdt. Er soll nicht zuviel erwarten.), Da hört sich doch alles auf. (bdt. Das ist zuviel. / Jetzt reichts.), Da läßt sich nichts machen, (bdt. Da kann man nichts machen.), Er soll sich nicht spielen, (bdt. Er soll aufpassen.), Er soll sich niederknien, (bdt. Er soll niederknien.), Es spießt sich. (bdt. Es gibt Probleme. / Es stockt).1 4 6 In der Wortbildung der Verben erfolgt gegenüber dem Binnendeutschen bei der Ableitung auf -ieren eine gewisse Erweiterung, oder es wird dieses Suffix anstelle anderer Formen verwendet, z.B: konkurrenzieren (bdt. jemandem Konkurrenz machen),politieren (bdt. polieren), röntgenisieren (bdt. röntgen), strichlieren (bdt. stricheln), zensurieren (bdt. \ 147 zensieren). In der Wortbildung erscheinen auch unterschiedliche Kombinationen von Affixen mit Verben. Dieser Bereich ist reich an Unterschieden und kann in drei Kategorien eingeteilt 1 4 4 Ransmayr. 2006. S. 55-56. 1 4 5 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 227. 1 4 6 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 227-228. 1 4 7 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 174. 44 werden. In der ersten Gruppe wird ein Basisverb mit unterschiedlichen Suffixen oder (häufiger) Präfixen kombiniert, wobei die Wörter prinzipiell dieselbe Bedeutung haben, z.B. aufdrehen (Licht) (bdt. andrehen, einschalten), auskommen (bdt. entkommen, entwischen), entfallen (bdt. ausfallen), auslassen (bdt. loslassen, freilassen), beheben (Geld, Post) (bdt. abheben, abholen), sich ausreden (bdt. aussprechen), unterkommen (bdt. vorkommen, geschehen), niederstoßen (bdt. umstoßen, umwerfen), verköstigen (bdt. beköstigen) u.a.1 4 8 In der zweiten Kategorie wird ein Präfix mit unterschiedlichen Verben kombiniert, die Bedeutung ist prinzipiell dieselbe, z.B. absperren (Tür) (bdt. abschließen), anstehen auf jm./ Hilfe benötigen (bdt. angewiesen sein), beflegeln (bdt. beschimpfen), auslangen (bdt. ausreichen), einbekennen (bdt. eingestehen, bekennen), sich ausrasten (bdt. sich ausruhen), einlangen (bdt. eintreffen) u.a.1 4 9 In der dritten Gruppe unterscheiden sich zwei Präfixverben sowohl durch das Basisverb, als auch durch das Präfix, die Bedeutung ist jedoch annähernd vergleichbar, z.B. aufnehmen (Arbeiter) (bdt. anstellen, einstellen), sich niedersetzen (bdt. sich setzen), auskommen mit jm. (bdt. sich gut verstehen), zurücklegen (Amt) (bdt. niederlegen, aufgeben), sich niederlegen (bdt. schlafen legen), beistellen (bdt. bereitstellen).1 5 0 Im österreichischen Deutsch findet man auch eine Menge von Präfixverben und Neubildungen, die im Binnendeutschen kein direktes Äquivalent haben (mit einer vergleichbaren Form), z.B. aufsitzen jm. (bdt. schikanieren/benachteiligen), einringeln (Text) (bdt. anstreichen), auflassen (bdt. stillegen), übertauchen (bdt. Krankheit durchstehen), erstrecken (bdt. verlängern).1 5 1 1 4 8 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 217. 1 4 9 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 218. 1 5 0 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 218-219. 1 5 1 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 219 45 5.2.3 Adjektiv Die Abweichung vom Binnendeutschen sind auch bei der Steigerung der Adjektive zu beobachten. Bei der Bildung des Komparativs erscheinen Unterschiede bei der Umlautung in den Wörtern wie dunkel - dunkler/dunkler - dunkelste (bdt. dunkler - dunkelste), gesund gesünder - gesündeste (bdt. seltener gesunder, gesundeste), und in weiteren Adjektiven, die den Komparativ mit dem Umlaut bilden können. Auch besondere Formen des Superlativs in Österreich sind im Binnendeutschen nicht üblich, bei der Verkürzung der Formen, z.B. schnellst, billigst, schwerst usw. Bei den adjektivischen Komposita wird manchmal statt des Grundwortes das Bestimmungswort gesteigert, z.B. bestbekannt, weitestgehend. Die Wendung „so bald wie (als) möglich" kann durch die Steigerungsformen von „bald" ersetzt werden (bald - eher - am ehesten), z.B. ehester Besuch (baldmöglichster, möglichst rascher) u.a.1 5 2 Unterschiede in der Umlautung der Komparationsstufen sind ferner auch in den zusammengesetzten Adjektiven zu belegen, z.B. -färbig: ein-, mehr-, vielfarbig usw.; -hältig: eisen-, gift-, stich-, vitaminhaltig usw.; -grädig (mit einer Zahl als Bestimmungswort): ein-, zweigrädig usw. - dagegen aber: hochgradig.1 5 3 5.2.4 Adverb Die Spezifika des österreichischen Deutsch sind ebenfalls bei den Pronominaladverbien zu beobachten, z.B. darnach (bdt. danach), darnieder (bdt. danieder), darneben (bdt. daneben). In amtlichen Texten werden hie- statt bdt. hier verwendet, z.B. hiebet, hiefür, hiedurch, hiezu, hievor, hiegegen, hieher, hievon, hieher.154 Ebenfalls die Lokaladverbien weisen Abweichungen auf, z.B. heraußen/hier außen (bdt. hier draußen), herinnen/hier innen (bdt. hier drinnen), heroben/hier oben (bdt. hier oben), herüben (bdt. hier drüben).1 5 5 1 5 2 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 94. 1 5 3 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 174 1 5 4 Tatzreiter. 1988. Seiten 71-98, hier s. 96. 1 5 5 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 173-174. 46 Das Adverbialsuffix -s wird verwendet, z.B. durchwegs, ferners, öfters, weiters. Das Präfix g(e)- erscheint mit oder ohne -e-, z.B. g(e)radeaus, g(e)radezu, g(e)radeso, g(e)ratewohl. 156 Ferner findet man unterschiedliche adjektivische und adverbielle Neubildungen, die kein direktes Äquivalent im Binnendeutschen haben, z.B: neuerlich (bdt. erneut/wiederholt), allfällig (bdt. eventuell), jedweder (bdt. jeder/jeglicher), ehebaldigst (bdt. baldmöglichst), dazukommen (bdt. Gelegenheit haben), jüngst (bdt. neulich), weiters (bdt. weiterhin), nachhinein (bdt. hinterher), fallweise (bdt. gelegentlich), vorhinein (bdt. im voraus).1 5 7 5.2.5 Präposition Der Gebrauch der Präpositionen in der österreichischen und bundesdeutschen Varietät weist in mehreren Fällen Unterschiede auf, z.B.: am Land, am Markt, am Gipfel, am Kopf, am Plakat, am Programm, am richtigen Weg.158 In Österreich unterscheidet man die Schule als konkreten Begriff - er geht auf die Meisterschule; und Schule als abstrakten Begriff - er geht in die Schule. Im Binnendeutschen wird dagegen die Wendung zur Schule verwendet. Die Präposition auf statt zum findet man z.B. in den Wendungen in der Nacht auf / vom Montag (bdt. zum Montag) und am statt zum in: am Ende vorigen Jahres, am Wochenende, am 25. Jahrestag der Gründung (bdt. zum).159 Als Angabe eines Zeitpunktes wird die Präposition zu verwendet, besonders bei den Festen, z.B.: zu Weihnachten, zu Ostern, zu Silverster, zu Neujahr, zu Josefi usw.1 6 0 Die Präposition bei(m) statt am/an: bei der Kreuzung abbiegen. Der Tisch steht beim Fenster (bdt. am Fenster).1 6 1 Bei den Preisangaben tritt um stattfür auf: etwas um 10 € kaufen, etwas um eine Million kaufen, um diesen Lohn arbeiten. In der Behörden spräche kommt die Präposition über statt auf z.B.: über Antrag, über Auftrag, über Bitte, über Einladung, über Vorschlag, über Wunsch u.a.1 6 2 1 5 6 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 174. 1 5 7 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 219. 1 5 8 Ebner. 2009. S. 473. 1 5 9 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 225. 1 6 0 Ebner. 2009. S. 473. 1 6 1 Muhr. Grammatische und pragmatische Merkmale des österreichischen Deutsch. 1995. Seiten 208-234, hier s. 225. 1 6 2 Ebner. 2009. S. 474. 47 5.3 Rechtsschreibung Für Österreich, Deutschland und die Schweiz gilt generell die gleiche Schreibweise. Es gibt nur wenige Ausdrücke, die sich unterscheiden, z. B . Ghetto (bdt. Getto), Schubs (bdt. Schups), zu Händen (bdt. zuhanden). In einigen Ausdrücken ist der Eindeutschungsgrad der Lehn- und Fremdwörter anders. Weniger eingedeutscht sind z.B. Gulyas (bdt. Gulasch), Resüme (bdt. Resümee), Slave (bdt. Slawe), entsprechend slavisch und Slavistik u.a. Mehr eingedeutscht sind z.B. Holokaust (bdt. Holocaust), präsumptiv (bdt. präsumtiv), Separee (bdt. Separee), Stefanitag (bdt. Stephanitag) usw.1 6 3 Unterschiede findet man auch bei den Wörtern wie Polier (bdt. Böller), Einwage (bdt. Einwaage), frozeln (bdt. frotzeln), gröhlen (bdt. grölen), Juchee (bdt. Juchhe), (des) Russes, russen, russig (bdt. jeweils -ß-), Struwelkopf (bdt. jeweils ww-), überschwänglich (bdt. überschwenglich), Zuwage (bdt. Zuwaage)1 6 4 , Tunell (bdt. Tunnel), Spass (bdt. Spaß), Gulyas (bdt. Gulasch), Kücken (bdt. Küken) usw.1 6 5 Weitere graphische Unterschiede betreffen die Getrennt-/Zusammenschreibung sowie die Groß-/Kleinschreibung. Zusammen (bdt. getrennt oder mit Bindestrich): z.B. daheimbleiben, dransein, drei Viertelstunden (bdt. drei viertel Stunden), garnichts, gernhaben, gottseidank (bdt. Gott sei Dank), haarschneiden (bdt. Haare schneiden), irgendetwas, irgendjemand, krankschreiben, krankmelden, nachhause (bdt. nach Hause), Sollbestand, wehtun, weißgott (bdt. weiß Gott), wichtigmachen, zufleiß (zugleich ein Wortaustriazismus), zugrundeliegen, zutagekommen, zuwegekomen, zuweitgehen usw. Getrennt (bdt. zusammen): bereit legen, Eis laufen (bdt. eislaufen), Gott bewahre (bdt. gottbewahre), Gott Vater, Halt machen, Haus halten, Hohn sprechen, Maß halten, Probe fahren, Radfahren, zu allererst usw. Groß (bdt. klein): Angst machen, in Bezug auf, Dritte Welt, (der) Einzelne. Klein (bdt. groß): dutzende, hunderte, punkt (ein Uhr) (bdt. Punkt), tausend, viertel (acht) usw.1 6 6 In Österreich wird die Wortverwendung heute früh (morgen früh) statt des Binnendeutschen am Morgen verwendet. Die Wendung zu Abend essen kann zu einem Verb zusammengefasst werden, z.B. Ich habe abendgegessen}61 1 6 3 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 148. 1 6 4 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 150. 1 6 5 Ebner. 2009. 466. 1 6 6 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 148-149. 1 6 7 Ebner. 2009. S. 466. 48 5.4 Pragmatik Die Pragmatik widmet sich die Anwendung von Sprache in bestimmten Situationen. Die Unterschiede zwischen dem österreichischen Deutsch und dem Binnendeutschen sind auch in diesem Bereich markant. Für Deutschland ist eine direkte und kürzere Art der Anrede u.a. charakteristisch, wobei dies in Österreich als weniger höflich betrachtet wird; die Österreicher neigen zu einem indirekten Redeeinstieg. Die Besonderheiten erscheinen vor allem in den Formen des zwischenmenschlichen Kontakts, die Österreicher bitten häufig im Konjunktiv, z.B. Ich hätte gerne..., Dürfte ich Sie bitten). Fragen und Bitten um Informationen beginnt man oft mit Entschuldigungen, z. B . Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen...168 Begrüßungen: Grüße! Grüß Gott! (bdt. Guten Tag!), Servus! (familiärer Begegnungsgruß) (bdt. Tag!)/(familiärer Abschiedsgruß) (bdt. Tschüß), Habe die Ehre! (veraltend) (Gruß gegenüber einer höhergestellten Person) ohne spezifische bdt. Entsprechung), Ihr(e) sehr ergebenefr) (...) (ehrerbietige briefabschließende Grußformel) (bdt. Hochachtungsvoll), Küß die Hand! (ehrerbietige Gruß gegenüber einer Dame) ohne spezifische bdt. Entsprechung). Die drei letzten Grußformen wirken in Deutschland meistens ironisch.1 6 9 Militärische Kommandos unterscheiden sich in z.B. Habt acht! (bdt. Stillgestanden!) oder Ruht! (militärisch) (bdt. Rührt euch!).1 7 0 Für den österreichischen Sprachgebrauch ist die Verwendung von Titeln typisch und gehört auch zu den verbreiteten stereotypischen Vorstellungen von den Österreichern in den anderen deutschsprachigen Ländern. Viele alte Amtstitel sind verschwunden, trotzdem existieren einige Titel nur in Österreich und die entsprechenden Positionen in den anderen Varietäten der deutschen Sprache liegen nicht vor, z.B. der Hofrat - Titel verdienstvoller Beamter der staatlichen Verwaltung mit akademischer Ausbildung; dies bleibt auch nach der jüngsten Reform der Beamtentitel. Der akademische Grad Magister/Magistra wird beim Namen gegenüber Deutschland und der Schweiz angeführt und als Anrede gebraucht. Heutzutage ändert es sich jedoch allmählich und z.B. auch die Wissenschaftler redet man sich mit den Namen statt mit dem Titel oder mit „Kollege " an.1 7 1 1 6 8 Ebner. 2009. S. 474 1 6 9 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 177. 1 7 0 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 177. 1 7 1 Ebner. 2009. S. 474. 49 Einige weitere Bespiele: Univ.-Doz. Tit.O.P. = Universitätsdozent mit dem Berufstitel ordentlicher Professor, Univ.-Doz. Tit. Ao. Prof. = Universitätsdozent mit dem Berufstitel außerordentlicher Professor.1 7 2 Eine der typisch österreichischen Interjektionen ist z.B. Ui je! O je! (bdt. Oje!). Auch das häufig benutzte Satzäquivalent Sowieso! (bdt. Ja natürlich) (Eigenbeobachtung) ist in diesem Zusammenhang zu nennen.1 7 3 5.5 Wortschatz Die auffälligsten Unterschiede zwischen dem österreichischen Deutsch und dem sog. Binnendeutschen befinden sich auf der Ebene des Wortschatzes sowohl im ausdruckseitigen als auch im semantischen Bereich. Nach Wiesinger kann man der Wortschatz des österreichischen Deutsch nach der räumlichen Verbreitung in sechs Kategorien teilen:1 7 4 1. Der oberdeutsche Wortschatz, den Österreich, der süddeutsche Raum (Bayern und Baden-Württemberg) und die Schweiz gemeinsam haben, z.B.: Bub : Junge, Ferse : Hacke, Orange : Apfelsine, Samstag : Sonnabend, heuer: dieses Jahr, kehren : fegen. 2. Der bairisch-österreichische Wortschatz, aufgrund der für Österreich und Bayern gemeinsamen sprachlichen Grundlagen, z.B.: Maut: Zoll, Scherzel: Anschnitt - oder Endstück des Brotes, Brösel: Paniermehl, Kren : Meerrettich. 3. Der gesamtösterreichische Wortschatz, der einerseits die staatlich gebundene, im allen Bundesländern gültige Verwaltungsterminologie umfasst (im Vergleich zum Binnendeutschen), z.B. Nationalrat : Bundestag, Parlament : Bundeshaus, Landeshauptmann : Ministerpräsident, Obmann : Vorsitzender (eines Vereines), Kundmachung : Bekanntmachung, Journaldienst : Bereitschaftsdienst, Erlagschein : Zahlkarte (bei der Post), Matura : Abitur. 1 7 2 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 178. 1 7 3 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 178 1 7 4 Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 25. - Wiesinger. 2014. S. 496-498. 50 Anderseits hat sich von Wien in ganz Österreich ein gesellschaftsgebundener Verkehrswortschatz durchgesetzt, z.B.: Schultasche : Schulranzen, Jause : Brotzeit, Marille : Aprikose, Obers : Sahne, sich verkühlen : sich (v)erkälten. 4. Der ost- und westösterreichische Wortschatz, der sich als Neuerung von Wien über Österreich verbreitet hat, der Westen Österreichs hält jedoch an der ursprünglichen Bezeichnungen fest, z.B. Fleischhauer (älter Fleischhacker): Metzger, Rauchfang : Kamin, Bartwisch : Kehrwisch, Stoppel : Stöpsel, Stöpsel, Gelse : Mücke. 5. Der regionale Wortschatz, der die regional beschränkten Einrichtungen, Gegenstände und Vorgänge bezeichnet, z.B. im ostösterreichischen Weingebiet Hauer für den Winzer, Sturm für den gärenden Traubensaft, Heuriger für den frischvergorenen neuen Wein. Dazu gehören auch die Besonderheiten im alemannischen Dialekt in Vorarlberg, z.B. schaffen : arbeiten, Schreiner : Tischler, Lauch : Porree, Bestattnis : Begräbnis. Ebenfalls sind die Besonderheiten in Südtirol durch den Einfluss der italienischen Sprache, wie Patent statt Führerschein, Hydrauliker statt Installateur, Macchiato statt Brauner (Kaffee), zu nennen. 6. Es gibt noch eine Gruppe von Wörtern, die mit dem Binnendeutschen übereinstimmen, dazu weisen sie jedoch neben der gebräuchlichen noch eine spezifische Bedeutung auf, z.B. Bäckerei bezeichnet nicht nur das Geschäft eines Bäckers, sondern auch süßes Kleingebäck; jemandem gehört eine Strafe, neben besitzen auch gebühren. Sessel ist einfaches Sitzmöbel mit Lehne, sonst Stuhl. Das Wort ausrichten bedeutet in Österreich auch (neben eine Nachricht ausrichten): jemanden auch bei anderen Leuten ausrichten, nämlich Schlechtes über jemanden reden.175 Neben der räumlichen Gliederung kann man den österreichischen Wortschatz auch nach Sachgebieten aufteilen. Die Auffälligkeiten betreffen alle Lebensbereiche, am häufigsten sind sie aber wohl im Bereich der Verwaltung und der Gastronomie zu finden. Die Nachbarsprachen Österreichs spielen eine wichtige Rolle, besonders die, die im gleichen Staat mit dem deutschsprachigen Österreich verbunden waren - in der Habsburgermonarchie. Die Sprache in Österreich wurde in dieser Zeit von nichtdeutschen Sprachen stark beeinflusst und die Austriazismen kamen auch als Resultat des Festhaltens an fremdsprachigen Formen zustande. Im gastronomischen Sektor treten deutlich die kulturellen Beziehungen Österreichs zu seiner fremdsprachigen Umgebung in Form von Lehnwörtern. Wiesinger. 1988. Seiten 9-30, hier s. 17-18. 51 Die wichtigste Nachbarsprache der damaligen Zeit ist das Italienische, wie viele Wörter italienischer Herkunft nachweisen, z.B. Italienisch: Aranzini ,Orangeať (< aranciata), Biskotten ,Loffelbiskuiť (< biskotti), Frittaten ,Suppeneinlage' (< frittata), Karfiol ,Blumenkohr (< cavolfiore), Melanzane ,Aubergine' (< melanzana), Paradeiser ,Tomate' (< Paradiesapfel (Lehnübersetzung) < pomodoro), Ribisel Johannisbeere' (< ribes), Zibebe ,Rosine' (< zibibbo). Von Bedeutung sind aber auch das Tschechische und das Ungarische. Die Kontakte Österreichs mit Böhmen und Mähen waren aufgrund der gemeinsamen Geschichte sehr eng. In der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie übersiedelten viele tschechische Einwohner nach Wien. Es handelte sich vor allem um Handwerker, aber auch Köchinnen u.a., was zur gegenseitigen Wirkung der beiden Sprachen im Gebiet der Küche beitrugen. Deswegen findet man in Österreich bis heute Wörter tschechischer Herkunft:1 7 6 Buchtel ,Dampfnudel' (< buchtičky), Dalken ,Mehlfladen: [Sachspezifikum] (< vdolky), Golatsche/Kolatsche gefüllter Kuchen, rund oder viereckig' (< koláč), Liwanzen ,eine Art Palatschinken mit Germ' (< lívance), Powidl ,Pflaumenmus' (< povidla), Skubanki (auch Skuwanki, Skuwanken) (< škubánky), Brimsen ,Brieskäse ' (< brynza). Aus dem Ungarischen stammt z.B.: Fogosch ,zander' (< fogas), (< gulyäs), Palatschinke (< palacsinta), die Schreibweise von Gulyas u.a.1 7 7 Die Wörter aus dem gastronomischen Bereich stammen aber auch aus dem Französischen, z.B. Kokosette ,Kokosflocke' (< cocosette, frz. veraltet), Sauce (Schreibweise) (< sauce); aus dem Englischen: Indian ,Truthahn' (< Indian (chicken)), Juice ,Fruchsafť (< juice). Eine Menge von Austriazismen kommt aus dem bairisch-österreichischen Dialekt, z.B. Blunze ,Blutwurst', Busserl ,Küßchen', Erdapfel ,Kartoffel', Germ ,(Back)hefe', Semmelbrösel ,Paniermehl'. Gelegentlich entsteht der Austriazismus als Beibehaltung eines alten germanischen Wortes, während die übrigen nationalen Zentren des Deutschen ein fremdes Wort übernommen haben (Beispiel: Topfen anstelle des aus dem Niedersorbischen entlehnten Quark). Die österreichischen Wörter haben die Herkunft auch in anderen Sprachen, wie z.B. aus dem (West)Jiddischen oder Rotwelschen: Beis(e)l ,Kneipe' (< bajis ,Haus'), Kroatischen: Kukuruz ,Mais' (< kukuruz), Slawischen (nicht genau festlegbar): Kren ,Meerrettich' (< russ. ehren, tschech. křen), Klobasse , Selchwurst, eine grobe gewürzte Wurst' (< tschech. klobása), 1 7 6 Spáčilová, Libuše. Die österreichische Sprachvariante und der Deutschunterreich an den tschechischen Schulen. In: Muhr, Rudolf (Hrsg.): Internationale Arbeiten zum österreichischen Deutsch und seinen nachbarsprachlichen Bezügen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1993. Materialien und Handbücher zum österreichischen Deutsch und zu Deutsch als Fremdsprache. Seiten 99-107, hier s. 99-100. 1 7 7 Spáčilová. 1993. Seiten 99-107, hier s. 101. 52 oder aus dem Slowenischen: Jause Zwischenmahlzeit' (< jüzina ,Mittagessenr ) oder aus dem Afrikanischen: Aschanti ,Erdnuss'.1 7 8 Die lexikalischen Austriazismen spielen die größte Rolle in der Darstellung des österreichischen Deutsch, sodass sie auch in den österreichischen Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union zum Thema wurden. Die 23 Wortaustriazismen im Bereich der Gastronomie, die für die E U amtlich anerkannt wurden, sind im Anhang zu finden. Es gibt jedoch natürlich weit mehr österreichische Ausdrücke als die im Protokoll Nr. 10 angeführte Wörter. Das folgende Wörterverzeichnis enthält Ausdrücke aus dem Bereich der Gastronomie, zusammengestellt von Ulrich A m m o n 1 7 9 und von Jakob Ebner1 8 0 . Eine Auswahl anhand der angeführten Quellen soll eine Art Überblick über die wichtigsten Besonderheiten des österreichischen Wortschatzes im gastronomischen Bereich vermitteln. Die Liste enthält in der ersten Reihe die Wortvarianten gleicher Bedeutung. Die Aranzini (PI.) (bdt. das Orangeat), die Bäckerei/das süße Gebäck (bdt. das süße Gebäck), bähen/rösten (bdt. rösten), der Bärendreck/ Bärenzucker (bdt. Lakritze), das Beinfleisch (bdt. Querrippe), Beiried (Rindfleischsorte) (bdt. Rippstück), das Beugel (bdt. Hörnchen, Kipfel), das Beuschel/die Lunge (bdt. die Lunge), das Blau-/Rotkraut (bdt. der Rotkohl/Rotkraut, bayr. Blaukraut), die Biskotte (bdt. das Biskuit), Blunze (bdt. Blutwurst), die Bofese/Pafese/Pofese (bdt. armer Ritter), der Brimsen - Schafkäse, Buchtel (bdt. Dampfnudel), der Bummerlsalat (bdt. Wintersalat, Eisbergsalat), die Dille/das Dillenkraut (bdt. der Dill), Eierschwamm (bdt. Pfifferling), die Eierspeise (bdt. das Rührei), Eiklar (bdt. Eiweiß), Einbrenn (bdt. Mehlschwitze, süddt. Einbrenne), der Erdapfel/die Kartoffel (bdt. die Kartoffel), die Erdäpfelplatzke (bdt. Kartoffelplätzchen), das Erdapfelpüree (bdt. das Kartoffellpüree/der Kartoffelbrei), Faschiertes (bdt. Hackfleisch, Gehacktes), das faschierte Laibchen/das Fleischlaibchen (bdt. die Frikadelle; die Bulette - landschaftlich), Filz/(roher) Schweinespeck (bdt. (roher) Schweinespeck), Fisole (bdt. grüne Bohne), Fogosch (ostösterr.ySchill/Zander (bdt. Zander), Frankfurter (Würstel) (Wiener steht für Wiener Schnitzel) (bdt. Frankfurter (Würstchen)AViener (Würstchen), die Germ (bdt. die (Back-)Hefe, norddt. der Gest), Geröstete/geröstete Erdäpfel (bdt. Bratkartoffeln), das Gerstel (bdt. die 1 7 8 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995.178-180. 1 7 9 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 155-156. 1 8 0 Ebner, Jakob. Wie sagt man in Österreich?: Wörterbuch des österreichischen Deutsch. 4., völlig Überarb. Afl. Mannheim: Dudenverlag, c2009. S. 451. Ebner, Jakob. Küche & Keller. Wörterbuch in Rotweißrot. Verlagsgmbh & Co. KG, Wien, 2004. S. 5-78. 53 Graupe), Geselcht/geräuchert (bdt. geräuchert), Gesponnener Zucker (bdt. Zuckerwate), der Gespritzte (bdt. die Schorle), Gestockte Milch (bdt. Dickmilch, Sauermilch), Die Grammel (bdt. Griebe), der Gugelhupf (bdt. der Napfkuchen), (eine Speise) gustieren/kosten (bdt. kosten), gustiös/appetitanregend (bdt. appetitanregend), Häuptelsalat (bdt. Kopfsalat), Heikel/wählerisch (beim Essen) (bdt. wählerisch), das Hend(e)l/Henderl (zum Braten) (bdt. das Hähnchen, ostdt. der Broiler), Heuriger (bdt. neuer Wein), der Holler (bdt. Holunder), der Indianerkrapfen/die Schwedenbombe (bdt der Mohrenkopf, der Negerkuß), die Jause/das Gabelfrühstück (bes. ostösterr.) (bdt. das zweite Frühstück), die Jause/ die Märende (bes. in Tirol) (bdt. das Kaffeetrinken, bayr. Brotzeit), der Kaffeesud (bdt. Kaffeesatz), Kanditen (Kaufmannssprache)/Zuckerwaren (bdt. kandierte Früchte), das Karee (bdt. Rippenstück), Karfiol (bdt. Blumenkohl), die Karotte (bdt. Möhre, Mohrrübe), das Kipfe(r)l (bdt. das Hörnchen), Koch/Brei (z.B. Brießkoch) (bdt. Brei), das Kokosette/das Kokosflocken (bdt. Kokosflocken), Knödel (bdt. Kloß), die Kohlrübe/der Kohlrabi (bdt. Kohlrabi), Krapfen (= bayr., bdt. Berliner, Berliner Pfannkuchen), der Krautwickel (bdt. Krautroulade), Kren (= bayr., bdt. Meerrettich), Kukuruz/Mais (bdt. Mais), Lebzelten/Lebkuchen (bdt. Lebkuchen), der Lungenbraten/das Filet (bdt. das Filet, der Lendenbraten), Melanzane (PI. Melanzani) (bdt. Aubergine), Marille (bdt. Aprikose), Maroni (PL) (= bayr., bdt.Maronen), Nachtmahl (PI. Nachmähler)/Abendessen) (bdt. Abendessen; Abendbrot (als kalte Mahlzeit), Nockerl (bdt. Spätzle), das (Schlag)Obers/der (Schlag)Rahm (bdt. die (Schlag)Sahne), Ochsenschlepp (bdt. Ochsenschwanz), die Palatschinke (bdt. der Pfannkuchen), Panier (bdt. Panade), der Paradeiser/die Tomate (bdt. die Tomate), der Powidl (bdt. Pflaumenmus), der Presswurst (bdt. Presskopf, Presssack), der Quittenkäs(e) (bdt. das Quittenbrot), Rahne/rote Rübe (bdt. rote Bete/rote Rübe), resch/knusprig (bdt. knusprig), Ribisel/Johannisbeere (bdt. Johannisbeere), der Rieddeckel (bdt. Schmorrippe), Rindsuppe (bdt. Bouillon/Fleischbrühe), Ringlotte (bdt. Reineclaude/Reneklode), Die Rösterdämpfel (bdt. Bratkartoffeln, Röstkartoffeln), das Scherzel Brotanschnitt (bdt. der Kanten), schlecken (bdt. naschen), das Schöpserne (bdt. Hammelfleisch), der Schwamm/ das Schwammerl/ der Pilz (bdt. Pilz), Schwarzbeere/Heidelbeere (bdt. Heidelbeere, Blaubeere), selchen/räuchern (bdt. rächern/rauchen (Fachsprache)), Selchfleisch/Geselchtes (bdt. Rauchfleisch), das Selchkarree/ein Geselchtes (bdt. das Rippchen/der/das Kasseler Rippe(n)speer), die Semmel (= bayr., bdt. das Brötchen), der Schlegel, Schlögel (bdt. Hinterkeule, bes. beim Kalb, Reh usw.), Semmelbrösel (meist. PL) (bdt. Paniermehl), der Sprossenkohl/die Kohlsprossen (PL) (bdt. der Rosenkohl), Stauzucker (= süddt, bdt. Puderzucker), Stelze (z.B. Kalbsstelze) (bdt. Haxe), die Sulz (=süddt, bdt. die Sülze), Sturm (bdt. (gärender) neuer Wein), 54 Surfleisch/Pöckelfleisch (bdt. Pökelfleisch), die Teebutter (bdt. Markenbutter, Butter erster Güteklasse), Topfen, Schotten (bes. westösterr.) (bdt. Quark, bayr. Topfen), überkühlen/abkühlen (bdt. Abkühlen), versprudeln (bdt. verquirlen), der Vogerlsalat/der Feldsalat (bdt. Feldsalat/das Rapünzchen/die Rapunze), der Wadschinken, Wadschunken (bdt. ausgelöste Hesse), das Weckerl (bdt. Brötchen), Weinbeere/Zibebe/Rosine (bdt. Rosine), das Weißkraut (bdt. der Weißkohl), die Windbäckerei/das Baiser (bdt. Baiser/die Meringe), der Zeller (bdt. Sellerie), Zelten (bdt. Plätzchen), Zuckerl (bdt. Bonbon), die Zwetsche (bdt. Pflaume), der Zwetschkerne (bdt. Zwetschkenschnaps). Der Übergang zu den Sachspezifika, deren Benennungen hier nicht als nationale Sprachvarianten aufgefasst werden, ist oft fließend. Dies zeigt sich besonders an den folgenden Beispielen: Brauner (bdt. Kaffee mit Sahne), kleiner Brauner (bdt. Mokka mit Sahne), Einspänner (bdt. Großer Mokka mit Sahne), die Melange (bdt. der Milchkaffee), Golatsche/Kolatsche (z.B. Topfengolatsche) (bdt. Tasche/Schnitte, z.B. Quarktasche/schnitte), der Röster (bdt. das Kompott/das Mus - jeweils aus Holunderbeeren und Zwetschgen), Kaiserfleisch (gepökeltes Bauchfleisch), die Mehlspeis(e) (bdt. der Nachtisch, Süßspeise, der Kuchen, (Brot)Wecken (bdt. (Brot)Laib), z.B. Germknödel, Kaiserschmarren).1 8 1 In den Wörterbüchern von Jakob Ebner sind ebenfalls die österreichischen Speisen und Lebensmittel mit Erklärung zu finden. Die ausgewählten Lemmata sind wortgetreu aus Ebners Wörterbüchern Wie sagt man in Österreich? Wörterbuch des österreichischen Deutsch und Küche & Keller. Wörterbuch im Rotweißrot übernommen.1 8 2 Ich habe vor allem diejenigen Wörter ausgewählt, die nicht nur regional vorkommen, sondern die, die in Österreich deutlich verbreitet sind und im allgemeinen Bewusstsein präsentiert sind: Die Backerbsen - Suppeneinlage aus Teig in Form von kleinen Kugeln. Das Dampfl - aus Mehl, Wasser und Sauerteig oder Hefe bereiteter Teig, der einige Zeit gehen muss, bis er endgültig zum Backen von Brot o.Ä. verwendet werden kann. Die Flachse - Sehne. Zähes, sehniges Fleisch, bezeichnet man daher als flachsig. 1 8 1 Ammon. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz: das Problem der nationalen Varietäten. 1995. S. 157-160. 1 8 2 Ebner. Wie sagt man in Österreich. Wörterbuch des österreichischen Deutsch. 2009. Ebner. Kücher&Keller. 2004. 55 Flaumig - weich und locker (von einem Teig oder Zutaten), flaumig rühren" steht oft in Kochbüchern. Der Fleck - flacher, auf dem Backblech gebackener und mit Früchten belegter Kuchen, z.B. Kirschenfleck, Marillenfleck. Die Fleckerl - geschnittene Stücke aus dünnem Nudelteig. Sie werden (vermengt mit Wurstoder Fleischstücken) als Hauptspeise gegessen, als Beilage oder als Suppeneinlage verwendet. Farfeln, Farferln PI. - Suppeneinlage in Form von kleinen erbsengroßen Nockerln. Das Flesserl - mit Kümmel oder Salz bestreutes Gebäck in Zopfform. Die Frittate - nudelig geschnittener dünner Palatschinken als Suppeneinlage. Der Gerebelte - Wein von einzeln abgenommenen (gerebelten) Trauben. Gilt als besonders qualitätsvoll. Das Göderl - fettes Schweinefleisch vom Kinn. Die Halbe - ein halber Liter, meist von Bier oder Most. Im Osten dafür eher Krügel. Das Hasenöhrl/ Polsterzipf - mit Marmelade gefüllte Teigtasche. Das Himbeerkracherl - eine Himbeerlimonade. Die Hohlhippe - röhrenförmiges Gebäck, das zum Eis gereicht wird. Das Junge - essbare Innereien von gewissen Tieren. Es gibt Entenjunge, Gansljunge, Hansenjunge, Hühnerjunge, Rehnjunge usw. Die Käsekrainer - heiß gegessene (Grill)wurst, mit Käsewürfeln gespickt. Der Kavalierspitz/der Kruspelspitz - Rindfleisch von der Unterseite des Schulterblattes, Kammes, besonders zum Kochen geeignet. Das Kletzenbrot - sehr dunkles Brot aus gedörrten Birnen, Mehl, verschieden Gewürzen. Der Kramperltee - Heilkräutertee aus Isländischem Moos. Das Kücherl - rundes Schmalzgebäck, oft mit Marmelade gefüllt, ähnlich Faschingskrapfen. Die Kutteln - essbare Eingeweideteile, besonders vom Rind (Kaidaunen). 56 Die Masse - gerührtes mit hohem Anteil an Eiern, im Gegensatz zu Teig mit hohem Mehlanteil, z.B. die Punschmasse. Mehl: Glattes Mehl - fein gemahlen; griffiges Mehl - grobkörnig. Das Meisel - Rindfleisch von der Schulter. Der Milchrahmstrudel - Strudel mit einer Füllung aus Semmelwürfeln u. a. Er wird mit Milch übergössen und warm mit Vanillesauce serviert. Die Pogatsche - fest gebackenes flaches, salziges Weißbrot, mit Butter oder Grammeln zubereitet, urspr. bes. zum Wein gereicht. Das Pratzel - ein Rindfleischteil. Man unterscheidet das vordere Pratzel (Fleisch um den Röhrenknochen) und das hintere Pratzel (Fleisch vom unteren Teil der Keule). Der Quargel - kleiner, runder, stark riechender Käse; Ölmützer Stinkkäse. Der Rahm - man unterscheidet sauren und süßen Rahm (letzterer heißt in Wien Obers, beide bdt. Sahne). Das Ritschert, Ritscher - Speise aus Graupen, geräuchertem Fleisch und Hülsenfrüchten. Der Saft - nennt man in der österreichischen Küche, was man in Deutschland als Bratensoße bezeichnet. Der Scheiterhaufen - Speise aus Weißbrot oder Semmelstücken, Milch, Eiern, Zucker und Rosinen. Der Scherz - Brotanschnitt, Endstück des Brotlaibs, auch ein sehr dickes Stück Brot. Das Scherzel - Rindfleisch zwischen Hinterbeinen und Hüften, geeignet zum Kochen und Dünsten. Die Schlosserbuben- Süßigkeit aus Dörrpflaumen und Marzipan. Das Schmankerl - Leckerbissen, zunehmend auch in Deutschland gebräuchlich. Der Schmarren - in der Pfanne gebackene Mehlspeise aus Omelettenteig, Kartoffeln, Kipferln oder Grieß. Die Schnitten - Waffeln; Kuchen, der im Ganzen auf dem Blech gebacken und dann in Stücke geschnitten wird (seltener auch in Deutschland). 57 Das Schöberl - Suppenanlage aus Biskuit mit Hirn, Milz, Schinken u.Ä. Der Schopfbraten - Fleisch vom Halsstück des Schweins. Das Selchfleisch - geräuchertes Fleisch, Rauchfleisch. Der Steckerlfisch - an einem Spieß gebratener Fisch, wird an einem Stand angeboten. Der Sterz - Teig aus Mehl, Grieß, Mais o.Ä., in Fett gebacken oder in heißem Wasser gekocht. Je nach Zutatengibt es Erdäpfel sterz, Heidensterz usw. Das Stifterl - kleine Weinflasche mir einem Viertelliter Inhalt. Die Stosuppe, Stoßsuppe - mit Kümmel gewürzte Suppe aus Sauerrahm. Die Straube - Schmalzgebäck aus Tropfteig, Hefeteig oder Brandteig. Der Tafelspitz - Rindfleisch von der Hüfte; Gericht aus Rindfleisch. Der Tropfteig - flüssiger Teig, der in die kochende Suppe getropft wird. unterspickt - mit Fett durchgezogen (vom Fleisch). Das Verhackert - Aufstrich aus klein gehacktem geräuchertem Schweinespeck. Das Wammerl - minderes Bauchfleisch vom Kalb. Das Wandl - Backform aus Blech für Kleingebäck und Suppeneinlagen, Terrine. Auch für j ede Speise, die darin zubereitet wird, z.B: Erdäpfelwandl, Reiswandl usw. Der Wecken - Brot in länglicher Form, meist 1 kg schwer. Der Weinbeißer - mit weißer Glasur überzogener Lebkuchen in Form von Biskotten, in Deutschland selten. Die Windbäckerei/ die Windmasse - Schaumgebäck aus Eischnee und Zucker, Baiser und Meringe. Das Wurzelfleisch - gekochtes Schweinefleisch (Bauchfleisch) mit Wurzelgemüse. Das Wurzelwerk, kurz Wurzeln - Wurzelgemüse für Suppen und Fleischspeisen. Dazu gehören Petersiliewurzeln, Sellerie, Karotten und Gelbe Rüben. Der Zapfen - mageres Rindfleisch von der Keule. 58 Die vorliegende Übersicht der österreichischen Ausdrücke im Bereich der Gastronomie soll eine Einsicht in das österreichische Deutsch geben. Sie umfasst die Liste des Wörterverzeichnis, das von Ulrich Ammon zusammengestellt wurde, ist mit den Ausdrücken aus den Wörterbüchern Ebners ergänzt. Der zweite Teil der Wortschatzliste enthält die österreichischen Lebensmittel und Speisen, schöpft aus Ebners erwähnten Wörterbüchern, wobei vor allem die allgemein bekannten Ausdrücke berücksichtigt wurden. Die Regionalismen, die sich nur auf einzelne Bundesländer beziehen, blieben ausgeschlossen. 59 6. Didaktik des österreichischen Deutsch Wie bereits erwähnt wurde, ist die deutsche Sprache eine plurizentrische Sprache. Sie erstreckt sich über mehrere Zentren der sprachlichen Entwicklung, in welchen jeweils eine sogenannte nationale Varietät mit eigenen Normen erscheint. Die Sprache spielt eine wichtige Rolle für die Identitätsbildung und bei der Zugehörigkeit zu einer Nation und bedeutet nicht dieselbe nationale, soziale und kulturelle Identität. Die Verhältnisse zwischen D(ominanten) und A(nderen) NationalVarietäten innerhalb der plurizentrischen Sprachen hat auch Konsequenzen für den Sprachunterricht, sowohl für die Muttersprachler, als auch für den Fremdsprachenunterricht. Die Anerkennung der nationalen Varianten des Deutschen stellt beträchtliche Auswirkungen und Schwierigkeiten für den Fremdsprachenlehrer und den Fremdsprachenunterricht dar. Es gibt dabei aber einen Unterschied zwischen einem DaFUnterricht im deutschsprachigen Inland und einem DaF-Unterricht im nichtdeutschsprachigen Ausland. Der DaF-Unterricht im deutschsprachigen Inland richtet sich primär nach den Normen des jeweiligen Landes, ohne sich den regionalen Auffälligkeiten zu widmen. Dieses Prinzip gilt nicht für den DaF-Unterricht im Ausland. Im Ausland sind die Lerner daran interessiert, dass die Fremdsprache universell verwendbar ist und die DaF-Lehrer wollen sicher sein, welche Varianten und Normen als korrekt anzusehen sind, um ein adäquates sprachliches Modell den Lernern zu vermitteln.1 8 3 Im Deutschunterricht und daher auch in den Lehrwerken und Zusatzmaterialien müssen Informationen über den ganzen deutschsprachigen Raum berücksichtigt werden. Für die Unterstützung des österreichischen Deutsch im Ausland etablierte sich vornehmlich im Jahre 1984 der Österreichische Verband für Deutsch als Fremdsprache und Deutsch als Zweitsprache (ÖDaF), weiter die DaF-Lehrstühle Wien (1993) und Graz (1995), die Kultur und Sprache (1993) oder auch das Österreich Institut (1997). Im Jahre 1994 wurde das Österreichische Sprachdiplom Deutsch als ein Prüfungsystem für Deutsch als Fremdsprache konzipiert, wie später auch das Zertifikat Deutsch (1999), die erste trinationale Sprachprüfung. Ziel des Zertifikats Deutsch ist den Lernenden die erworbenen Kompetenzen in dieser Richtung zu bescheinigen. Für die Vermittlung und Verbreitung der österreichischen Standardvarietät setzt sich auch das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur ein. Seine Abteilung Kultur 1 8 3 Muhr, Rudolf. Österreichisch - Bundesdeutsch - Schweizerisch. Zur Didaktik des Deutschen als plurizentrische Sprache. In: Muhr, Rudolf (Hrsg.): Internationale Arbeiten zum österreichischen Deutsch und seinen nachbarsprachlichen Bezügen. Wien: Hölder-Pichler-Tempsky, 1993. Materialien und Handbücher zum österreichischen Deutsch und zu Deutsch als Fremdsprache. Seiten 108-123, hiers. 113-116. 60 und Sprache veranstaltet er seit 1988 Seminare für Deutschlehrer ausländischen Schulen und Universitäten.1 8 4 Im Jahre 2007 wurden gemeinsame Ziele des Internationalen Deutschlehrerverbandes definiert, wo Deutschland, Österreich, die Schweiz und Liechtenstein teilnahmen. Es wurden die Maßnahmen erarbeitet, die im DaF-Unterricht eine sprachliche Vielfalt sicherstellen sollen. Allen Bemühungen zum Trotz, das österreichische Standarddeutsch mit dem Binnendeutschen als gleichrangig zu etablieren, stoßt auch in Fachkreisen auf die Vorstellung von dem einen, richtigen Standarddeutsch. Die Thematisierung wird immer noch häufig belächelt und verzerrt dargestellt.1 8 5 U m eine sprachliche und gesellschaftliche Realität zu vermitteln, muss ein kommunikativ orientierter Sprachunterricht auf eine Reihe von Punkten (z.B.: auf der phonetisch-phonologischen, lexikalischen und pragmatischen Ebene) aufmerksam machen. Die Anerkennung der sprachlichen Realität des deutschen Sprachraums ist aber wenig variabel. Rudolf Muhr befürwortet jedoch, nicht nur die Sprache der D(ominanten) Nation, sondern auch von den A(nderen) Varianten zu unterrichten und begründet ausführlich die Notwendigkeit einer plurizentrisch-orientierten DaF-Didaktik. Für den kommunikativen Fremdsprachenunterricht ist notwendig, den Lernern eine verwendungsfähige Sprache zu vermitteln. Die realistischen Situationen müssen präsentiert werden und die im Lehrbuch verwendete Sprache muss authentisch sein, sonst kommt zur Störung in der Kommunikation. Darum ist es notwendig, dass der Lehrer die Lerner über informiert. Diese Forderung wird wegen eines großen Bestands an regionalspezifischen Varianten der deutschen Standardsprache teilweise zurückgewiesen. Die DaF-Lehrbücher können im Gebiet der Basissprache keine regionalen Varianten enthalten und zudem sind die lexikalischen und syntaktischen Besonderheiten nicht so groß.1 8 6 In den Grundstufenlehrbüchern sollte ein möglichst neutrales Deutsch verwendet werden, das die weiteste Verbreitung innerhalb der drei Länder (Deutschland, Österreich und die Schweiz) hat. Wenn sich die Ausdrücke formal und/oder semantisch unterscheiden (wie z.B. Semmel : Brötchen, Trafik : Tabakladen), entscheidet sich der Autor, bzw. Lehrer für eine 1 8 4 Ransmayr. 2006. S. 80. 1 8 5 Hägi, Sara. Die standardsprachliche Variation des deutschen als sprachenpolitisch-didaktisches Problem. In: Alexandra N. Lenz/Manfred M. Glauninger (Hrsg.). Standarddeutsch im 21. Jahrhundert. Theoretische und empirische Ansätze mit einem Fokus auf Österreich. Göttingen: Vienna University Press V&unipress, 2015. Seiten 111-138, hiers. 112-114. 1 8 6 Muhr. 1993. Seiten 108-123, hiers. 117. 61 Variante. Es ist aber erforderlich, im Glossar auf die anderen Varianten hinzuweisen. Der Lehrer sollte die Textsorten nicht nur aus einem bevorzugten Land anbieten, sondern aus allen drei Ländern.1 8 7 Ein Problem stellt die Perfektbildung der Verben sitzen, liegen, stehen u.a. im Hinblick auf den Gebrauch des Hilfsverbs sein oder haben dar. Der Lehrer muss sich entscheiden, dabei sollte ihm das Prinzip der geographischen Nähe zum nächstliegenden deutschsprachigen Land helfen. Die Verwendung in den anderen Varietäten der deutschen Sprache sollte im Glossar verzeichnet werden. Das geht auch die Aussprachenormen an, wobei der Lehrer möglichst wenig regionale Merkmale lehren sollte. Muhr bevorzugt die Aussprache im Süden des deutschen Sprachraums, ohne regionale Besonderheiten. Anderseits sollte das Hörverstehen die Aussprache verschiedener Regionen vermitteln, um die Sensibilität hinsichtlich regionaler Besonderheiten zu fördern.1 8 8 Für die ostmitteleuropäischen Länder ist das Österreichische die primäre Kontaktvariante. Das Tschechische, Ungarische und Slowakische teilen mit dem österreichischen Deutsch viele Lehnwörter aufgrund einer langen gemeinsamen Geschichte und es sollte dabei für den DaF-Unterricht im nichtdeutschen Ausland das Prinzip der geographischen Nähe berücksichtigt werden, was den Unterricht und das Erlernen des Deutschen erleichtern könnte.1 8 9 Für eine plurizentrisch-orientierte DaF-Didaktik gehen daraus nach Muhr fünf Prinzipien hervor:1 9 0 1. Vermittlung überregionaler Produktionsnormen; 2. Vermittlung regionaler Rezeptionsnormen; 3. Multiregionale Darstellung des sprachlichen Materials; 4. Multiregionale Bewusstmachung nationaler Varianten spätestens ab der Mittelstufe; 5. Prinzip der geographischen Nähe zum nächstliegenden deutschsprachigen Land als primärer Orientierungspunkt für Normen. Muhr. 1993. Seiten 108-123, hiers. 117. Zitiert nach Muhr. 1993. Seiten 108-123, hiers. 117. Muhr. 1993. Seiten 108-123, hiers. 117-118. Muhr. 1993. Seiten 108-123, hiers. 118. 62 6.1 Didaktisierungsvorschlag In meiner Diplomarbeit möchte ich Übungen für DaF-Unterricht vorlegen, mit deren Hilfe die Lerner einen Einblick in die österreichische nationale Varietät bekommen könnten. Es ist zu betonen, dass das Binnendeutsche vor allem in der Grammatik oft für die Deutschlehrer und Schüler verbindlich bleibt und viele Lehrbücher sind mit Binnendeutsch als Bezugsgröße verfasst. Der DaF-Unterricht sollte jedoch meiner Meinung nach die oben angeführten Ansätze von Muhr berücksichtigen. Deswegen wird hier dem Bereich der österreichischen Lexik eine größere Aufmerksamkeit gewidmet. Das Ziel dieser Übungen ist, dass die Lernenden ihren Wortschatz um die österreichischen Ausdrücke im Bereich der Gastronomie bereichern. Die vorliegenden Aufgaben sind für das Sprachniveau B1 nach dem Europäischen Referenzrahmen geeignet. 1) Verbinden Sie folgende Austriazismen mit den ensprechenden Ausdrücken im Deutschen der BRD und mit entsprechenden Bildern. 1) der Erdapfel a) der Meerretich 2) die Marille b) der Blumenkohl 3) der Kren c) die Sauerkirsche 4) die Weichsel d) die Kartoffel 5) der Paradeiser e) die Aprikose 6) der Karfiol f) die Tomate 1. 4. 63 2) Was bedeuten folgende Austriazismen auf Deutsch? Ordnen Sie zu. 1) die Ribisel a) ein süß gefülltes Gebäckstück 2) der Zwetschke b) die Möhre 3) die Palatschinke c) grüne Bohne 4) der Krapfen d) die Johannisbeere 5) das Obers e) der Kloß 6) die Karotte f) die Pflaume 7) die Semmel g) die Rosine 8) die Weinbeere/Zibebe h) die Sahne 9) die Fisole i) der Pfannkuchen 10) der Knödel j) das Brötchen 3) Lesen Sie die folgenden Sätze. Ersetzen Sie die fett gedruckten österreichischen Wörter durch bundesdeutsche Ausdrücke. 1) In der Metzgerei in unserer Straße gibt es immer frisches Fleisch. Dort kaufe ich Faschiertes für meine Hamburger. 2) Mein Kind liebt Schockolade und Zuckerl. 3) Meine Oma macht die besten Buchteln mit Zwetschenmus in der Welt! 4) In der Konditorei bestelle ich immer das gleiche - Topfen-Palatschinken. 5) In diesem Imbiss bekommt man das beste gegrillte Henderl in der Stadt. 6) Mein Mann hat mich heute überrascht und zum Frühstück leckere Eierspeise mit Gemüse zubereitet. Pflaumenmus, Fleischerei, Rührei, Bonbon, Hackfleisch, Hänchen, Dampfnudeln, Quarkpfannkuchen 64 Wortschatz Der Schanigarten heißt in Deutschland der Biergarten, z.B. bei Restaurants und Kaffehäusern, die bei schönem Wetter die Stühle im Außenbereich haben. Das Beisel bedeutet in Deutschland die Kneipe. Es ist ein Gasthaus, das länger offen hat und wo man Getränke und kleine Speisen bestellen kann. 4) Welches Lokal besuchen Sie in diesen Situationen? Kreuzen Sie an. 1. Sie gehen mit den Freunden engliches Bier in probieren. • ein Pub • ein Restaurant • ein Café 2. Bei schönem Wetter ist am gemütlichsten, Kaffee in zu genießen. • einer Bar • einem Schannigarten • einem Beisel 3. Sie besuchen Wien und um 22 Uhr möchten Sie etwas essen und trinken. Wohin gehen Sie? In • ein Café • ein Beisel • einen Schanigarten 4. Sie sind hungrig und Sie haben wenig Zeit zum essen. Deswegen gehen Sie ...., wo man schnell fertige Snacks verkauft. • zu einem Würstelstand • in ein Restaurant • in ein Beisel 5. Die Mutter geht mit ihrem Kind , um ihm Kuchen und Eis zu kaufen. • in ein Restaurant • in eine Bar • in eine Konditorei. 65 5) Verstehen Sie eine österreichische Speisekarte? Ordnen Sie die Speisen zur Erklärung und zu den Bildern zu. Klären Sie die unbekannten Wörter mit dem Wörterbuch. 1) Wiener Schnitzel a) Teigwaren, Nockerlteig mit Käse. 2) Germknödel b) Nudeln mit Weißkraut und Speck. 3) Kaiserschmarrn c) Mit einer Füllung aus Semmelwürfeln u.a. Er wird mit Milch übergössen und warm mit Vanillesauce serviert. 4) Krautfleckerl mit Speck d) Eine Zubereitung aus Palatschinkenteig, mit Staubzucker bestreut und traditionell mit Zwetschkenrösterserviert. 5) Milchrahmstrudel e) Ein dünnes, paniertes Schnitzel aus Kalbleisch. 6) Kasnocken f) Mit Powidl gefüllte Knödel aus Hefeteig, mit zerlassener Butter übergössen und mit Mohn und Staubzucker bestreut. 1. 2. 3. 6) Konversationsübung. Arbeiten Sie zu zweit: Sie besuchen ein Kaffeehaus in Wien. Führen Sie ein Gespräch mit dem Kellner/der Kellnerin. Verwenden Sie die Wörter aus den obigen Übungen. 66 7) Lesen Sie das Rezept auf den MarillengugelhupJ191 und klären Sie die unbekannten Wörter mit einem Wörterbuch. Zutaten: • 4 E L Kristallzucker • 150 g geriebene Wal- oder Haselnüsse • 150 g glattes Mehl • 150 g Topfen • Vi Pkg. Backpulver • 1 Pkg. Vanillezucker • V2 T L Zimtpulver • Prise Nelkepulver Zubereitung: 1. Gewaschen Marillen in ca. 1 cm große Würfel schneiden 2. Guglhupfform mit flüssiger Butter ausstreichen, Backrohr auf 180 °C Heißluft vorheizen. 3. Butter und Staubzucker cremig rühren. Eidotter nacheinander einmengen. M i t Zimt, Nelken und Vanillezucker aromatisieren. Topfen und Marillen unter rühren. 4. Mehl mit Nüssen und Backpulver vermengen. 5. Eiklar mit Kristallzucker zu steifem Schnee schlagen. Schnee und Mehl-NussMasse abwechselnd unter den Butterabtrieb ziehen. 6. Masse in die Gugelhupfform füllen, 50 - 55 Minuten backen. Kurz überkühlen lassen und dann stürzen. 7. V o r dem Portionieren kräftig mit Staubzucker bestreuen oder mit Zitronenglasur überziehen und die Nachspeise genießen. Backzeit: 50 - 55 Minuten. 191 Österreich. Das offizielle Tourismus Portal [online]. Österreich Werbung Wien [zit. 7.6.2019]. In: https://www.austria.info/ch/aktivitaten/essen-und-trinken/osterreichische-rezepte/osterreichische- desserts/guglhupf-rezepte/marillenguglhupf-mit-nussen. 3 Eier 300 g Marillen 120 g Butter 110 g Staubzucker 67 Wortschatz Eine Prise = ein wenig, ein bisschen (für Salz, Gewürze usw.) E L = Mengenangabe, Esslöffel T L = Teelöffel Pkg. = Packung Dag = Dekagramm 8) Was bedeuten diese Wörter? Ordnen Sie zu. 1) ausstreichen a) pudern 2) vorheizen b) herstellen 3) einmengen c) umdrehen, umkippen 4) unterrühren d) vor der eigentlichen Benutzung erwärmen 5) Sahne schlagen e) rührend untermengen 6) bestreuen f) auf den Innenflächen ganz mit etwas bestreichen 7) stürzen g) einmischen 9) Verbinden Sie die Maßeinheiten mit den richtigen Abkürzungen. 1) das Kilogramm a) g 2) das Dekagramm b) F l . 3) das Gramm c) dag 4) das Stück d) M l 5) die Flasche e ) L 6) der Liter f ) K g 7) der Milliliter g) Pkg. 8) die Packung h) Stk. 68 Lösungsblatt 1) l)-d-3., 2)-e-2., 3)-a-5., 4)-c-6., 5)-f-4., 6)-b-l. 2) 1-d, 2-f, 3-i, 4-a, 5-h, 6-b, 7-j, 8-g, 9-c, 10-e. 3) Metzgerei - Fleischerei, Faschiertes - Hackfleisch, Zuckerl - Bonbon, Buchteln Dampfnudeln, Zwetschenmus - Pflaumenmus, Topfenpalatschinken - Quarkpfannkuchen, Henderl - Hänchen, Eierspeise - Rührei. 4) 1 - ein Pub, 2 - einem Schanigarten, 3 - ein Beisel, 4 - zu einem Würstelstand, 5 - in eine Konditorei. 5) l)-e-3., 2)-f-4., 3)-d-2., 4)-b-l., 5)-c-6., 6)-a-5.. 6) Konversationsübung 7) Aufgabe mit dem Wörterbuch 8) l-f, 2-d, 3-g, 4-e, 5-b, 6-a, 7-c. 9) 1-f, 2-c, 3-a, 4-h, 5-b, 6-e, 7-d, 8-g. 69 Zusammenfassung Der Gegenstand dieser Magisterarbeit war die Darstellung des österreichischen Deutsch mit seinen sprachlichen Merkmalen im Vergleich mit der deutschen Sprache in Deutschland. Die Arbeit beschäftigte sich mit der Geschichte der Sprache in Österreich, welche Ereignisse die Sprache beeinflussten und wie sich die Sprache im Laufe der Zeit entwickelte. Es wurde die Problematik der nationalen Varietäten der deutschen Sprache erläutert, zusammen mit der geschichtlichen Entwicklung dieses Bereichs der Sprachwissenschaft. Knapp eingegangen wurde auch auf das von Michael Clyne präsentierte Konzept der plurizentrischen Sprachen. Nach diesem Konzept verfügt die deutsche Sprache über mehrere nationale Varietäten mit mehreren Zentren der Sprache. Eine der nationalen Varietäten ist auch das österreichiche Deutsch mit seinen Besonderheiten. So ist das östereichische Deusch mit seinen Besonderheiten eine der nationalen Varietäten. Einige Sprachwissenchaftler sind aber der Meinung, dass die Unterschiede zu gering sind, damit man von einer eigenständigen Varietät der deutschen Sprache sprechen könnte. Ein ausreichender Grund für die Existenz des österreichischen Deutsch als eine der nationalen Varietäten spricht jedoch, dass Österreich ein souveräner Staat ist. Daneben wurde ebenfalls das Österreichische Wörterbuch herausgegeben, welches das österreichische Deutsch kodifizierte und andere Maßnahmen einbezog, damit das Konzept der plurizentrischen Sprachen ins Bewusstsein kommen konnte. Die Arbeit befasste sich auch mit dem Problem der Identität der Sprache in Österreich, ihrer Stellug und Image im Inland und im Ausland. Es wurde betont, dass die Untersützung der Sprache in Österreich komplex sein sollte und die Sprachplanung eine große Rolle für das Image des Landes und für die Zukunft der Sprache spielt. Das nächste Kapitel richtete sich auf die eigentlichen Sprachbesonderheiten des österreichischen Deutsch und auf die Unterschiede gegenüber dem sog. Binnendeutschen. Die Auffälligkeiten kommen im Bereich der Phonetik, Grammatik und Lexik vor, betreffen aber auch die Schreibung und Pragmatik u.a. In der Aussprache wurden die Unterchiede beim Lautwert bestimmter Vokale und Konsonanten angeführt. Das Gebiet der Grammatik weist Besonderheiten in dem grammatischen Geschecht der einzelnen Wörter auf, in der Pluralbildung der Wörter oder in der Wortbildung der Substantive. Es wurde die Beliebheit der Verkleinerung mit den Suffixen -el, -erl angesprochen oder die Wortbildung mit dem Fugen -S-. Die Arbeit widmete sich auch dem unterchiedlichen Gebrauch der reflexiven Verben, den 70 Hilfsverben bei einigen Perfektformen und der Verwendung von dem Präteritum und Perfekt. Die Spezifika kommen auch im Bereich der Adjektive, Präpositionen, Adverbien und in der Schreibung vor. Im Bereich der Pragmatik stellte die Arbeit die einzelnen Unterschiede in dem zwischenmenschlichen Kontakt vor und erwänte die Verwendung der Titel in Österreich, was in den anderen deutschsprachigen Ländern nicht üblich ist. Das Kapitel setzte mit dem Einblick in den österreichischen Wortschatz fort. Es wurde die Gliederung des Wortschatzes in Österreich besprochen und die Einwirkung der Fremdsprachen, die das österreichische Deutsch beeinflussten. Im Fokus steht der Wortschatz im Bereich der Gastronomie und die Arbeit lag eine Liste der österreichischen Ausdrücke vor. Der letzte Teil beschäftigte sich mit der Didaktik des österreichischen Deutsch. Es wurden Schwierigkeiten für den DaF-Unterricht erörtert und grundlegende Prinzipien besprochen, nach denen sich der Lehrer im DaF-Unterricht richten könnte. Einer der wichtigsten Regeln stellt das Prinzip der geographischen Nähe zu dem nächstliegenden deutschsprachigen Land dar. Im DaF- Unterricht sollte von der Gleichwertigkeit der nationalen Varietäten ausgegangen werden. Die Lernenden sollen auf unterschiedliche Formen der Sprache vorbereitet werden. In dem letzten Teil konzentrierte sich die Arbeit daher auf einen Didaktisierungsvorschlag. Es wurden Aufgaben für den DaF-Unterricht vorgelegt, wobei primär der Wortschatz aus dem Bereich der Gastronomie verarbeitet wurde. Die lexikalischen Besonderheiten Österreichs stellen ebenfalls Sprachmittel des Deutschen dar und deswegen ist für die Lernenden wichtig, ihre Sprachkenntnisse auch um diesen Wortschatz zu erweitern. Die Diplomarbeit sollte das Bewusstsein über das österreichische Deutsch im DaF Unterricht stärken. Dazu sollten die vorgeschlagenen Aufgaben beitragen, dank deren die Lernenden eine Einsicht in das österreichische Deutsch als eine der nationalen Varietät der deutschen Sprache gewinnen können. 71 Literaturverzeichnis A M M O N , Ulrich. 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In: https://www.ris.bka. gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer= 10007687. 74 Anhang Nr. 1 Protokoll Nr. 10 über die Verwendung spezifisch österreichischer Ausdrücke der deutschen Sprache im Rahmen der Europäischen Union Im Rahmen der Europäischen Union gilt folgendes:1 9 2 1. Die in der österreichischen Rechtsordnung enthaltenen und im Anhang zu diesem Protokoll aufgelisteten spezifisch österreichischen Ausdrücke der deutschen Sprache haben den gleichen Status und dürfen mit der gleichen Rechtswirkung verwendet werden wie die in Deutschland verwendeten entsprechenden Ausdrücke, die im Anhang aufgeführt sind. 2. In der deutschen Sprachfassung neuer Rechtsakte werden die im Anhang genannten spezifisch österreichischen Ausdrücke den in Deutschland verwendeten entsprechenden Ausdrücken in geeigneter Form hinzugefügt. Österreich Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften Beiried Roastbeef Eierschwammerl Pfifferling Erdapfel Kartoffel Faschiertes Hackfleisch Fisole Grüne Bohne Grammel Griebe Hüfterl Hüfte Karfiol Blumenkohl Kohlsprossen Rosenkohl Kren Meerrettich Lungenbraten Filet Marille Aprikose Melanzani Aubergine 1 9 2 Rechtsinformationssystem des Bundes. Bundesrecht konsolidiert: Gesamte Rechtsvorschrift für EUBeitrittsvertrag - Akte - Protokoll Nr. 10 [online]. Springer, 2007 [zit. 22.5.2019]. Dostupne z: 75 Nuss Kugel Obers Sahne Paradeiser Tomate Powidl Pflaumenmus Ribisel Johannisbeere Rostbraten Hochrippe Schlögel Keule Topfen Quark Vogerlsalat Feldsalat Weichsel Sauerkirsche 76